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Deutsches Basketball-Team : Der Kampf um einen letzten Sommer

Die Frage: „Win or go” heißt es für Nowitzki Bild: dapd

Noch hofft das deutsche Team bei der Basketball-EM auf den Einzug ins Viertelfinale. Ein Scheitern gegen Litauen würde die Ära Nowitzki beenden. Dann könnte sein Mentor übernehmen.

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          Dirk Nowitzki nennt ihn nur „der Holger“. Bundestrainer Dirk Bauermann sagt: „Man kann seine Rolle nicht beschreiben. Er ist da.“ Und Ingo Weiss bietet an: „Er könnte im Verband jedes Amt bekommen. Auch meines.“ Weiss ist Präsident des Deutschen Basketball-Bundes (DBB).

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Holger Geschwindner, Förderer und Mentor von Nowitzki, sitzt derweil im Café des Hotels bei Vilnius, in dem die deutsche Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft untergebracht ist, und blättert in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. An diesem Sonntagabend (Spielbeginn 20 Uhr) wird sich in der Partie gegen Gastgeber Litauen entscheiden, ob das Team um Nowitzki am Montag weiter nach Kaunas reist, zum Viertelfinale, oder ob die Mission Olympiaqualifikation zu Ende ist und damit für die Nationalmannschaft auch die Ära Nowitzki.

          Für Bauermann, hauptberuflich Trainer bei Bayern München, wäre bei einem Ausscheiden Schluss als Nationalcoach, und Chris Kaman, der eingebürgerte Center aus Los Angeles, wird ohne Nowitzki wohl auch nicht mehr für Deutschland spielen wollen. „One more summer“ heißt die Parole, die Bauermann deshalb ausgegeben hat. Der Sieg seines Teams über die Türkei am Freitagabend und die folgende Niederlage der Litauer gegen Frankreich haben dafür gesorgt, dass die Deutschen nun um diesen einen gemeinsamen Sommer mehr kämpfen können. Gewinnen müssen sie, und da Serbien die Türkei am Nachmittag 68:67 geschlagen hatte, müssten sie mit mindestens elf Punkten Unterschied siegen.

          „Der Holger”: Nowitzki-Förderer Gschwindner könnte im Verband jedes Amt bekommen

          Holger Geschwindner scheint die Bedeutung, die der Partie beigemessen wird, nicht zu berühren. Die Zeit nach Nowitzki? „Wir haben in Europa und in der Welt in den letzten zwanzig Jahren Umwälzungen erlebt, die niemand vorhersehen konnte“, sagt er. Die Förderung von Basketball-Talenten in Deutschland? „Das Gymnasium von acht Jahren ist eine Katastrophe; kein Kind hat mehr Zeit, seinem Talent nachzugehen“, schimpft er. „Die Kunst besteht darin, die Kinder ungeschoren an der Schule vorbeizubringen.“ Sein Amt im DBB? „Vielleicht im nächsten Leben.“

          So ist er, der Holger. Siebzehn Jahre ist es her, dass der sechzehnjährige Dirk Nowitzki ihm über den Weg lief. Was bei vielen Trainern eine hohle Phrase ist, auf Geschwindner trifft der Satz zu: Er formte das Jahrhunderttalent. Bis aus Nowitzki einer der besten Basketballspieler der Welt wurde und er in diesem Sommer, im Alter von 33 Jahren, mit den Dallas Mavericks die Meisterschaft der NBA gewann, haben beide hart miteinander gearbeitet. Geschwindner hat Nowitzki abverlangt, das Abitur zu machen; er hat ihm nahegebracht, Bücher zu lesen und Musik zu machen; die beiden sind gemeinsam gereist, etwa mit Zelt und Klampfe ins australische Outback. Vor allem aber hat Geschwindner den 2,13 Meter langen Spieler mit einer Vielzahl von technischen Fertigkeiten ausgestattet - er nennt sie dessen „Werkzeugkasten“.

          „Wer mathematisch argumentiert, dem kann niemand widersprechen“

          „Bei der Arbeit“ - so meldet sich Geschwindner am Telefon. Auf seiner Website rollt Sisyphos unentwegt seinen Stein bergauf, der immer wieder hinunterkullert. Und auf den Visitenkarten, die ihm längst ausgegangen sind, firmiert er unter „Institut für Angewandten Unfug“. So geht der Meistermacher mit dem Unverständnis um, das ihm bei aller Anerkennung aus der Welt des Basketballs auch entgegenschlägt.

          Denn es ist nicht Selbstironie, die sich in der bisweilen kauzigen und schroffen Art des Mathematikers und Physikers offenbart, der bei den Olympischen Spielen von München 1972 Teil der deutschen Mannschaft war. „Mathematik ist eines der wenigen Werkzeuge, die sich seit fünftausend Jahren nicht verändert haben“, sagt er. „Wer mathematisch argumentiert, dem kann niemand widersprechen.“ So hat er aus der Binsenweisheit, dass die Zielfläche eines Basketballkorbs umso größer ist, je steiler der Ball auf ihn zu fliegt, die optimale Parabel für den Schuss errechnet. „In Amerika lästern sie über den ,rainbow shot' von Dirk“, sagt er. „Aber man kann vorrechnen, dass man, wenn man steiler schießt, mehr Fehler machen darf und deshalb riskantere Schüsse nehmen kann. Davon lebt Dirk ja mit seinen ,fade away jump shots'.“ Das sind Wurfsprünge, bei denen Nowitzki auch noch nach hinten fällt.

          „Jeden Samstag um zehn stehe ich in der Halle“

          Für den Nachwuchs von heute, behauptet Geschwindner, habe er keine Formel; weder um ihn zu finden, noch um ihn auszubilden. „Jeden Samstag um zehn stehe ich in der Halle, da können die Kids spielen kommen“, sagt er. „Ich will gar keine Talente entdecken.“ Dennoch bauen Geschwindner, der Basketball-Bund und Sponsor ING-Diba mit dem Projekt „BasKidBall“ beharrlich ein Netzwerk auf, das auffällig an das jährliche Sommertraining von Nowitzki in Rattelsdorf im Fränkischen erinnert. Dort holt der Held aus Übersee den Schlüssel für die Turnhalle seit Jahr und Tag bei der Bäckersfrau ab, die ihn in ihrer Kasse verwahrt.

          Es ist dies nur einer von verschiedenen Versuchen, der Methode Geschwindner ein System abzugewinnen, das kompatibel ist für viele mehr oder weniger hoch begabte Spieler. Das wird zwar nicht so funktionieren wie die Schematisierung des Skifahrens in Österreich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts oder die Begründung etwa der litauischen Basketballschule. Doch es sollte, mit etwas Mühe, schon möglich sein, aus dem Maßanzug für Dirk Nowitzki eine Konfektion abzuleiten, in die jeder schlüpfen kann. Die Globalisierung der NBA interpretiert Geschwindner so, dass das amerikanische System der Auslese seine Grenzen erreicht habe; europäische Spieler seien konkurrenzfähig, da sie gut ausgebildet seien.

          Während im Basketball heftig die Frage diskutiert wird, wer Bauermann nachfolgen könnte in der Zeit nach Nowitzki, ob etwa der Europameistermacher von 1993, Svetislav Pesic, zurückkehren oder Nachwuchstrainer Frank Menz aufsteigen solle, weist Geschwindner in die andere Richtung. „Wenn wir von Weltspitze reden, reden wir von Ausbildung“, sagt er. „Wir brauchen qualifizierte Trainer für die Kids.“

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