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Deutsche WM-Bilanz : Im Becken schwach

Einer der wenigen Lichtblicke: Christian vom Lehn Bild: AFP

Die Zielvorgabe war klar: zweimal Gold, zweimal Silber, zweimal Bronze. Am Ende bleiben den Schwimmern in Schanghai fünf Bronzemedaillen – auch wegen des turbulenten WM-Ausstiegs von Britta Steffen.

          „Wie heißt es immer so schön“, sagte Bundestrainer Dirk Lange, „der erste Eindruck und der letzte sind entscheidend.“ Die waren bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Schanghai aus deutscher Sicht hervorragend. Beim ersten gewann Paul Biedermann über 400 Meter Freistil eine seiner zwei Bronzemedaillen auf Einzelstrecken, beim letzten kämpfte er sich in einem packenden Finale mit der deutschen Lagenstaffel am Sonntag ebenfalls noch auf Rang drei vor.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Helge Meeuw, Hendrik Feldwehr, Benjamin Starke und Biedermann mussten sich in 3:32,60 Minuten nur den Amerikanern (3:32,06) und den Australiern (3:32,26) geschlagen geben. Und doch täuschten diese beiden Eindrücke gewaltig. Denn was zwischen diesen Erfolgserlebnissen lag, war für den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) weit weniger ermutigend.

          Statt der mit dem Deutschen Olympischen Sportbund vereinbarten Zielvorgabe von zweimal Gold, zweimal Silber und zweimal Bronze blieben den Beckenschwimmern des DSV am Ende nur fünf Bronzemedaillen – nicht zuletzt, weil durch den turbulenten WM-Ausstieg von Britta Steffen zwei fest eingeplante Medaillen ausfielen. Da war es ein schwacher Trost, dass die Wasserspringer in Schanghai voll im Soll lagen und die Freiwasserschwimmer sogar noch darüber. Alle Sparten zusammengenommen, gewannen die DSV-Athleten in Schanghai 13 Medaillen.

          „Bei den Beckenschwimmern sind unsere Erwartungen nicht erfüllt worden“, sagte der Leistungssportdirektor Lutz Buschkow. „Mit dieser Entwicklung können wir nicht zufrieden sein.“ Besonders auffällig war, dass viele Athleten beim Wettkampf-Höhepunkt der Saison nicht mehr an die Zeiten herankamen, die sie bei den nationalen Titelkämpfen Anfang Juni geschwommen waren – bei der Gelegenheit, bei der es galt, sich durch die Erfüllung der harten Normzeiten für die WM zu qualifizieren.

          „Meine Aufgabe ist es, beratend und unterstützend tätig zu sein“

          Offenbar hatten viele Athleten den Formaufbau auf den Qualifikationswettkampf abgestimmt und konnten ihr Leistungsniveau dann nicht bis zur WM halten. Als Konsequenz soll nun der zeitliche Abstand zwischen nationalen Meisterschaften und Saisonhöhepunkt, in diesem Jahr sieben Wochen, optimiert werden, wie auch die individuellen Trainingskonzepte der einzelnen Schwimmer. „Meine Aufgabe ist es, hier beratend und unterstützend tätig zu sein, um den Heimtrainern entsprechende Rahmenbedingungen zu geben, sie dorthin zu steuern, wo sie hin sollen“, sagte Bundestrainer Lange.

          „Wenn es nach den Trainern ginge, sollte man mit den Meisterschaften entweder ganz nah ran oder mindestens neun Wochen weg gehen“, sagte der Essener Stützpunkttrainer Henning Lambertz. „Bei mindestens neun Wochen lässt sich eine neue Formausprägung machen, bei sieben Wochen geht das nicht.“ Für 2012 soll daher eine bessere Lösung gefunden werden, gemeinsam mit den für den DSV so wichtigen Fernsehsendern.

          „Die WM ist nicht so gelaufen, wie wir uns das erhofft hatten“

          In diesem Jahr sei von vornherein klar gewesen, dass es schwer sei, die Leistungen von den deutschen Meisterschaften zu steigern, sagte Lambertz. Das sei keine Entschuldigung für die teils deutlich schlechteren Zeiten in Schanghai, „die Form zu halten, das geht“, wie Bronzemedaillengewinner Christian vom Lehn oder der WM-Zweite 2009 Helge Meeuw zeigten. In der Breite aber galt: „Die WM ist nicht so gelaufen, wie wir uns das erhofft hatten“, sagte die Athletensprecherin Dorothea Brandt. Das galt auch für sie selbst: Die Berlinerin verpasste am Samstag in 25,06 Sekunden um eine Hundertstelsekunde den Einzug ins Finale über 50 Meter Freistil.

          Lutz Buschkow hat noch ein weiteres Problem ausgemacht: die „psychische Wettkampfstabilität der Beckenschwimmer“, die fehlende Fähigkeit, die Leistungen aus dem Training zum richtigen Zeitpunkt ins Becken zu bringen. Das Selbstbewusstsein, wie es Biedermann in Schanghai demonstrierte, oder die Unbeschwertheit, mit der der 19 Jahre alte vom Lehn auftrat, hätten vielen Schwimmern gefehlt. „Es ist nicht so einfach, neben einem Phelps oder Lochte zu stehen, die permanent Topleistungen bringen“, sagte Lange, „da wird man schon mal kleiner, wenn man nicht selbstbewusst und selbstsicher ist.“ Nun wird unter anderem über eine verstärkte Zusammenarbeit mit Mentaltrainern nachgedacht.

          „Meine Überzeugung bleibt, dass Niederlagen stärken

          Schließlich wird der Leistungsdruck auf die Athleten vor den Olympischen Spielen eher höher, sportlich wie psychologisch. Schon diesmal galt: „Der Schwimmsport ist ein Jahr vor den Olympischen Spielen erbarmungslos“, sagte Lange. In Schanghai wurden die Deutschen schon von manchen anderen Nationen überholt. Ziel und Anspruch von Buschkow und Lange ist es jedoch, zur Weltspitze aufzuschließen und sich dort oben festzusetzen. Dieses Vorhaben, sagte Lange, „ist uns in Schanghai nicht unbedingt gelungen“. Jetzt gilt es, die richtigen Lehren aus dem schlechtesten WM-Ergebnis der Beckenschwimmer seit der Wiedervereinigung zu ziehen – für Athleten, Betreuer, Trainer und Führungsspitze. Dorothea Brandt hat großes Vertrauen, dass das geschehen wird: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir im nächsten Jahr wieder sehr, sehr gut aufgestellt sein werden.“

          Dann auch wieder mit Britta Steffen. Die am Donnerstagabend in geheimer Mission vorzeitig nach Hause aufgebrochene Doppel-Olympiasiegerin ließ das Team von Deutschland aus per Interview im Boulevardblatt „Bild am Sonntag“ wissen: „Ich brenne noch für diesen Sport und die damit verbundenen Ziele.“ Und: „Meine Überzeugung bleibt, dass Niederlagen stärken.“ Das müssen die deutschen Schwimmer nun im kommenden Jahr beweisen.

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