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Fecht-WM : Wider die Wahrscheinlichkeit

Nicht rechnen, sondern fechten: Max Hartung (r.) stellt sich dem Wettbewerb Bild: AFP

Weit entfernt von der Fecht-Elite: Eigentlich hat das deutsche Team um Max Hartung bei der WM in Moskau keine Chance. Doch sie treten an, um das Gegenteil zu beweisen.

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          „Wir sind in Deutschland mit weitem Abstand am wenigsten professionell aufgestellt“, sagt Max Hartung, wenn er die großen Fecht-Nationen miteinander vergleicht: Italiener, Franzosen, Russen und Amerikaner seien um Welten entfernt. „Auf lange Sicht sind wir nicht konkurrenzfähig“, meint der derzeit beste deutsche Fechter. Und dennoch tritt er an diesem Dienstag bei den Weltmeisterschaften in Moskau mit dem Ziel an, wider die Wahrscheinlichkeit das Gegenteil zu beweisen. „Bei WM und Olympia war ich zweimal unter den besten acht. Diesmal wäre es klasse, eine Medaille zu gewinnen.“

          Der Dormagener Säbelfechter, nebenbei oder hauptsächlich Student für Soziologie, Politik und Wirtschaft in Friedrichshafen am Bodensee, hat erst vor rund fünf Wochen bei der EM in Montreux Einzel-Silber und Team-Gold gewonnen. Damit war er an zwei der drei deutschen Medaillen beteiligt. Russen, Franzosen und Italiener gewannen jeweils drei Titel - und etliche weitere Medaillen dazu.

          „Willi“ der „Workaholic“

          2014 war Hartung zusammen mit Nicolas Limbach, Matyas Szabo und Benedikt Wagner Team-Weltmeister geworden. Und weil sie alle aus dem gleichen Verein stammen, wird seitdem vom „Dormagener Modell“ gesprochen. Doch mit diesem griffigen Slogan hat der 25-Jährige seine Probleme. Der Modellcharakter würde implizieren, dass es sich um eine geplante Situation handelt. „Doch im Grund ist es eine zufällige Personalbesetzung.“

          Alles fing an mit Vilmoş Szabo. Der gebürtige Rumäne, von den Rheinländern „Willi“ genannt, war selbst Weltklasse-Fechter. 1993 zog er mit seiner Frau nach Dormagen und begann eine zweite Karriere als Fechttrainer. Gut zwanzig Jahre später ist der vom Fechten besessene „Workaholic“ immer noch da. „Was eigentlich unglaublich ist“, wie Hartung meint: „Denn er würde im Ausland ein Mehrfaches verdienen.“

          Sechsstellige Jahresgehälter sind dem Vernehmen nach für Spitzentrainer in den Vereinigten Staaten zu verdienen, in Russland ebenso - nur mit einer höheren Ziffer an der ersten Stelle. Dort hat Alischer Burchanowitsch Usmanow das Sagen, ein russischer Oligarch, der auch Präsident des Internationalen Fechtverbandes ist. Laut „Forbes“-Magazin nimmt der Generaldirektor der Gasprominvestholding in der Weltrangliste Platz 35 ein. Und zwar in der für Dollar-Milliardäre. Verträge mit Trainern pflegt Usmanow so anzubahnen, dass er sie ihre Gehaltsvorstellungen auf Bierdeckeln niederschreiben lässt - und dann noch was draufschlägt.

          Vilmoş Szabo, 50 Jahre alt, ist nicht käuflich. Er gibt sich mit dem mittleren Angestelltensalär eines Bundestrainers zufrieden. Er liebt seine Wahlheimat, engagiert sich sogar im rheinischen Karneval. Und er will und kann seine Trainingsgruppe, die er selbst aufgebaut hat, nicht im Stich lassen. Freut sich, dass sich „seine Jungs“, zu denen auch sein Sohn Matyas gehört, in der Weltelite etabliert haben. Und dass die nächsten vier Talente schon in der zweiten Reihe auf ihre Chance warten.

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