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Deutsches Davis-Cup-Team : Verschlafener Neuaufbau

Abputzen, weitermachen: Aber wird es für Philipp Kohlschreiber und das deutsche Davis Cup Team tatsächlich so einfach? Bild: dpa

Nach der 2:3-Niederlage gegen Frankreich müssen sich das Davis-Cup-Team und der deutsche Tennis-Bund dringend Gedanken über die Zukunft machen. Der Weg zurück zu mehr Bedeutung scheint sehr, sehr weit zu sein.

          Es war ein nettes kleines Plakat, das der Davis-Cup-Fanklub der französischen Mannschaft da vor dem ersten Ballwechsel in der Frankfurter Fraport Arena aufhängte: „Ihr seid Weltmeister, aber wir wollen den Davis Cup.“ Deutlicher hätte man die unterschiedlichen Voraussetzungen kaum auf den Punkt bringen können. In Deutschland konzentriert sich viel, wenn nicht alles, auf die Erfolge im Fußball, im Ausland haben auch andere Sportarten große Ziele.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die hatten sie hierzulande im Tennis lange auch, in einer Zeit, als sich viele die Davis-Pokal-Tage dick im Kalender anstrichen. Das ist lange vorbei, viel erwartet wird mittlerweile nicht mehr, und sicher scheinen nur irgendwelche internen Auseinandersetzungen zu sein. Darauf war auch in Frankfurt Verlass: Das deutsche Team unterlag Frankreich recht chancenlos 2:3. Die Niederlage hatte nach dem 0:3-Rückstand schon am Samstag nach dem Doppel festgestanden, in dem Benjamin Becker und André Begemann beim 4:6, 3:6, 2:6 gegen Julien Benneteau/Nicolas Mahut keine Chance hatten. Am Freitag hatten Jan-Lennard Struff 6:7 (4:7), 6:2, 7:6 (7:1), 2:6 und 8:10 gegen Gilles Simon und Philipp Kohlschreiber 4:6, 5:7 und 6:7 gegen Gael Monfils verloren. Am Sonntag verkürzte erst Kohlschreiber mit dem Zweisatzerfolg über Simon (7:6, 6:4), danach holte Struff beim 7:6 und 6:3 gegen Mahut den zweiten Punkt.

          Trend in Deutschland ist negativ

          Dass die deutsche Mannschaft gegen Frankreich letztlich aber chancenlos war, überraschte im Grunde niemanden, auch wenn der Finalteilnehmer der vergangenen Saison auf Spitzenspieler wie Jo-Wilfried Tsonga und Richard Gasquet hatte verzichten müssen. Aber mit sieben Spielern, die derzeit unter den besten 50 Akteuren der Welt stehen, hat der französische Teamchef Arnaud Clément durchaus einige Auswahlmöglichkeiten.

          Trist sieht dagegen die Situation für seinen neuen deutschen Kollegen Michael Kohlmann aus. Der Trend in Deutschland ist deutlich negativ, nur noch fünf Spieler sind unter den besten 100 plaziert, und die beiden aktuell besten Deutschen, Philipp Kohlschreiber (Rang 28) und Benjamin Becker (39), sind schon mehr als 30 Jahre alt. Kohlschreiber war auf Bestreben des neuen Präsidiums zurückgeholt worden, nachdem ihm Kohlmanns Vorgänger Carsten Arriens nach den Querelen im vergangenen Jahr schon im April mitgeteilt hatte, künftig nicht mehr mit ihm zu planen und stattdessen eine neue Mannschaft aufbauen zu wollen.

          Dass es dann wieder weiter mit Kohlschreiber gehen sollte, darüber hatte es eine Kontroverse zwischen Arriens und dem neuen DTB-Präsidium und dort vor allem mit Vizepräsident Dirk Hordorff gegeben. Arriens stolperte darüber schließlich, und am Samstag, als die Niederlage gegen Frankreich festgestanden hatte, sagte sein Nachfolger nun etwas, was auch Arriens schon angestrebt hatte. „Wir müssen eine neue Mannschaft aufbauen“, kündigte Kohlmann an.

          So weit waren sie schon vor einem Jahr gewesen, weil das alte Team allen Kredit verspielt hatte, als sich nach einem schon feststehenden Sieg über Spanien kein Akteur mehr gefunden hatte, der zum unbedeutenden Abschlusseinzel mehr hatte antreten wollen oder können. Die mit einem verjüngten Team folgende Niederlage im Viertelfinale - ebenfalls gegen Frankreich - schien ein Wink für die Zukunft zu sein, den von den Streitigkeiten im Davis-Pokal-Team genervten Anhängern nun künftig eine Mannschaft mit noch unbelasteten Akteuren anzubieten.

          Haben gut lachen: die Franzosen Nicolas Mahut und sein Trainer Arnaud Clément (l.)

          Mit der Rückholaktion von Kohlschreiber war aber deutlich geworden, dass dieser Mut die DTB-Spitze vorerst verlassen hat. Notgedrungen möglicherweise, denn zu weit von der Wettbewerbsfähigkeit scheint die aktuelle zweite Garde noch entfernt zu sein, als dass sich ein Verzicht auf den einzigen Spieler der erweiterten Weltklasse so einfach erklären ließe. Irgendwie, so der Eindruck, muss man sich künftig erst einmal von Termin zu Termin durchhangeln. Es wird dauern, bis jüngere Spieler wie Struff, der am Freitag trotz seiner Niederlage gegen Simon ein bemerkenswert gutes Debüt gegeben hatte, die ganze Geschichte einigermaßen erfolgversprechend übernehmen könnten.

          „Wir haben viele gute junge Spieler“, behauptet zwar Berater Niki Pilic. Im September aber droht in der Relegation nun der Abstieg aus der Weltgruppe, der sportlich möglicherweise sogar eine Hilfe wäre. Den Neuaufbau in der zweiten Liga des Welttennis dort im Fall der Fälle konsequent zu forcieren wäre etwas einfacher, wenn nicht gleich wieder der sofortige Wiederaufstieg als einzig seligmachendes Ziel im Mittelpunkt stehen sollte.

          Hilfe ist nötig

          Ein sportliches Abrutschen aber könnte den DTB in ganz andere Schwierigkeiten bringen. Am Rande des Davis-Pokals stand zwar ein Abwahlantrag des Tennis-Verbandes von Baden-Württemberg gegen Hordorff auf dem Programm der außerordentlichen Mitgliederversammlung, der nach einer Aussprache über die Begleitumstände der Trennung von Arriens dann schließlich zurückgezogen wurde.

          Viel wichtiger war ohnehin die Verabschiedung des Haushalts, der deutlich macht, mit welchen Problemen der DTB zu kämpfen hat. Trotz einer Unterdeckung von 120.000 Euro wurde der Etat einstimmig beschlossen. Neue Sponsoren zu finden könnte angesichts der aktuellen sportlichen Tristesse bei den Herren schwerfallen. Abhilfe soll die Rückkehr in die Förderung des Bundesministeriums des Innern (BMI) schaffen. Dort war der DTB in seinen finanziell und sportlich erfolgreichen Tagen herausgefallen - nun hat er - zumindest projektbezogen - Hilfe nötig. Der Weg zurück zu mehr Bedeutung scheint sehr, sehr weit.

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