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Deutscher Handball : Schmerzhafte Querschüsse

Streitbarer Torhüter: Silvio Heinevetter geht offen auf Konfrontationskurs zum DHB-Präsidenten Bild: dpa

Die Zeiten im deutschen Handball sind turbulent: Torhüter Heinevetter attackiert, Bundestrainer Heuberger ist echauffiert. Der vielgescholtene DHB-Präsident Strombach wehrt sich nun in der F.A.Z. gegen seine Kritiker.

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          Ulrich Strombach versucht, sich zu bremsen. Er will nicht zu sehr in die Offensive gehen, keine allzu harten Bandagen anlegen, nicht die Karriere eines Sportlers zerstören durch eine radikale Maßnahme. Es wäre nicht zu verantworten, sagt er, „einen Spieler, der sich mal schlecht benommen hat, aus dem Spielbetrieb zu schmeißen“.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Aber er macht keinen Hehl daraus, dass er sich getroffen fühlt. Dass er die harsche Kritik an seiner Person als unangemessen empfindet. Dass man sogar den Eindruck haben könnte, er allein wäre schuld an der Misere im deutschen Handball. „Habe ich den entscheidenden Wurf nicht reingemacht?“, fragt der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB) entrüstet.

          Es herrscht eine beträchtliche Unruhe im Land des Handball-Weltmeisters von 2007, sie beeinträchtigt die Bemühungen, sich wieder aufzurichten nach der Enttäuschung von Serbien, nach dem Verlust der olympischen Perspektive in diesem Jahr. Auch Martin Heuberger ist echauffiert. Der Bundestrainer, der das Nationalteam nun behutsam umbauen möchte, klagt: „Es wird immer nur draufgehauen.“

          Strombach wurde nicht nur von Nationaltorhüter Silvio Heinevetter heftig attackiert. Der frühere Nationalspieler Frank von Behren äußerte kürzlich ebenfalls seinen Unmut über die Führung des DHB. Dazu sorgte Bob Hanning, der Geschäftsführer der Füchse Berlin, für Wirbel mit einem Positionspapier, in dem Hanning sich für strukturelle Veränderungen im DHB einsetzt, vor allem für mehr Professionalismus.

          „Das lässt Autorität, Akzeptanz und Ansehen bröckeln“

          Heinevetter, ebenfalls ein Berliner, hatte Strombach gar unterstellt, keine Ahnung vom Handball zu haben. Von Behren hatte bemängelt, dass Strombach nicht sofort öffentlich auf Heinevetters Vorstoß reagiert hatte. „Das lässt die Autorität, Akzeptanz und das Ansehen des Verbandes weiter bröckeln“, behauptete er. Und mehr noch: Der Handball in Deutschland gebe durch das aktuelle Missmanagement ein erbärmliches Bild ab.

          Strombach, 68 Jahre alter Jurist aus Gummersbach, mag das - einerseits - nicht auf sich sitzen lassen. Und rechtfertigt zum anderen seine Zurückhaltung in dieser Causa. Schließlich handele es sich doch nur um minimale Anschuldigungen. „Damit setze ich mich nicht auseinander.“

          Prototyp des ehrenamtlichen Funktionärs: Handball-Chef Ulrich Strombach
          Prototyp des ehrenamtlichen Funktionärs: Handball-Chef Ulrich Strombach : Bild: dpa

          Er macht es dann trotzdem. Mit dem Hinweis, dass die Vorwürfe absolut unberechtigt seien. Dass man ihm keinesfalls vorhalten könne, bei der Europameisterschaft nicht in der Nähe der Nationalmannschaft gewesen zu sein. Dass auch seine Einschätzung, das deutsche Team hätte das Zeug gehabt, ins Halbfinale einzuziehen, nicht falsch gewesen sei.

          „Es hatte das Zeug dazu.“ So wehrt Strombach sich gegen die Querschüsse im deutschen Handball. Solche Situationen hatte es immer wieder mal gegeben für einen Mann, der sich häufig anhören musste, nicht unbedingt kommunikationsfreudig zu sein und den DHB, den größten Handballverband der Welt mit fast 850.000 Mitgliedern, autokratisch zu leiten.

          „Ich hätte ein Wort der Entschuldigung erwartet“

          Die Irritationen bei Strombach sind jetzt aber besonders ausgeprägt, weil die Angriffe von Heinervetter oder von Behren ihn angeblich überrumpelten. „Mich ärgert, dass sie von Personen kommen, von denen ich das nie erwartet hätte. Keiner von ihnen hat je unter mir gelitten, im Gegenteil.“ Und er kreidet Heinevetter an, dass er inzwischen nicht von seiner Position abgerückt ist: „Ich hätte nach dieser Unsinnigkeit ein Wort der Entschuldigung erwartet.“

          Strombach steht seit 1998 an der Spitze des DHB. Er war zuvor unter anderem Vorsitzender des Traditionsklubs VfL Gummersbach. Er gilt als Prototyp des ehrenamtlichen Funktionärs. Für ihn, sagt er, sei nie etwas anderes in Frage gekommen. Und doch betont Strombach, dass er grundsätzlich ein Verfechter der Hauptamtlichkeit sei.

          Bob Hanning, der Geschäftsführer der Füchse Berlin, sorgte für Wirbel mit einem Positionspapier
          Bob Hanning, der Geschäftsführer der Füchse Berlin, sorgte für Wirbel mit einem Positionspapier : Bild: dapd

          Nach seiner Amtszeit, die im kommenden Jahr endet, soll der Weg dafür beim DHB frei sein. Zumal der Verband mittlerweile über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen soll. „Ich freue mich“, sagt Strombach, „dass es dann möglich sein wird, sich dieser Aufgabe mit 100 Prozent zu widmen und nicht nur mit 50 oder 60 Prozent.“ Für ihn stellen die Vorschläge von Hanning zur Neuausrichtung des DHB somit keine Neuigkeit dar.

          Sie seien, sagt Strombach, „das Ergebnis unserer gemeinsamen Beratungen“. Er bezieht diese Aussage überdies auf das neue Konzept zur Förderung der Jugend-Elite, das unlängst vorgelegt wurde - und von Hanning mitgetragen wird. So bekommt nun auch der Berliner wegen seines plötzlichen Vorpreschens sein Fett weg. „Die Art und Weise, wie er jetzt seine Thesen verkauft, kann ich nicht dulden“, sagt Strombach.

          „Die Einflussnahme geht mir deutlich zu weit“

          Als wäre die Lage für den Handball in Deutschland nicht schon angespannt genug, sorgte der DHB selbst mit dem jüngst publizierten Modell der künftigen Nachwuchsausbildung teilweise für Unmut. Bei diesem Intensivprogramm, für das unter anderem der neue DHB-Manager Heiner Brand zuständig ist, soll sich aus einer Fülle von Talenten eine Gruppe hochbegabter Spieler herauskristallisieren, möglichst in Teamstärke; so jedenfalls stellt Strombach sich das vor.

          Dass die Jugendlichen jedoch bei Vereinswechseln oder Vertragsabschlüssen die „Weisungsbefugnis“ des DHB anerkennen sollen, stößt auf Widerstand. „Die Einflussnahme des DHB geht mir deutlich zu weit“, sagt etwa der Lemgoer Manager Volker Zerbe. Strombach spricht von einer missverständlichen Formulierung; es gehe allein um eine Laufbahnberatung.

          Für ein neues Intensivprogramm ist der frühere Bundestrainer Heiner Brand zuständig
          Für ein neues Intensivprogramm ist der frühere Bundestrainer Heiner Brand zuständig : Bild: dapd

          Turbulente Zeiten auf alle Fälle im deutschen Handball. Immerhin geht Strombach davon aus, nach dem olympischen Reinfall wenigstens noch mal eine Weltmeisterschaft als DHB-Chef zu erleben, 2013 in Spanien. „Ich bin sehr sicher, dass unsere Mannschaft das schaffen wird.“ Andernfalls würden die Gefechte im Handball deutlich an Schärfe zunehmen. Mit Strombach im Zentrum des Geschehens.

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