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Deutsches Laufwunder : Schlangen findet die Linie

Zwischen den Spaniern hindurch zu Silber: Carsten Schlangen Bild: dpa

Im Winter auf Ski, in Barcelona mit Spikes: Im 1500-Meter-Rennen beendet Carsten Schlangen seine Laufkrise. Im Jahr zuvor dachte er ans Ende seiner Laufbahn: Der Ausrüster hatte ihm gekündigt, die Trainingsgruppe schien sich aufzulösen.

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          Eine Goldmedaille für Betty Heidler, Silber und Bronze für Silke Spiegelburg und Lisa Rysih – doch so überraschend wie Platz zwei für Carsten Schlangen im 1500-Meter-Lauf der Europameisterschaft kam in Barcelona weder der Sieg der Favoritin im Hammerwerfen noch der Höhenflug der deutschen Stabhochspringerinnen. „Der Lauf lebt wieder“ lautete eine der ersten Schlagzeilen in der Nacht zum gestrigen Samstag, und Carsten Schlangen durfte sich fragen lassen, ob die Laufkrise des Deutschen Leichtathletikverbandes überwunden sei.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Mit Genugtuung erinnerte der 29 Jahre alte Architekturstudent aus Berlin auf den Sieg von Verena Sailer im Sprint am Vortag. „Das war eine große Inspiration für mich“, sagte er. „Die große Krise gibt es nicht. Viel mehr Sorgen als um den Lauf muss man sich um den Sprung machen.“ Es war eher eine persönliche Laufkrise, die Schlangen beschäftigte – und die womöglich erst seinen Erfolg in Barcelona ermöglichte.

          „Wollen wir nicht noch ein Jahr weitermachen?“

          So intensiv wie noch nie hatte sich Schlangen im vergangenen Jahr auf die Weltmeisterschaft in Berlin vorbereitet – und schied im Halbfinale verletzt aus. Er hatte sich im Training einen Ermüdungsbruch im Schienbein zugezogen. Von da an trat er kürzer. Sogar das Ende seines leistungssportlichen Engagements erwog er, zumal sein Ausrüster ihm die Unterstützung aufkündigte und seine Trainingsgruppe sich aufzulösen schien.

          Laufkrise, welche Laufkrise?

          Doch Schlangen wollte nicht gehen ohne das Gefühl, sein Leistungsvermögen ausgeschöpft zu haben. „Wollen wir nicht noch ein Jahr weitermachen?“, fragten sich er und sein Trainer, der Berliner Sportprofessor Roland Wolff. Erst im Winter begann Schlangen wieder mit dem Training. Der lange Winter ermöglichte es ihm, nach dem Trainingslager in Finnland in Berlin weiter Ski zu laufen. Wochenlang zog er mitten in Berlin, im Volkspark Friedrichshain, täglich seine Spuren.

          Das Training auf dem weichen Untergrund schuf das Sprintvermögen

          Als der Schnee geschmolzen war, lief er auf denselben Wegen weiter: querfeldein über die Wiesen. Nicht einmal den Hin- und Rückweg über die steinernen Berliner Bürgersteige mochte er, wie früher, seinen Beinen zumuten. Er fuhr mit dem Rad. Das Training auf dem weichen Untergrund, vermutet Schlangen, schuf das Sprintvermögen, am Freitagabend mit der spanischen Übermacht mitzuhalten, als sich der Endlauf unter dem Jubel von gut zwanzigtausend enthusiastischen spanischen Zuschauern vom taktischen Trab zum dreihundert Meter langen Endspurt wandelte.

          Hinter dem ersten spanischen Goldmedaillengewinner dieser Titelkämpfe, Arturo Casado (3:42,74 Minuten), warf sich Schlangen nach 3:43,52 Sekunden ins Ziel, Millimeter vor Manuel Olmeda (3:43,54) und Reyes Estevez (3:43,67). Die letzten deutschen Läufer, die auf dieser Strecke Medaillen gewannen, waren Jens-Peter Herold, der Olympia-Dritte von Seoul 1988, als er 1990 in Split Europameister wurde, und Hauke Fuhlbrügge, Weltmeisterschafts-Dritter ein Jahr darauf in Tokio.

          „Ein Sportler weiß nie, wann sein Zenit erreicht ist“

          Wenige Minuten nach dem Rennen zeigte Schlangen, dass sein Tief ihn auch das Hoch einzuordnen gelehrt hat. „Vielleicht war das der größte Erfolg meines Lebens“, sagte er. „Das wäre nicht tragisch. Ein Sportler weiß nie, wann sein Zenit erreicht ist.“ Er, der vor vier Jahren in Göteborg sein erstes internationales Rennen bestritt und sich – wie bei seinem Zusammenbruch beim Europacup in München 2007 – seitdem bis zum Umfallen für die Nationalmannschaft einsetzt, wird dennoch darum kämpfen, bei den Olympischen Spielen 2012 in den Endlauf vorzudringen.

          Dabei wird Schlangen weiterhin überraschende Wege einschlagen. Ob er als Silbermedaillengewinner bei den Sportfesten der Diamond League in London und Zürich starten werde, mochte er gar nicht sagen. „Das klingt interessant“, erwiderte er auf die Frage. „Aber am 1. September ist Abgabetermin meiner Diplomarbeit. Vielleicht war dies her mein letztes Rennen für diese Saison.“ Nicht einmal die Teilnahme am Istaf im Olympiastadion seiner Heimatstadt Berlin mochte er versprechen. Die Veranstalter haben ein Meilenrennen im Programm. Schlangen weiß, dass er nun Bedingungen stellen kann. „Ich würde starten“, sagte er in Barcelona, „Wenn es einen 1500- Meter-Lauf gäbe.“

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