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Deutsches Team am Scheideweg : Gänsehaut und Daueradrenalin

  • -Aktualisiert am

Kennt das Gefühl von Olympia: Zuspieler Lukas Kampa (links), hier im September 2019 in Apeldoorn Bild: dpa

Die deutschen Volleyball-Männer kämpfen in Berlin um die Olympia-Qualifikation. Für gleich mehrere Stützen der Nationalmannschaft könnte es die letzte Chance sein.

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          Es ist das „Max-Schmeling-Hallen-Gefühl“, das Lukas Kampa vor dem Olympia-Qualifikations-Turnier der Volleyballer in Berlin beschwört: eine Woche Dauerkribbeln. Sein Trainer Andrea Giani warnt gleichwohl davor, irgendjemand könnte die Aufgabe wegen des Heimvorteils als leicht erachten: „Es ist schwieriger, sich für Olympia zu qualifizieren, als dort eine Medaille zu gewinnen.“ Auch wenn ein Hauch Übertreibung in dieser Aussage stecken mag, die Problemstellung der kurzen Berliner Woche hat es in sich: Acht europäische Spitzenmannschaften, darunter Europameister Serbien, der EM-Zweite Slowenien und Turnierfavorit Frankreich, bewerben sich in einem extrem harten Ausscheidungsturnier um nur einen Qualifikationsplatz.

          Wer sich durchsetzen will, muss vom 5. Januar an in fünf Spielen an sechs Tagen bestehen. „Es kommt auf den Willen an und die Bereitschaft, sich für die Mannschaft zu opfern“, sagt Trainer Giani und appelliert an die Charakterstärke seiner Spieler. Als Aktiver galt Giani als einer der besten Universalkönner der Welt, mit Italiens Auswahl wurde er mehrmals Welt- und Europameister. Der später als Ritter und Offizier mit dem Verdienstorden der Republik Italien ausgezeichnete Sportsmann nahm an fünf olympischen Turnieren teil, gewann dabei drei Medaillen. Als Trainer fehlt dem 49-Jährigen diese Erfahrung.

          „Ich weiß, wie es sich anfühlt“

          Auch Kampa, der Zuspieler der deutschen Nationalmannschaft, war schon bei Olympia dabei und möchte auf seine „alten Tage“ noch einmal hin. „Ich weiß, wie es sich anfühlt“, sagt der 33-Jährige, der 2012 in London dabei war, als das deutsche Team immerhin das Viertelfinale erreichte. 2016 scheiterte seine Mannschaft ganz knapp in der finalen Qualifikation. Nun ist Berlin zum dritten Mal Schauplatz des kontinentalen Ausscheidungsturniers – und für die Generation um Strippenzieher Kampa, Hauptangreifer Georg Grozer und Libero Markus Steuerwald könnte es die letzte Chance sein. Alle drei sind über 30.

          „Es ist eine Extramotivation“, sagt Kampa in Bezug auf das leicht fortgeschrittene Alter der „Säulen“ im Team. Er empfindet den Status im „Herbst seiner Karriere“ aber nicht als Ultimatum. Gerade als Zuspieler könne er auch mit Ende 30 noch dabei sein. Doch so weit reiche der Blick noch nicht: „Aktuell sind alle fit, keiner muss durchgezogen werden.“ Wenn Kampa rückblickend an die Spiele in der Max-Schmeling-Halle denkt, ergreift ihn unmittelbar die Vorfreude, dann fällt ihm als Erstes „positiver Lärm“ ein: eine gewaltige Stimmung in der Halle und davor, „vollbesetzte Plätze bis in die Oberränge, Leute, die uns anfeuern, überall deutsche Farben“. Oder, um es mit einem Wort auszudrücken: „Gänsehautgefühl.“

          Der Spielplan meint es noch einigermaßen gut mit der deutschen Mannschaft. Das Turnier beginnt für sie mit der Partie gegen den vermeintlich leichtesten Gegner Tschechien an diesem Sonntag (19.30 Uhr), danach folgt Belgien und schließlich Slowenien. „Der Plan gibt uns die Möglichkeit, zu wachsen“, sagt Kampa. Er möchte nicht missverstanden werden: „Das heißt nicht, es reicht am Anfang, mit halber Kraft zu spielen.“ Die Erfahrungen der enttäuschend verlaufenen Europameisterschaft im September haben der Kapitän und sein Trainer noch allzu schmerzhaft in Erinnerung. Dort peilten sie mindestens eine Medaille an und konnten nach schwachem Start nur drei von sieben Spielen gewinnen. Obwohl sie wegen des fragwürdigen Modus dennoch ins Viertelfinale vorstießen, lehrte diese EM, dass es nur mit voller Konzentration möglich ist, etwas zu gewinnen.

          Bei der Olympia-Qualifikation geht es für die besten vier Teams straff über Halbfinale am Donnerstag der nächsten Woche und das Finale am Freitag zum Traumziel Tokio: „Man kann sich keinen Fehltritt erlauben.“ Dass von den zwölf Nationen, die in Tokio 2020 mitspielen dürfen, insgesamt nur vier aus Europa kommen werden – Italien, Russland und Polen sind qualifiziert –, hält Kampa bei allem Verständnis dafür, dass alle Kontinente olympisch vertreten sein sollen, für einen Witz: „Es kann nicht sein, dass wir uns mit acht Mannschaften um einen Platz kloppen.“ Dagegen werden in Japan auch Teams aus Afrika und Südamerika mitspielen, die höchstens zwei, drei Sätze im ganzen Turnier gewinnen werden.

          Da er sich jedoch nicht über Dinge aufregen will, die nicht zu ändern sind, konzentriert sich Giani mit seinen Profis auf den „großen Plan“ für Berlin. Sie wollen von Anfang an über starke Aufschläge und hartes Blockspiel „die Arbeit erledigen“ und ihre Gegner in die Defensive zwingen. Im Side-out-Spiel, also bei gegnerischem Aufschlag, müsse dann von Anfang an Präzision auf Spitzenniveau geboten werden. Der im Alltag in der polnischen Liga auf Weltniveau agierende Kampa erwartet „eine Woche Daueradrenalin“. Und wagt eine Prognose: „Falls wir es schaffen, unser Potential abzurufen, ist alles drin.“

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