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Deutsches Davis-Cup-Team : Ein Hauch der guten alten Zeit

Fünf gegen Frankreich: Auch Kohlschreiber (Mitte) spielt wieder für Deutschland Bild: dpa

diesem Freitag an trifft die deutsche Davis-Cup-Mannschaft auf Frankreich – mit einem neuen Betreuer-Team und dem ewig missverstandenen Philipp Kohlschreiber.

          Wie das nun wieder alles passiert ist, kann sich Philipp Kohlschreiber auch nicht erklären, aber eins möchte er in diesen Tagen klar und deutlich herausstellen: Mit der Ablösung des nun ehemaligen Davis-Cup-Kapitäns Carstens Arriens habe er nicht das Geringste zu tun. „Das sind Personalentscheidungen des Deutschen Tennis-Bundes. Es war nie in meinem Interesse, was da passiert ist, auch wenn man mir was andichten möchte“, sagt der derzeit beste deutsche Tennisspieler und schaut dabei so unschuldig, dass man ihm fast glauben könnte.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Im April vergangenen Jahres hatte ihm Arriens mitgeteilt, dass er künftig auf ihn verzichten werde. Mit der deutlichen Billigung des Verbandspräsidiums sollte der Teamchef eine neue, junge Mannschaft aufbauen, und die Davis-Cup-Karriere von Philipp Kohlschreiber schien nach etlichen Querelen – der Platz für diesen Artikel reicht nicht, um sie alle aufzuzählen und zu erklären – damit nach 24 Einsätzen zu Ende. Aber man soll ja nie nie sagen, erst recht nicht, wenn ein neues Präsidium kommt. Nun also ist Philipp Kohlschreiber zurück im Davis-Cup-Team, dafür ist Arriens weg, und von diesem Freitag an (Live bei Sat 1 Gold) geht es in der Frankfurter Fraport-Arena gegen Frankreich um das Erreichen des Viertelfinales – was allerdings eine ziemlich dicke Überraschung wäre, sollte dies dem deutschen Team tatsächlich gelingen.

          Ist Struff der erste Coup?

          Mit dem immer missverstandenen Kohlschreiber, der sich ja auch schon nicht erklären konnte, wieso er einst beim Rücktritt von Arriens’ Vorgänger Patrik Kühnen eine zentrale Rolle spielte, sind die deutschen Chancen auf einen ähnlichen Coup wie vor einem Jahr, als ein unerwarteter Sieg über Spanien gelang, zwar etwas besser, aber trotzdem immer noch extrem schlecht. Denn die Franzosen müssen zwar auf ihre beiden Spitzenspieler Jo-Wilfried Tsonga und Richard Gasquet verzichten, aber was soll’s – sie haben ja genügend andere.

          Veränderungen im deutschen Team: Kohlschreiber (vorne) ist wieder da, Teamchef Arriens (hinten) ist weg

          Auch Gilles Simon (Rang 14), Gaël Monfils (19) und Julien Benneteau (27) sind in der Weltrangliste noch vor Kohlschreiber (28) plaziert und ziemlich deutlich weiter vorne als der zweite deutsche Einzelspieler Jan-Lennard Struff (74). Der Sauerländer erhielt nach den Trainingseindrücken den Vorzug vor Benjamin Becker, der in der Weltrangliste 35 Plätze besser eingestuft wird, und eröffnet bei seinen Davis-Cup-Debüt gegen Simon die Partie, danach tritt Kohlschreiber gegen Monfils an.

          Könnte ja sein, dass der Einsatz von Struff der erste Coup des neuen Trainer-Betreuer-Berater-Teams ist, das nun der deutschen Davispokal-Auswahl auf die Schnelle auf die Sprünge helfen soll. Michael Kohlmann ist vom Assistenten zum Chef aufgerückt, und ihm steht Dirk Dier zur Seite, der dies auch schon erfolgreich bei den Fed-Cup-Damen von Barbara Rittner gemacht hat. So weit das Unspektakuläre, aber dabei blieb es ja nicht.

          Neuaufbau bei exzellenter Stimmung

          Denn als Fitness- und Mentaltrainer ist nun der ehemalige Hochspringer und Boris-Becker-Intimus Carlo Thränhardt mit von der Partie, was ja schon ein wenig Glamour in die Geschichte bringt, und ein Hauch der guten alten Zeit weht auch herein, denn mit Niki Pilic steht der erfolgreichste Davis-Cup-Coach überhaupt als Berater im Hintergrund parat. Der 75 Jahre alte Kroate hat diesen Wettbewerb dreimal mit Deutschland gewonnen und je einmal mit Kroatien und Serbien (als Berater).

          1996 haben die Deutschen ihn dann weggeschickt, weil sie glaubten, mit Boris Becker sei nun die Zeit für die bessere Alternative gekommen, was sich aber nicht ganz überraschend als Fehlinterpretation herausstellte. Schon das alte Präsidium hatte Pilic zurück in eine Expertenrunde geholt, die ausloten sollte, wie das deutsche Tennis zurück zu alter Größe und Bedeutung gelangen könnte, und das neue Präsidium holt ihn nun sogar zurück auf den Platz. Das könnte auch daran liegen, dass Vizepräsident Dirk Hordorff, der neue starke Mann im Präsidium, unmöglich alles machen kann. Außerdem hat Hordorff am Wochenende erst einmal etwas anderes zu erledigen. Weil die Art und Weise, wie Arriens seinen Job los wurde, nicht allen gefiel, hat der Landesverband Baden-Württemberg einen Antrag auf Abwahl des Vizepräsidenten gestellt.

          Glamour für das Team: Kohlschreiber (vorne) mit Mentalcoach Carlo Thränhardt

          Das passt eigentlich nicht zum Motto der deutschen Mannschaft, denn wer immer in diesen Tagen auch gefragt wurde – es ging stets nur darum, nach vorne zu schauen. Den Eklat von vor einem Jahr an selber Stätte, als sich Kohlschreiber nicht in der Lage sah, wegen eines zwickenden Ellbogens zum bedeutungslosen fünften Einzel anzutreten (und ein paar Tage später beim nächsten Turnier im Einzel und Doppel spielte), wollen sie vergessen machen, die Stimmung sei exzellent (das ist sie allerdings vorher immer), und nun beginne ein Neuaufbau. Jaja, die Zeiten sind schon schnelllebig. Als das deutsche Team im April vergangenen Jahres im Viertelfinale überraschend knapp 2:3 an Frankreich scheiterte, hatten mit Peter Gojowczyk und Tobias Kamke zwei neue Spieler die Einzel bestritten, was irgendwie schon wie ein Neuaufbau aussah. „Das kann der Anfang von etwas gewesen sein“, sagte Arriens damals angetan. Es war dann aber nur der Anfang von seinem Ende als Teamchef.

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