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Eishockey-WM : Ein deutscher „Sieg der Leidenschaft“

Auf ins Viertelfinale! Die deutschen Spieler nach dem Sieg über Lettland. Bild: AP

Das Viertelfinale gegen die Schweiz erarbeitet sich das Team von Bundestrainer Toni Söderholm durch harte Arbeit und viel Herz. Nun wollen alle mehr. Das Ziel: die erste WM-Medaille seit 68 Jahren.

          3 Min.

          Viel schlafen, ordentlich essen und „mental Kraft tanken“. Toni Söderholm hat für die Nationalspieler die Vorbereitung auf das Viertelfinale bewusst „einen Gang zurückgeschaltet“, um am Donnerstag, wenn es gegen die Schweiz in einem prestigeträchtigen Duell um den Einzug in die Vorschlussrunde geht (15.15 Uhr bei Sport 1), „wieder richtig Gas geben zu können“. Der Bundestrainer war nach dem 2:1-Sieg über Lettland (2:0, 0:1, 0:0) „mächtig stolz“ auf die Leistung des Teams, das sich damit zum vierten Mal in fünf Jahren in den Kreis der besten achten Mannschaften bei einer Weltmeisterschaft vorrückte.

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          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Bei den Titelkämpfen in Riga, die nun in ihre entscheidende Phase treten, darf es gerne noch ein bisschen mehr sein. So unverblümt formulierte es jedenfalls Stürmer Markus Eisenschmid von den Adler Mannheim: „Es kann noch viel kommen“, sagte der 26-Jährige, „die Erwartungen werden höher und höher.“

          Mit dem Erfolg warf die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes sehr zum Entsetzen der Fans in der Rigaer Arena, die erstmals zu mehreren Hundert unter Berücksichtigung strenger Corona-Sicherheitsmaßnahmen zugelassen waren, die Truppe des Gastgebers aus dem Turnier.

          Gemeinsam sind sie stark

          Die Tore dazu schossen John-Jason Peterka (4. Minute) und Marcel Noebels (7.), während für den Gegner lediglich der Anschlusstreffer von Rodrigo Abols (26.). Noebels fiel Mitte des zweiten Abschnitts wegen einer Handverletzung aus, sein Einsatz gegen die Schweiz ist fraglich. Ohne ihn, der mit seiner Technik immer wieder die Letten genarrt hatte, verteidigte Söderholms Belegschaft dank „eines großen Herzens“, wie es Eisenschmid ausdrückte, den Vorsprung bis zum Schluss, obwohl der Druck der Balten, denen ein Punkt zum Weiterkommen genügt hätte, stetig wuchs.

          „Es gibt niemanden, der bei uns nicht bereit ist, sich für den anderen zu opfern“, beschrieb Eisenschmid die Hingabe, die unter anderem in Szenen zum Ausdruck kam, als sich Tom Kühnhackl oder Korbinian Holzer in Unterzahl wiederholt in die Schüsse schmissen, als der Puck mit über hundert Kilometern in der Stunde auf sie zuflog.

          Holzer sprach später von einem „Sieg der Leidenschaft“. Längst war er wie der Bundestrainer nicht mit allem einverstanden, was er und die anderen in den sechzig intensiven Minuten anstellten, dafür hätten sie aber einen „brutalen Kampf“ geliefert. „Ich glaube, es war unsere schlechteste Leistung im Turnier, was das Spielerische angeht“, lautete seine Selbstkritik. Torhüter Mathias Niederberger wehrte insgesamt 23 Schüsse ab. „Jeder hat einfach alles reingehauen“, sagte der Verteidiger, „und jetzt geht die Arbeit weiter.“

          Respekt vor der Schweiz

          An Respekt vor den Schweizern mangelt es niemandem im Kreis. Die Eidgenossen, die in der Weltrangliste auf dem achten Platz und damit direkt hinter den Deutschen liegen, absolvierten eine WM-Vorrunde weitgehend ohne Fehl und Tadel; nur die Russen schnitten in der A-Gruppe besser ab als sie. „Sie sind sehr ausgeglichen, haben viel Speed und offensive Power“, benannte Holzer einige Vorzüge, die es zu beachten gelte. „Das wird ein harter Brocken.“

          Auch Kapitän Moritz Müller macht sich um die Schwere der Aufgabe keine falschen Vorstellungen. Doch er geht sie mit Optimismus an – „auch weil wir schon einige Schlachten mit der Schweiz geschlagen“ haben. Unter anderem gehört dazu das denkwürdige Viertelfinale 2010 bei der Heim-WM, als es einen 1:0-Sieg der Deutschen gab, in dessen Anschluss die Fäuste flogen.

          „Einsatz und Wille haben gegen die Letten gepasst“, bilanzierte Müller, jetzt gelte es im Umgang mit dem Puck und bei der Suche nach Lösungen, um gegen einen kompakt verteidigenden Widersacher zu reüssieren, „eine Schippe drauf“ zu legen. „Wir wollen mehr“, beschrieb der Routinier der Kölner Haie das vorherrschende Gemeinschaftsgefühl, das alle antreibt. Letztmals gab es eine WM-Medaille vor 68 Jahren, als der zweite Platz heraussprang, was allerdings bei vier Teilnehmern nicht mit der heutigen Wettbewerbssituation zu vergleichen ist.

          Besondere Rivalität

          „Eine überragende und aufopferungsvolle Teamleistung hat uns durch ein Wellental der Gefühle mit zwölf Punkten ins Viertelfinale geführt. Ich bin dankbar und sehr stolz auf unsere Spieler und das Trainer- und Staff-Team“, gratulierte Verbandspräsident Franz Reindl am Mittwochmorgen. „In beiden WM-Gruppen haben überraschende Ergebnisse für hohe Ausgeglichenheit gesorgt. Selten war der Einzug ins Viertelfinale so eng und umkämpft, das Weiterkommen bei einer WM wird immer schwieriger.“ Die Schweiz bezeichnete Reindl als „eine der stärksten Mannschaften dieses Turniers“ und die Challenge, gegen sie zu bestehen, nannte er „eine tolle Herausforderung.“

          Auch Söderholm freut sich auf das Kräftemessen unter den beiden Ländern, die sich seit jeher in einem speziellen Konkurrenzgedanken verbunden sind. „Rivalitäten sind mit die beste Sache im Sport", sagte der Finne, „ich hatte als Spieler selber das Glück, einige große Derbys zu erleben, ob in Finnland, in der Schweiz oder in Schweden." Am Donnerstag erwartet Söderholm deshalb bei seinen Spielern noch zusätzliche Motivation: „Es sind noch mal ein paar Prozent Reiz, ein paar Prozent Kampfgeist, die mit ins Spiel kommen", sagte er, „es ist ein Spiel, bei dem du rausgehst und sagst: jetzt raus mit den Emotionen, alles raus. Das sind für Sportler die allerschönsten Momente.“

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