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Deutsches Eishockey-Team : „Wir wollen jedes Spiel gewinnen“

Erfolgreicher Haudegen: Korbinian Holzer (r.) will mehr bei dieser WM Bild: AFP

Drei WM-Partien, drei Siege – und so soll es weiter gehen. Seit dem famosen Auftritt bei Olympia 2018 gibt sich das deutsche Eishockey-Team nicht mehr mit der Teilnehmerrolle zufrieden.

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          Am Abend war Schwerstarbeit angesagt und die anschließende Nacht kurz. Und obwohl nicht nur die Beine schmerzten, „fiel das Aufstehen nach so einem Ergebnis leichter“, wie es Korbinian Holzer formulierte. Der 33 Jahre alte Verteidiger hat schon einige bewegende Momente im Trikot der Nationalmannschaft erlebt, aber ein solch denkwürdiges Duell wie am Pfingstmontag mit Kanada bedeutet auch für ihn eine neue Erfahrung.

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          Marc Heinrich
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          Mit dem 3:1 (2:1, 0:0, 1:0) gegen die wie eh und je als Titel-Mitfavorit zur Weltmeisterschaft angereisten Nordamerikaner  gelang der Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) ein Achtungserfolg, der hart erkämpft wurde – und für die früheren Prügelknaben bei internationalen Wettbewerben emotional schon jetzt Gold wert ist. „In der Kabine herrschte eine Bombenstimmung“, berichtete Holzer, „wir haben uns gegenseitig gefeiert, alle waren super drauf.“

          Weil bei ihm und den anderen noch lange nach der Schluss-Sirene jede Menge Adrenalin durch die Blutbahnen rauschte, „war es später im Hotel mit dem Einschlafen schwierig“. Doch dieses Defizit nahmen sie gerne in Kauf. „Von den vielen Schüssen, die wir geblockt haben, tut dir normalerweise alles lange weh“, schilderte Nico Krämmer, der wie Holzer zu den unerschütterlichen Draufgängern des Teams zählt und hinterher voller Begeisterung „in die Eistonne gehüpft ist“, um den malträtierten Körper zu pflegen: „Aber es ist einfach ein gutes Gefühl“, brachte der 28-Jährige Stürmer seine Gemütsverfassung auf den Punkt.

          „Wir wissen, dass wir das Turnier noch nicht gewonnen haben“, sagte er: „Aber wir haben uns ein paar Minuten rausgenommen, um zu genießen.“ Die Deutschen führen ihre Gruppe bei diesem Turnier nach drei Spieltagen ungeschlagen an. Zeit, um die Blessuren eingehender behandeln zu lassen, die sie in einem packenden Schlagabtausch davongetragen hatten, bleibt nicht. Schon an diesem Mittwoch geht es für sie im Programm weiter, dann folgt die Auseinandersetzung mit Aufsteiger Kasachstan (15.15 Uhr, live bei Sport1).

          „Wir wollen immer besser werden. Dann schauen wir, wo das endet“, gab Krämmer einen Einblick in die Marschroute des Ensembles. Es zeigt sich, dass Toni Söderholm bei der Zusammenstellung ein gutes Händchen besaß. Vor dem Aufbruch ins Baltikum waren Fragen aufgekommen, nach welchen Kriterien der Bundestrainer seinen Kader nominierte, wenn doch einige der prägenden Typen der DEL-Saison nicht dabei seien. Söderholms Replik fiel kurz aber prägnant aus. Er habe, betonte der 43-Jährige, eben auch Akteure berufen, die nicht das beste Karrierejahr hinter sich hätten, weil er überzeugt sei, dass sie im Kreis des Nationalteams „eine andere Rolle einnehmen und daher funktionieren“.

          Holzer und Krämmer sparten unisono nicht mit Anerkennung für Söderholm, der seit seiner Amtsübernahme im Herbst 2018 als Nachfolger Marco Sturms längst nicht mehr als Beistand fungiert, um den Abstieg aus der A-Division zu verhindern, sondern die Gruppe als Entwicklungshelfer auf hohem Niveau weiter formt. „Er schärft immer die Sinne“, beschrieb Holzer seine Erwartungen an die mittägliche Trainingseinheit am Dienstag, denn spielerisch war es trotz allem gegen Kanada „nicht das Beste“.

          Mit unnötigen Strafzeiten – unter anderem wegen hohen Stocks – hatte sich die Mannschaft zusätzliche Strapazen eingebrockt, ehe Holzer in der 58. Minute, als der Gegner auf „all or nothing“ umschaltete und seinen Keeper zugunsten eines weiteren Feldspielers vom Eis nahm, per Empty-Net-Goal die Entscheidung erzielte. „Jeder haut sich hier für den anderen rein, jeder gibt 110 Prozent“, sagte Holzer. „Das ist unser großes Faustpfand.“ Er und die anderen fühlten sich „stolz und geehrt“, wenn sie zur Nationalmannschaft eingeladen würden, „und ich denke, das sieht man“. Knackpunkt der Entwicklung und ursächlich für die rasante Transformation – die das Team vom 13. Platz der Weltrangliste auf den siebten Rang klettern ließ – sei der famose Auftritt 2018 bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang gewesen.

          Bis ins Endspiel führte seinerzeit der Siegeszug, als gegen Russland nur wenige Sekunden bis zur Sensation fehlten – und die Silbermedaille war im Nachhinein gesehen trotz aller Enttäuschung ein großer Antrieb. Denn die Lust auf mehr wurde dadurch geweckt. „Damals hat die Nationalmannschaft den Bock umgestoßen und gezeigt, dass wir auch die großen Nationen schlagen können“, sagte Holzer. „Der Glauben hat sich entwickelt und der Anspruch verändert: Heute wollen wir jedes Spiel gewinnen.“

          Draisaitl kommt nicht

          Genau in diesem Sinne soll es in Riga weitergehen. Wobei in der Vorrunde nach der Begegnung mit Kasachstan noch die Matches gegen Finnland an diesem Samstag, die Vereinigten Staaten (Montag) und Lettland (Dienstag) zu bewältigen sind, bevor die K.-o.-Duelle starten. Und bis dahin rückt Unterstützung an: Dominik Kahun verstärkt nach seinem Play-off-Aus in der NHL die Nationalmannschaft. Leon Draisaitl wird dagegen nicht nach Lettland kommen. Das gab der DEB am Dienstagabend bekannt. Das Duo war in der vorangegangenen Nacht mit den Edmonton Oilers im Kampf um den Stanley Cup in der ersten Runde ausgeschieden.

          Kahun, so hieß es, habe sich bereits auf den Weg gemacht. „Mit seiner Schnelligkeit, seinen technischen Fähigkeiten und Erfahrung kann er unserem Spiel noch einmal ein besonderes Element geben“, kommentierte Söderholm die Übereinkunft: „Dass er so schnell ins Flugzeug steigen kann, war der ausschlaggebende Grund. Bei Leon waren die Umstände anders und eine Abreise nicht sofort möglich. Daher haben wir miteinander beschlossen, dass er nicht nach Lettland reist.“ Kahun muss nach seiner Ankunft in Riga wegen der Pandemie sechs Tage in Quarantäne, dann darf er eingesetzt werden.

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