https://www.faz.net/-gtl-7hzyu

Deutscher Radsport : In frischer Blüte

  • -Aktualisiert am

In Führungsposition: deutscher Radprofi Tony Martin Bild: AP

Der deutsche Radsport deutet bei der Rad-WM sein Potential an. Nicht nur, dass die neuen Profis gehörig Tempo machten, sie engagieren sich außerdem als Anti-Doping-Kämpfer.

          3 Min.

          Dominik Nerz hatte an dem regnerischen Sonntag in der Toskana zunächst noch eine Eskorte genossen. Nicht nur, weil er erstmals als Profi bei einer Straßen-Weltmeisterschaft gestartet war - und dazu gleich auf einer schweren und wegen des widrigen Wetters tückischen Strecke über 272 Kilometer. Der junge Allgäuer war in den Planungen der Deutschen eine vielversprechende Größe. Deswegen sollte der erfahrene Marcus Burghardt sich um ihn kümmern. „Er wird mich“, hatte Nerz gesagt, „durch das Rennen manövrieren.“

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Hoffnungen der deutschen Radprofis, in Florenz in die Entscheidung einzugreifen, erfüllten sich allerdings nicht. Auch Nerz musste der harten Aufgabe Tribut zollen: drei Stürze, schwere Hüftprellung, vorzeitiges Ende. Später beklagte er sich über die WM als „Lotteriespiel“. Auf dem anspruchsvollen Kurs mit schwierigen Steigungen, der selbst gestandene Rennfahrer wie Christopher Froome, Bradley Wiggins oder Cadel Evans zum Ausstieg zwang, war ein Portugiese der Beste der Standhaften: Rui Costa eroberte nach fast siebeneinhalbstündiger Fahrt in einem packenden Finale das Regenbogentrikot vor den Spaniern Joaquim Rodriguez und Alejandro Valverde.

          Für den besten Deutschen, den Berliner Simon Geschke, reichte es zwar nur zu Platz 14. Der deutsche Radsport steht trotzdem in frischer Blüte da. Mit Genugtuung registriert auch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) zumindest einen zarten Wandel in einer weiterhin von Doping-Diskussionen belasteten Branche. „Es hat sich alles etwas relativiert, das Klima ist besser geworden“, sagte BDR-Vizepräsident Udo Sprenger.

          Qualitätssprung dank neuer Freiheiten

          Nachdem der Wahl-Schweizer Tony Martin in Florenz zum dritten Mal in Folge Zeitfahr-Weltmeister geworden war, zeigte sich auch BDR-Chef Rudolf Scharping sehr zufrieden. Der deutsche Radsport sei international nicht nur höchst erfolgreich, sondern außerdem „wegweisend im Kampf gegen Doping“.

          Zum dritten Mal in Folge Weltmeister: Tony Martin
          Zum dritten Mal in Folge Weltmeister: Tony Martin : Bild: dpa

          Seine Einschätzung in Sachen Doping klingt forsch, sie wird sich erst noch bestätigen müssen. Sportlich aber haben die Deutschen in diesem Jahr tatsächlich einiges vorzuweisen. Auch durch Nerz, der - wie der Australier Evans oder Burghardt - für den amerikanischen BMC-Rennstall fährt.

          Unmittelbar vor dem missratenen Intermezzo in Florenz war Nerz überraschend Vierzehnter bei der Spanien-Rundfahrt geworden. Der Allgäuer führt den Qualitätssprung auf die Freiheiten zurück, die ihm bei BMC gewährt werden - und zuvor beim Team Liquigas um den italienischen Star Nibali nicht eingeräumt worden waren. „Dieses Jahr habe ich die Chance bekommen, zu zeigen, was ich leisten kann“, sagt Nerz, ein begabter Kletterer. Er wünschte sich, dass sein beherzter Auftritt bei der Vuelta „ein Türöffner war“ - mit der Möglichkeit, in der Hierarchie seiner Mannschaft zu steigen und künftig vielleicht als Kapitän bei kleineren Rundfahrten eingesetzt zu werden.

          Der deutsche Anteil am Profiradsport wächst

          Bei BMC will demnächst ein weiterer deutscher Rennfahrer sein Glück machen: Rick Zabel, Sohn von Erik Zabel, der nach seinem zweiten Doping-Geständnis vorläufig komplett aus dem Radsport verbannt wurde. Zabel Junior hofft, bei BMC als Profi behutsam aufgebaut zu werden, er möchte sich langfristig auf die Klassiker spezialisieren. Er trägt jedoch vermutlich schwer am Erbe seines Vaters, über dessen Verfehlungen und vermeintliche späte Reue er jedoch schweigt. Dass junge deutsche Rennfahrer im Peloton begehrt sind, belegt zudem der nächste Karriereschritt des Freiburgers Jasha Sütterlin: Er erhielt einen Kontrakt als Profi bei dem spanischen Team Movistar.

          Der neue und der alte deutsche Radsport, vereint in einer Familie: Rick Zabel (auf dem Rad) und Vater Erik (am Boden)
          Der neue und der alte deutsche Radsport, vereint in einer Familie: Rick Zabel (auf dem Rad) und Vater Erik (am Boden) : Bild: dpa

          Der deutsche Anteil am Profiradsport wächst damit weiterhin. Seine Schlagkraft ist jetzt schon beträchtlich. Zu sehen zum Beispiel an Gerald Ciolek, der in diesem Frühjahr Mailand - San Remo gewann, an dem vierfachen Tour-Etappensieger Marcel Kittel, an Andre Greipel, John Degenkolb oder an Martin, der nun aber plötzlich mit Manipulationsvorwürfen konfrontiert wurde. Er soll sich, so hieß es aus der Schweiz, bei seinem Coup in Florenz aerodynamischer Hilfe bedient haben - in Form von kleinen Spoilern unter seinem Trikot. Der Internationale Radsportverband hatte seine Kleidung nicht beanstandet. Die Schweizer, sagte Martins Manager Jörg Werner süffisant, seien offensichtlich schlechte Verlierer. Der Berner Fabian Cancellara war im Zeitfahren Dritter hinter Martin und Wiggins geworden.

          Ein„German Wunderkind“ -  aber kein erstklassiger Rennstall

          Nicht nur, dass die deutschen Profis in den vergangenen Monaten gehörig Tempo auf dem Rad machten, sie gerieren sich außerdem als engagierte Anti-Doping-Kämpfer. Der BDR auf alle Fälle hegt keinen Zweifel daran, dass sie es wirklich ernst damit meinen. „Es ist glaubwürdig, was sie sagen“, betont der Funktionär Sprenger.

          Wegen der Doping-Wirren existiert in Deutschland zwar kein erstklassiges Radteam mehr, allerdings soll es von 2015 an neben dem Team NetApp eine zweite Profi-Equipe zweiter Klasse geben: Das Team Stölting aus Gelsenkirchen will eine Pro-Continental-Lizenz beantragen. Es baut vor allem auf den Berliner Silvio Herklotz. Offenbar aus gutem Grund. Das Talent Herklotz gilt in der Zunft als „German Wunderkind“.

          Weitere Themen

          Englische Teams ziehen sich zurück Video-Seite öffnen

          Super League : Englische Teams ziehen sich zurück

          Nach Manchester City bestätigten auch Manchester United, Liverpool, Arsenal, Tottenham Hotspur und Chelsea ihren Rückzug. Nun steht die Super League nicht einmal 48 Stunden nach ihrer Gründung vor dem Aus.

          Topmeldungen

          Nächtliche Ausgangssperre seit Dienstag: leere Straße in der Innenstadt von Halle

          Neue Studie in Hessen : Ausgangsbeschränkungen nicht effektiv

          Nächtliche Ausgangssperren sind „kein geeignetes Mittel“, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Universität Gießen.

          Der Fall George Floyd : Amerikas Justizwesen ist kaputt

          Die amerikanische Politik bleibt in ihrer Übertreibungsspirale gefangen. Deshalb wird es auch nach dem Mordurteil in Minneapolis nicht zu den Reformen kommen, die das Land so dringend braucht.
          Juve-Boss Andrea Agnelli: Einer der Initiatoren und Befürworter der Super League

          Juve-Präsident Andrea Agnelli : „Verräter, wie Judas“

          Juventus-Präsident Agnelli war einer der Initiatoren der Super League. In Italien wird er heftig angefeindet – und hat sogar Ärger mit dem berühmten Taufpaten eines seiner Kinder. Nun wird bekannt: Das Projekt wird verworfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.