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Vor dem EM-Finale : Deutschlands Handball hat sich zum Glück gezwungen

  • -Aktualisiert am

Gebannte Blicke: Wie geht es nach der EM weiter mit dem Handball in Deutschland? Bild: dpa

Es ist ein altbekanntes Problem im deutschen Handball, dass jeder nur auf sich selbst schaut. In Bezug auf die Nationalmannschaft hat sich das glücklicherweise geändert. Ein Boom ist trotzdem nicht zu erwarten. Ein Kommentar.

          Willkommen im deutschen Handball-Alltag: Der Manager der Rhein-Neckar Löwen, Lars Lamadé, schimpft auf den THW Kiel, weil der sich aus der Konkursmasse des HSV Hamburg bedient. Zwei Profis aus Hamburg hat der Tabellenzweite der Bundesliga geholt. Das kann Lamadé vom Spitzenreiter aus Mannheim nicht gefallen. In Flensburg und Berlin ärgern sie sich über die wegbleibenden Heimspieleinnahmen, weil der HSV nicht mehr antritt. An bösen Worten gegen die Hamburger und die Lizenzierungskommission der Handball-Bundesliga (HBL) wird nicht gespart.

          Es ist ein altbekanntes Problem der deutschen Eliteklasse, dass jeder nur auf sich selbst schaut. Jahrelang galt das auch für die Beziehung zum Deutschen Handballbund (DHB). Der ehemalige Bundestrainer Heiner Brand erlebte Vereine, die ihren Stars verboten, zu Lehrgängen zu reisen. Das hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren geändert. In der größten Not, als der deutsche Handball wegen fehlender Erfolge der Nationalmannschaft von der Bildfläche verschwand und zu einem rein regionalen Phänomen wurde, haben Vereine und Verband den Schulterschluss gesucht.

          „Wir haben jetzt Verständnis füreinander“

          Entscheidender Kopf dieser Entwicklung ist Uwe Schwenker. Der ehemalige Kieler Chef ist als Vizepräsident der HBL auf Ausgleich bedacht. Er sagt: „Wir haben jetzt Verständnis füreinander.“ Mehr Lehrgangstage, ein Austausch der Verbands- und Vereinstrainer und vor allem die Erkenntnis der Klubs, dass es ohne junge, deutsche Spieler nicht geht – viel mehr brauchte es nicht, um den deutschen Handball wieder zu stärken. Die meisten Nationalspieler stammen aus den 16 deutschen Leistungszentren, die seit 2007 entstanden sind. Erst Berlin, Großwallstadt und Magdeburg, nun auch Hamburg und Flensburg sind die Leuchttürme dieser Entwicklung.

          Talente fördern ist das eine, sie einsetzen das Nächste – das, was Brand über Jahre forderte, ohne Gehör zu finden, setzen Klubs wie Wetzlar, Gummersbach und Hannover nun beispielhaft um: die Anschlussförderung. Spezielle Programme für Einzelne wie Fabian Wiede, Jannik Kohlbacher, Andreas Wolff und (den noch verletzten) Paul Drux haben aus Talenten Stammspieler der Eliteauswahl gemacht. Dass die Klubs aus Geldmangel und nicht aus Überzeugung auf die jungen Deutschen setzten, ist aus heutiger Sicht ein Glücksfall für den deutschen Handball.

          Spielplan der Handball-EM 2016: Termine und Ergebnisse

          So muss es nun weitergehen, und die Fehler des Taumels von 2007 müssen vermieden werden. Damals, beim WM-Sieg in Deutschland, profitierten allein die Spieler und ihre Berater vom Boom. Plötzlich verdienten mittelmäßige Profis 20.000 Euro brutto im Monat, die Spitzenklubs Kiel und Hamburg blähten die Kader auf. Nachwuchsarbeit? Das sollten doch bitte die anderen machen!

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          Aus diesem Wettrüsten folgte letztlich auch die Pleite des HSV. Nachhaltig war also nichts am WM-Triumph von 2007, und es folgten Jahre der Dürre. Aber: In der Krise entdeckten viele Klubs den Nachwuchs. Heute ist ein Boom der Liga selbst nach einem möglichen EM-Titel nach dem Finale gegen Spanien (17.30 Uhr / Live in der ARD und im Handball-EM-Ticker auf FAZ.NET) nicht zu erwarten. Dafür fehlen dieser ausgeglichenen Mannschaft die Typen. Es gibt gesunde und kränkelnde Standorte der Bundesliga. Das wird so bleiben. Aber wenn Sponsoren wieder erkennen, welche Kraft und Attraktivität dieser Sport hat, könnten auch die Klubs wieder von der Nationalmannschaft profitieren. Der Fußball bleibt zwar unerreicht. Aber im Wettkampf mit den enteilten Sportarten Eishockey und Basketball hat der Handball wieder bessere Karten.

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