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Deutschland-Achter : Das Wunder von Rom

Legendäre Ruder-Burschen (v.l.): Manfred Rulffs, Walter Schröder, Frank Schepke, Kraft Schepke, Betreuer Karl Wiepcke, Trainer Karl Adam, Moritz von Groddeck, Karl-Heinz Hopp, Klaus Bittner, Hans Lenk; sitzend Steuermann Willi Padge Bild: ullstein bild - DHM

Vor fünfzig Jahren wurde der Deutschland-Achter Olympiasieger. Der Ratzeburger Oberstudienrat Karl Adam war Vater des Erfolgs - und Lebenslehrer der harten jungen Burschen, die sich freiwillig der Schinderei verschrieben. Der Mythos lebt bis heute fort.

          6 Min.

          Er aß sehr gerne Marmeladenbrote. Das Krafttraining demonstrierte er mit einem vernarbten Arm - Spur einer Verletzung aus dem Zweiten Weltkrieg. Er war ein begeisterter Anhänger des Leistungswillens und ein leidenschaftlicher Lehrer. Karl Adam war zu einer Zeit, als in Deutschland das Wirtschaftswunder und die Fresswelle in Schwung kamen, der Mentor einer Truppe harter Burschen. Er lehrte sie, größte Zufriedenheit daraus zu ziehen, dass sie im Training immer und immer wieder ihren inneren Schweinehund besiegten. Er erklärte ihnen, wenn sie Ruderer sein wollten, erwarte sie eine hundsgemeine Schinderei, und sie sagten ja dazu. In einer Zeit, in der viele Väter tot, vermisst, verstummt, politisch diskreditiert und vom Krieg traumatisiert waren, wurde er für seine Sportler Vorbild, Leitbild und Lebenslehrer.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Adam bezeichnete die Überwindung von Unlustgefühlen als ein Glücksrezept. Und die persönliche Entscheidung für die Leistung als einzigen Weg zur vollständigen Entfaltung. Und er brachte den praktischen Beweis für seine Theorien in Form von Erfolg. Am 3. September 1960 gewann der von dem Ratzeburger und seinem Kieler Kollegen Karl Wiepcke trainierte Studenten-Achter bei den Olympischen Spielen von Rom die Goldmedaille.

          Sie trainierten fünf Stunden am Tag

          Es war das erste Mal überhaupt, dass die Vereinigten Staaten auf olympischem Gewässer geschlagen wurden. Und es war das erste Mal, dass ein Achter bei Olympia über 2000 Meter unter sechs Minuten blieb (in 5:57,18). Fünfzig Jahre ist das her. Von den neun Athleten leben heute noch sieben: Schlagmann Manfred Rulffs, der Mittelschullehrer und Bundestrainer wurde, und der Tierarzt Karl-Heinz Hopp starben Anfang 2007 kurz nacheinander. Die anderen dürften am Freitagabend um 18 Uhr einen kleinen Moment innegehalten und an ihre nun ein halbes Jahrhundert alten Erfahrungen zurückgedacht haben: Hans Lenk, der Philosophieprofessor wurde, Klaus Bittner (Oberstudienrat), Walter Schröder (Professor für Sport), Frank Schepke (Unternehmer und Öko-Bauer), Kraft Schepke (Hauptabteilungsleiter im Landessportbund Niedersachsen), Moritz von Groddeck (Journalist) und der Jüngste, Steuermann Willi Padge (Oberstleutnant).

          Der Mythos „Deutschland-Achter” lebt bis heute weiter

          Die meisten beendeten ihre Ruderkarrieren mit 25, 26 Jahren. Doch der Olympiasieg von Castelgandolfo, zu Füßen des päpstlichen Sommersitzes, hat ihre Leben geprägt. Und nicht nur das. Die Goldmedaille von 1960 begründete den Mythos des Deutschland-Achters. Der Olympiasieg dieses Mannschaftsboots gehört zum kollektiven Sporterbe dieses Landes wie die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 oder Hans Günter Winklers Gold-Ritt 1956 in Stockholm. Wohl keine sportliche Großtat wird jemals wieder eine solche Wirkung auf ganz Deutschland ausüben. Und kein Trainer wird jemals wieder solche Autorität und solchen Respekt erlangen wie die Vaterfiguren von damals, wie Sepp Herberger oder Karl Adam, der Ruderprofessor vom Küchensee.

          Besondere Sporternährung war noch kein Thema

          Sie trainierten fünf Stunden am Tag. Sie wohnten in Gastfamilien, in der Jugendherberge oder gleich fest im Bootshaus. Dort hängten sie ihre klammen Trainingsklamotten aus Baumwolle zum Trocknen auf die Bootsausleger und produzierten einen Gestank, den keiner von ihnen je vergessen kann. Weil die Ratzeburger Molkerei ihnen ihre Produkte zur Verfügung stellte - im Gegenzug waren die Packungen mit dem Achter bedruckt -, trank jeder täglich mehr als drei Liter Milch. Moritz von Groddeck, damals der weltbeste Allrounder im Ruderboot, erinnert sich an das Ekelgefühl, das die Plastik-Kannen bei ihm verursachten, in denen die anderen ihre Milch fassten. Er schrubbte sein Aluminium-Gefäß immer mit Sand aus dem See.

          Eine besondere Sporternährung war in dieser Zeit noch kein Thema. Man aß in den Gastfamilien mit, schmierte sich Brote und weichte Müsli ein. Vor der Abreise zur Regatta brachten die Frauen des Ratzeburger Ruderclubs in Papier verpackte Schnitzel zu den Bootsanhängern. Hans Lenk, der Bugmann von Castelgandolfo, bekam von seiner Mutter immer kalte, fettige Eierkuchen eingewickelt, von denen er den anderen manchmal etwas anbot.

          Der Lehrmeister hatte nie Rennen gerudert

          So spartanisch die Lebensweise war, so revolutionär war Klar Adams Trainingsarbeit. Er selbst hatte nie im Wettkampf gerudert - er war Studenten-Weltmeister im Boxen (Schwergewicht) und Hammerwerfer gewesen. Er kam von außen und erkannte wohl deswegen so rasch, wie rückständig das übliche Rudertraining war. Nachdem der Oberstudienrat (Mathematik, Physik) 1948 das Training der Ruderriege an der Lauenburger Gelehrtenschule in Ratzeburg übernommen hatte, reformierte er den ganzen Sport. Weil seine Schüler immer besser wurden, musste der Ratzeburger Ruderclub gegründet werden, später die Ruder-Akademie.

          Adam nahm sich jede einzelne Komponente des Ruderns vor und optimierte sie. Er führte das Intervalltraining aus der Leichtathletik ein. (Dabei wechseln Belastungs- mit Entlastungsphasen ab, wobei durch die unvollständige Erholung ein starker Trainingseffekt erzielt wird). Adam intensivierte das Training mit Scheibenhanteln, das er sich von Gewichthebern hatte erklären lassen, er ließ seine Ruderer Tauklettern und Klimmzüge machen. Adam verbesserte die Rudertechnik in jedem einzelnen Abschnitt der Züge. Er tüftelte immer wieder neue technische Verbesserungen am Gerät aus. So entwickelte er für die Riemen verstellbare Ausleger, um den Hebel an die jeweiligen Bedingungen anpassen zu können. Er veränderte den Riss des Bootskörpers, um ihn strömungsgünstiger zu machen, modifizierte die Anordnung der Riemen, um das Energie raubende Drehmoment zu vermeiden. Und er veränderte die Form der ursprünglich schmalen Ruderblätter, bis sie breit wie Kohlenschaufeln wurden. Mit jedem Schlag wuchteten seine Ruderer ihr Boot weiter voran als die Gegner. Adam erkannte auch, dass regional fixierte Großboote im internationalen Vergleich keine Chance hatten, und setzte auf Renngemeinschaften, also echte Deutschland-Achter. Adams Boote holten sieben Titel bei Welt- und Europameisterschaften und zweimal olympisches Gold, 1960 in Rom und 1968 in Mexiko-Stadt.

          „Es lief, wie es laufen sollte“

          „Die Crew, die Trainer Karl Adam hier geformt hat, ist eine Delikatesse“, schrieb der Reporter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus Rom über den Achter, der bereits im Jahr zuvor in Mâcon Europameister mit mehr als neun Sekunden Vorsprung geworden war. „Nicht die Amerikaner nannte man die größte Konkurrenz, sondern die Kanadier. Trainer Adam aber hatte sie studiert. Er hatte bemerkt, mit welch naiver Regelmäßigkeit dieser Achter bei 1000 und bei 1750 Metern einen Zwischenspurt einlegt. Und er baute seinen Schlachtplan auf der taktischen Unreife der Kanadier auf.“ Adam sagte seinen „Burschen“, sie sollten die Kanadier bei ihren Spurts ruhig herankommen lassen. „Dann aber, wenn sie sich in Front wähnen würden, sollten sie ein paar schnellere Schläge einlegen, also selbst spurten. Der Schock, den dieser Konter erziele, sei eine halbe Bootslänge wert.“ Adam behielt recht. „Es lief, wie es laufen sollte“, hieß es in der F.A.Z. vom Montag, dem 5. September 1960.

          Danach fiel der Achter von Rom auseinander, das Leben ging weiter. Das war ganz in Adams Sinne, der den Sport zwar als Lebensschule, aber nicht als Lebensinhalt ansah. Für ihn war die Leistung im Achter, diesem empfindlichen Boot, das vollkommene Harmonie verlangt, nicht gleichbedeutend mit dem Verschwinden des Einzelnen, mit Robotertum. „Unterordnen ist nicht das Richtige im Mannschaftssport“, sagte er. „Ich meinte immer einordnen.“ Hans Lenk, ein Brillenträger, der eigentlich zu klein und zu gedrungen war für einen Ruderer, und es doch zum Olympiasieger brachte, wird nicht müde, die Ideen seines Mentors zu interpretieren und weiterzutragen. So weit seine Karriere ihn auch führte - drei Jahre lang war er zum Beispiel Präsident der Weltakademie für Philosophie - so blieb Lenk doch Karl Adams unermüdlicher Herold und Erbe. Die von den beiden entwickelte Idee vom „mündigen Athleten“ - das Gegenmodell des Staatssports in der DDR - setzt sich bis heute im olympischen Idealbild fort, etwa in der Rolle der Athletensprecher. Gemeinsam mit Lenk übertrug er Prinzipien der Gruppendynamik auf die sportliche Praxis. „Motivationsprozesse, Cliquenbildungen und Konfliktverläufe wurden erkannt, analysiert, erfolgreich vorausgesagt und beeinflusst“, formuliert Lenk.

          Alle Erkenntnisse gab er an die Konkurrenz weiter

          In der Praxis lief das so: Vor den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko City drohte er seiner Mannschaft, er werde den erfolgreichen süddeutschen Vierer mit den Besten aus dem Achter kombinieren. „Dann hätten wir vielleicht eine Chance.“ Die Protest-Energie der Achter-Crew wurde direkt in Leistung umgewandelt. Dazu kam, dass Adam erstmals im Rudern ein Höhentrainingslager angesetzt hatte - auf 2000 Meter Höhe am Silvretta-See. Zudem sorgte er dafür, dass seine Mannschaft, die noch in Luzern hinter den Russen her gerudert war, mit einem 40 Kilo leichteren Boot antreten konnte. 20 Kilo weniger, hatte er ausgerechnet, machen zwei Sekunden.

          Im Ziel brachen die Ruderer zwar übel zusammen - aber sie hatten das Gold. Es sollte 20 Jahre dauern - bis zu den Olympischen Spielen 1988 in Seoul -, dass wieder ein westdeutscher Achter die Goldmedaille holte. Im geteilten Deutschland war es zwar politisch unkorrekt - aber in der ganzen Bundesrepublik sprach man gleich wieder vom Sieg des „Deutschland-Achters“. Karl Adam war da schon zwölf Jahre tot, er starb mit 64 Jahren an einem Herzinfarkt, seine Ruderer stellten in Lübeck den größten Teil der Trauergäste.

          Adam ließ zu, dass seine Boote kopiert wurden

          Wenn er etwas an ihm kritisieren wolle, sagt der heute 74 Jahre alte Moritz von Groddeck, dann sei es seine Verweigerung der Sportpolitik gegenüber. Er hätte sich um mehr Einfluss in den Verbänden bemühen sollen. Für nationale Sportinteressen allerdings hatte Adam nicht viel übrig. Im Gegenteil: Alle seine Erkenntnisse gab er freudig an die wissbegierigen Abgesandten der Konkurrenz weiter, die ihn in Ratzeburg besuchten. Er hielt Vorträge in den Vereinigten Staaten, Uruguay, Japan und Argentinien. Seine Trainingslehren wurden ins Russische, Französische, Italienische, Spanische und Japanische übersetzt. Adam ließ sogar zu, dass seine Boote sorgfältig nachgemessen und kopiert wurden.

          Im olympischen Finale 1964 in Tokio kam dafür die Rechnung - der Ratzeburger Achter wurde das prominenteste Opfer der Adam-Schule. Er unterlag dem Vesper Boat Club aus Philadelphia. Trainer der Amerikaner war der deutsche Auswanderer Dietrich Rose, der 1961 selbst im Adam-Achter gerudert hatte. Der Schüler siegte - der Lehrer fand das in Ordnung. „Er war der Meinung“, sagt von Groddeck, „dass alle Sportler das Recht haben, mit den besten verfügbaren Methoden trainiert zu werden.“ Und obwohl er selbst im geschlagenen 64er Achter saß, fügt Groddeck an: „Das war seine ganz große Stärke.“

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