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Handball-Nationalmannschaft : Mutiges Votum für Prokop

Nach dem enttäuschenden Abschneiden der deutschen Handballer bei der EM in Kroatien geriet Christian Prokop in die Kritik. Bild: dpa

Trotz des schlechten Abschneidens bei der Europameisterschaft bleibt Christian Prokop Trainer der Handball-Nationalmannschaft. Wie fest der DHB-Coach im Sattel sitzt, ist allerdings fraglich.

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          Noch in Kroatien hatte es Unterstützung für Christian Prokop gegeben, trotz einer verkorksten Europameisterschaft, trotz vermeintlicher Spannungen zwischen dem Bundestrainer und der Nationalmannschaft. Bob Hanning aber, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), behauptete damals trotzig, dass Prokop nicht zur Disposition stehe. Nun, nach einer angeblich intensiven Aufarbeitung des Geschehens, darf Prokop tatsächlich bleiben. Das wurde am späten Montagnachmittag in Hannover bekannt gegeben, nach einer außerordentlichen Sitzung des DHB-Präsidiums. Es sprach dem 39 Jahre alten Prokop also das Vertrauen aus – mit ihm werden somit die nächsten Großereignisse in Angriff genommen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Das sind die Weltmeisterschaft 2019, die Deutschland gemeinsam mit Dänemark ausrichtet, sowie Olympia 2020, für das der DHB die Mission Gold ausgerufen hat. Es ist eine mutige Entscheidung des größten Handballverbandes der Welt, an einem Mann festzuhalten, der bei seinem ersten Turnier heftige Kritik hatte einstecken müssen. Der DHB sprach am Montag von einem gemeinsamen Willen, mit Prokop und dem Nationalteam eine neue Richtung einzuschlagen.

          „Es war sehr gut, dass wir uns die Zeit für die intensive Analyse genommen haben. Ab sofort richten wir unseren Blick nach vorn“, sagte DHB-Chef Andreas Michelmann. Auf den April zum Beispiel. Prokop, dessen Vertrag im vergangenen Jahr mit einer Laufzeit von fünf Jahren bis zum 30. Juni 2022 geschlossen wurde, absolviert mit seinem Team dann einen Lehrgang mit Länderspielen gegen Serbien in Leipzig und Dortmund. Prokop sei sehr erfreut, so der DHB, seine Aufgabe fortsetzen zu können.

          Der Entschluss, mit Prokop weiterzumachen, überrascht umso mehr, als immer wieder die Rede von atmosphärischen Störungen zwischen dem Handball-Lehrer und seinen Spielern war. Zuletzt war sogar kolportiert worden, dass gestandene Kräfte des Teams mit Rücktritt gedroht hätten, falls Prokop seinen Posten behält. „Es gab keine Differenzen in irgendeiner Art und Weise, dass sie uns die allergrößten Sorgen bereiten und nicht behoben werden können“, sagte dazu DHB-Sportvorstand Axel Kromer. Er rechnet damit, auch weiterhin auf die besten Spieler zurückgreifen zu können. Prokop, Nachfolger des Isländers Dagur Sigurdsson, hatte immerhin eingeräumt, in Kroatien Fehler begangen zu haben – und er führte, wie es heißt, nun selbst am vergangenen Freitag noch Gespräche mit den Spielern.

          Der DHB wertete das offenbar als ein Bestreben Prokops, sich zu ändern, die Dinge anders als in Kroatien anzupacken. Da wirkte er teilweise unsicher, fast überfordert. „Es hat eine deutliche Entwicklung beim Trainer gegeben. Was uns dazu veranlasst hat, ihm zu glauben, dass er diesen Weg auch weiter gehen kann“, sagte Michelmann in Hannover. „Wir sind zu 100 Prozent davon überzeugt, dass Prokop mit seiner fachlichen Kompetenz dieses Team voranbringen wird.“

          Prokop hatte für beträchtlichen Aufruhr vor allem damit gesorgt, dass er den Abwehrspezialisten Finn Lemke aus dem Kader für Kroatien strich. Das hatte eine Menge Unruhe im Team hervorgerufen. Zwar wurde Lemke dann doch nachnominiert, das Thema aber ließ Prokop nicht los. Die Probleme von Prokop brachten auch Hanning in die Bredouille. Der Berliner, im Verband für den Leistungssport zuständig, hatte maßgeblich Anteil daran, dass Prokop als Nachfolger des Isländers Dagur Sigurdsson verpflichtet wurde. Der DHB zahlte sogar eine Ablösesumme von angeblich 500.000 Euro an den SC DHfK Leipzig – für einen Mann ohne internationale Erfahrung. Hanning war mit dem Novizen Prokop ein großes Risiko eingegangen; es führte in Kroatien am Ende zu einem desolaten Auftritt.

          Wie Prokop wird nun auch Hanning unter besonderer Beobachtung stehen: zwei, die sich künftig beweisen werden müssen. Schließlich steht viel auf dem Spiel für den DHB. Er muss versuchen, sich nach mehreren sportlichen Rückschlagen wieder aufzurichten. „Wir werden jetzt alle Kraft in das Projekt WM-Medaille stecken“, betonte Hanning. Der deutsche Handball hatte nicht nur in Kroatien erhebliche Kratzer bekommen, das Nationalteam war zudem bei der Weltmeisterschaft 2017 in Frankreich vorzeitig gescheitert – dazu hatten die deutschen Frauen Ende 2017 bei der Handball-Weltmesse auf heimischem Boden früher als erwartet Abschied nehmen müssen. Bittere Momente für eine Handball-Nation, die derzeit allenfalls noch „Veranstaltungs-Weltmeister“ ist. Und die jetzt darauf vertraut, dass ein Mann, der Kroatien schwer angeschlagen verlassen hat, eine Wende herbeiführt.

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