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Sportdirektor gesucht : Die Rollwende des Schwimm-Verbands

Beim Deutschen Schwimm-Verband wird eine rettende Hand gesucht. Bild: AFP

Der frühere Wasserballer Dirk Klingenberg wird doch nicht Nachfolger des vor die Tür gesetzten Thomas Kurschilgen als Sportdirektor. Ein „frivoles“ Bademantel-Sponsoring verhindert die Anstellung.

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          Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) hat doch keinen Leistungssportdirektor gefunden. Einen Tag, nachdem der DSV bekannt gegeben hatte, Dirk Klingenberg werde Nachfolger des seit dem 22. Februar freigestellten Leistungssportdirektors Thomas Kurschilgen, legte der Verband eine Rollwende hin. Unter der Überschrift „Kurswechsel bei der Suche nach Interimsmanager“ verbreitete der DSV am Dienstagnachmittag Klingenbergs Aus. Klingenberg hatte die Aufgabe bis zu den im Juli geplanten Olympischen Spielen übernehmen sollen.

          Christoph Becker
          (chwb.), Sport

          Wegen eines „frivolen Berichts“ aus Klingenbergs Vergangenheit, wie es in der Verbandsmitteilung heißt, der mit den „hohen moralischen Ansprüchen“ des Spitzenverbandes nicht vereinbar sei, seien DSV-Präsident Marco Troll und Klingenberg zu dem Schluss gekommen, dass der frühere Wasserball-Nationalspieler den Posten nicht antreten werde. Auf Nachfrage bestätigte der DSV, dass Klingenberg auch nicht in anderer Position für den DSV tätig werde.

          Klingenberg, als Wasserball-Nationalspieler Olympiateilnehmer 1996, hatte 2014 mit der Altherren-Mannschaft an der Oldie-WM teilgenommen. Das Unternehmen war unter anderem von einem Berliner Großbordell finanziell unterstützt. Über die Partnerschaft hatte seinerzeit eine Berliner Boulevard-Zeitung berichtet. Klingenberg sagte im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, es sei um ein Werbefoto gegangen, damals habe das Team „Geld für Bademäntel gebraucht, so blöd das klingt. Ich sehe das nicht als verwerflich an.“

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          Die Verantwortung für die Personalie Klingenberg übernimmt der Unternehmensberater Michael Rosenbaum, der am Montag als Partner des Verbandes vorgestellt worden war. Er halte Klingenberg für einen guten Mann, sagte Rosenbaum im Gespräch mit der F.A.Z. Klingenberg habe ihn auch auf den Bericht hingewiesen, aber er, Rosenbaum, habe die Brisanz nicht erkannt.

          Klingenberg bestätigte, dass er den Bericht von 2014 von Anfang an erwähnt hatte. „Gestern Mittag war es noch okay, gestern Abend war die Einschätzung eine andere“, sagte Klingenberg am Dienstag zur Entscheidungsfindung des Verbandes. „Ich bedaure es nun sehr, dass der DSV nur 24 Stunden nach meiner Besetzung diesen Vorgang wieder rückgängig gemacht hat“, sagte er, „ich hätte mir die Aufgabe zugetraut, ich hätte Netzwerke und Know-how mitgebracht.“ Er wies „ausdrücklich“ darauf hin, dass er sich in „keinster Weise zu keinem Zeitpunkt in seiner Karriere als Sportler, Manager oder Berater einem Vergehen juristisch schuldig gemacht habe, das solch ein Handeln durch den DSV legitimieren würde“.

          Rosenbaum sagte, er werde die Gespräche, die gemeinsam mit Dirk Klingenberg führen wollte, allein führen.“ Er werde seine Aufgaben „morgen“, also am Mittwoch beginnen, de facto wird es darauf hinaus laufen, dass Rosenbaum die Aufgaben eines Sportdirektors einstweilen übernimmt. „Ziel muss es sein, dass es normal weitergeht“, sagte Rosenbaum. Er hatte unter anderem vor knapp 15 Jahren den Deutschen Behinderten-Sportverband vor der Insolvenz bewahrt und soll den DSV beim vom Präsidium ausgerufenen „Zukunftsprozess 2026“ begleiten. „Ich hoffe, dass ich eine Verstärkung bin, für mich ist das ein Warmstart. Ich kenne den Sport.“

          Gleichwohl gerät das Präsidium, das im Herbst 2020 die Führung des DSV übernommen hatte, gegenüber der eigenen Zeitplanung in Rückstand. Bei einer Sitzung Anfang des Monats mit den Bundestrainern war diesen binnen zwei Wochen eine Klärung zugesagt worden, dann sollte eine klare Weichenstellung vorliegen, wie es hieß. Die Sitzung liegt mittlerweile fast vier Wochen zurück, Rosenbaum bestätigte dass weiterhin nach einem Leistungssportdirektor gesucht werde, entweder bis zu den im Juli geplanten Olympischen Spielen oder als Dauerlösung.

          Der Hamburger Anwalt Jan Friedrich Beckmann, hatte am Montag mitgeteilt, dass sein Mandant Kurschilgen nicht freigestellt, sondern ihm fristlos gekündigt worden sei. Es sei nicht ansatzweise zu erkennen, welche Pflichtverletzung eine Freistellung oder die außerordentliche Kündigung durch den DSV-Vorstand rechtfertigen könnte. Kurschilgen geht presserechtlich gegen Darstellungen vor, die sein Aus mit den in Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen gegen den Würzburger Trainer Stefan L. bringen. Aus Verbandskreisen war zu hören, dass das im November 2020 gewählte Präsidium schon vor den im Februar im „Spiegel“ publizierten Vorwürfen gegen L. versucht habe, Kurschilgen loszuwerden, und deshalb Abrechnungen überprüft habe.

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