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Schiedsrichter Marcel Eckardt : Deutscher Ritterschlag beim Finale der Snooker-WM

  • -Aktualisiert am

Genau hinschauen: Marcel Eckardt leitet das WM-Finale im Snooker Bild: Imago

Das Finale der Snooker-WM zieht rund um den Globus mehr als 300 Millionen TV-Zuschauer in seinen Bann. Im Fokus steht dabei auch ein Deutscher: Marcel Eckardt leitet die Partie als Schiedsrichter – und sorgt für einen Rekord.

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          Immer wieder nominiert zu werden, wenn das nächste Weltranglisten-Turnier ansteht: Das ist das eine. Den endgültigen Ritterschlag jedoch erhielt Marcel Eckardt Ende Juli. Da teilte die World Snooker Tour (WST) mit, dass der 30 Jahre alte Thüringer mit Wohnsitz Berlin das Finale der diesjährigen Weltmeisterschaften in Sheffield leiten werde. Das setzt gleich in zweierlei Hinsicht neue Marken. Der ambitionierte Unparteiische wird den Waliser Paul Collier als jüngster Offizieller ablösen, der je ein WM-Finale begleitet hat. Collier war 33, als er 2004 im Endspiel zwischen Sieger Ronnie O’Sullivan und Graeme Dott den dritten Mann gab. Außerdem ist für Matches dieser Größenordnung bisher nie ein Deutscher eingesetzt worden. Das bedeutendste Spiel im Crucible, diesem Tempel des Snooker, war auch in der Hinsicht lange eine britische Domäne.

          Es ist also kaum übertrieben, von einem Durchbruch zu sprechen, und so cool, ja unbewegt er sich auch an dem tonnenschweren Spieltisch gibt: Diese Entscheidung ließ Eckardt ungeniert jubeln. Für ihn sei das „ein gewaltiger Moment“, den er „kaum erwarten“ könne, schwärmte er gegenüber dem Sender Eurosport. Schließlich sei dies „das Spiel, das alle professionellen Schiedsrichter machen wollen“, sowie der Lohn für einen großen Einsatz. Seit dem ersten Lehrgang zum Erwerb der C-Lizenz vor zwölf Jahren hat er sich stets weiterentwickelt, kaum anders als die Queue-Cracks, und dabei viel Zeit und Spesen investiert. „Ich habe sehr hart gearbeitet, um so weit zu kommen“, sagt er. Deshalb werde das zum Samstag gestartete zweitägige Match zwischen O'Sullivan und seinem englischen Landsmann Kyren Wilson auch für ihn „etwas ganz Besonderes“.

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          Grob geschätzt mehr als 300 Millionen TV-Zuschauer auf dem Planeten werden dem Fernstudenten (Politik, Sozialwissenschaften und Verwaltung) an diesem Samstag und Sonntag, den zwei Finaltagen, auf die weißen Samthandschuhe sehen – das Gros davon aus der Volksrepublik China. Sie werden genau beobachten, wie sich Eckardt in den kritischen Situationen verhält, die so ein Kampf auf höchstem Niveau (und um etwa 1,1 Millionen Euro Siegprämie) mit sich bringt. Bisher hat ihm die Fallhöhe des Amts jedoch verblüffend wenig ausgemacht. Er ist erstaunlich souverän geblieben und musste bis heute nie zwei Gegner im Streit trennen, wie er versichert – untrügliche Anzeichen, dass er sich in einem Sport der Gentlemen mit sympathisch-altmodischer Etikette bewegt.

          Ohnehin versteht Eckardt sich weniger als Autokrat im Anzug denn als Mediator mit profunden Fachkenntnissen. „Es gibt drei Personen am Tisch, die eine Situation beurteilen“, erklärt er gern, „wir arbeiten da alle zusammen.“ Gleichwohl braucht es schon etwas Courage, einen Spieler mit einer Verwarnung beziehungsweise mit Strafpunkten zu belegen, mit dem er am Morgen in der Hotellobby noch angeregt geplaudert hat. Es ist ja eine kleine, mobile Community, die sich über die Saison der globalen Main Tour zwischen Sheffield und Schanghai bewegt, und wer da die Ebenen nicht trennen könnte, hätte schon verloren. Meister Eckardt hingegen ist ein Gewinner: Er hat sich den Respekt der Profis auch durch kluge Balance aus Nähe und Distanz erworben – und nahezu akzentfreies Englisch.

          Eckardt wurde 24, als er in den erlauchten Kreis der zwölf ständig abrufbaren Schiedsrichter für die Endrunden der Main Tour berufen wurde. Mit 25 leitete er beim German Masters in Berlin sein erstes Finale eines Ranglistenturniers, mit 28 das Endspiel der UK Championships als erstes der drei Triple-Crown-Turniere. Vergangenes Jahr wurde ihm in Sheffield dann schon ein Halbfinale übertragen; das war „noch mal eine ganze andere Welt“, wie er schilderte. Ob das auch dieses Jahr gilt, wo wegen Corona nur etwa 300 Zuschauer ins Crucible dürfen, bleibt noch herauszufinden. Ein Standard-Bonmot reist ihm so oder so hinterher: wenigstens ein Deutscher, heißt es seit etlichen Jahren, der bis ins Finale kommt.

          Eckardt ist halt auch noch dabei, wenn die deutschen Spieler längst abgereist sind. Das bringt seine Position so mit sich. Er selbst hat sich als junger Aktiver mehr aus Neugier versucht – und ist dann beim Pool-Billard geblieben. Dort tritt er mit dem 1. PBC Erfurt, sofern es die Agenda erlaubt, in der dritthöchsten Spielklasse an. Aufstieg auch da nicht ausgeschlossen.

          O'Sullivan im Finale der Snooker-WM gegen Wilson

          Der fünfmalige Titelträger Ronnie O'Sullivan und sein englischer Landsmann Kyren Wilson haben nach einem überaus spannenden Halbfinaltag das Finale der Snooker-Weltmeisterschaft erreicht. O'Sullivan setzte sich am Freitag im Duell der frühere Titelträger 17:16 gegen den Engländer Mark Selby durch, der bereits 16:14 geführt hatte. Danach gewann O'Sullivan in einem hochklassigen Duell aber noch die folgenden drei Durchgänge der Billard-Variante. Auch das erste Halbfinale in Sheffield ging über die volle Distanz. Wilson zog mit dem 17:16 über den Schotten Anthony McGill erstmals in ein Endspiel im Crucible Theatre ein. Der entscheidende Frame zwischen beiden dauerte gut eine Stunde. Das Finale beginnt an diesem Samstag (14.30 Uhr bei Eurosport), angesetzt sind bis zum Sonntagabend vier Sessions. Dann sind auch wieder einige Zuschauer zugelassen. Der Sieger muss 18 Frames gewinnen. (dpa)

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