https://www.faz.net/-gtl-891hy

Mini-Team bei Olympia? : Fechter im falschen Film

  • -Aktualisiert am

In der Defensive: Die deutschen Fechter – hier Carolin Golubytskyi gegen die Italienerin Arianna Errigo Bild: Picture-Alliance

Tauberbischofsheim war einst der Nabel der Fechtwelt — aber heute gehen dem Standort die Talente aus. Immer öfter kämpfen die Deutschen auf verlorenem Posten. Eine Spurensuche nach den Gründen.

          6 Min.

          Die Performance von Didier Ollagnon hat Potential: der französische Fechtmeister als Pantomime. Er hebt einen Arm, passiv, lässt ihn wieder fallen, steht einfach nur da. Bringt damit aber den Angreifer – den er in einer zweiten Rolle gleich mitspielt – zur Verzweiflung. Der verzieht das Gesicht, schaut ängstlich nach links, nach rechts, tastet sich vor, sticht aber nicht zu. „Deutschen Fechtern fehlt der Killerinstinkt“, drückt seine Vorführung aus. „Sie sind nur in der Defensive gut.“ Didier Ollagnon will das ändern. Er ist Bundestrainer der Degen-Herren. Er lehrt am Stützpunkt Tauberbischofsheim. Ollagnon will seine Leute entwickeln – und das System, in dem sie sich bewegen, gleich mit: „Wenn du einen Franzosen fechten siehst, merkst du, er hat sich dafür entschieden.“ Bei seinen Leuten ist er sich da nicht so sicher, aber: „Halb-halb klappt nicht.“

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Andrea Magro trägt ein Trikot von Bayern München. Er ist Fan von Pep Guardiola, dem Trainer mit dem höchstmöglichen Qualitätsanspruch. Dessen Streben nach Perfektion begeistert ihn. „Ich liebe Pep Guardiola“ sagt Andrea Magro. Der Italiener ist selbst Trainer, Bundestrainer, verantwortlich für die deutschen Florett-Damen. Auch sein Stützpunkt ist Tauberbischofsheim.

          Ehemaliges Epizentrum des Fechtens

          „Mit Bundestrainern sind wir gut aufgestellt“, sagt Sven Ressel, Sportdirektor des Deutschen Fechter-Bundes (DFeB). Es fehle an der Basis an guten Trainern. Und es fehlt auf allen Ebenen an Geld. „Wir versuchen, hochprofessionell zu arbeiten, aber wir haben nicht das Budget dazu“, sagt Magro. Er wurde nach den Olympischen Spielen 2012 engagiert, weil die Resultate nicht mehr stimmten. Nur zwei Medaillen hatten die deutschen Fechter in London gewonnen, die Florett-Damen schnitten besonders schlecht ab. Magro genießt einen Ruf, der dem Guardiolas ähnelt. Nur in einer kleineren Sportart. Sein Vertrag gilt bis Olympia 2020, mit der Option auf Ausstieg, wenn es bis Rio nicht geklappt hat. „Wir brauchen eine Revolution“, sagte er bei seinem Amtsantritt.

          Tauberbischofsheim ist kein Ort, der aussieht, als sei er für eine Revolution geeignet. 13.000 Menschen leben in der Idylle. Wer die Ausfahrt Wertheim an der A3 nimmt und nicht zum gleichnamigen Outlet-Center abbiegt, ist auf dem richtigen Weg. Durchs „liebliche Taubertal“ führt die Landstraße über zwanzig Kilometer zum Nabel der Welt. Zum ehemaligen Nabel der Fechtwelt, muss man sagen. Immerhin, am ersten Kreisel im Ort weist ein Piktogramm auf das Fechtzentrum hin. Bei „Sport Hofmann“ in der Fußgängerzone sind aber weder Maske noch Florett oder Degen im Schaufenster ausgelegt.

          Brachte früher den Erfolg: Anja Fichtel
          Brachte früher den Erfolg: Anja Fichtel : Bild: Picture-Alliance

          Ein gelernter Friseur hatte einst den Anstoß dazu gegeben, dass Tauberbischofsheim zum Synonym fürs Fechten wurde. Emil Beck war beeindruckt vom Kinofilm „Drei Musketiere“ und gründete erst eine Fechtabteilung im Turnverein, dann den ganzen Fecht-Club. Er holte den Sport aus seiner sozialen Elitenische, baute in Eigenregie ein Leistungszentrum auf und entwickelte es in den 70er und 80er Jahren zur „Goldschmiede“. Deutschland wurde zum Fechterland, der FC Tauberbischofsheim zum erfolgreichsten Klub der Welt. Eine „Wall of Fame“ zeigt im Foyer all die OIympiasieger und Weltmeister, die hier ausgebildet wurden: 40 Olympiamedaillen, 111 WM-Medaillen, 90 EM-Medaillen gehen auf das FC-Konto.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christian Lindner spricht und Robert Habeck wartet Anfang Oktober in Berlin.

          Keine höhere Einkommensteuer : Kröten schlucken für die Ampel

          Selbst Jürgen Trittin akzeptiert, dass die Steuern für Topverdiener nicht steigen werden. Und Christian Lindner kommt mit einem höheren Mindestlohn klar. Für ihn zeichnet sich ein Konkurrent als möglicher nächster Finanzminister ab.
          Woran festhalten, was erneuern? Hendrik Wüst blickt nach vorne.

          Kritik an Parteispitze : Die Abrechnung der Jungen Union

          Fehlende thematische Positionierung, Störfeuer aus Bayern und eine Kampagne, die zum Teil „nur noch zum Haare raufen“ gewesen sei: Der Parteinachwuchs ist beim Deutschlandtag gereizt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.