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Deutsche Turnerinnen : Lieber sauber als schwierig

  • -Aktualisiert am

Topplatzierung vor Augen: Sophie Scheder Bild: dpa

Elisabeth Seitz, Sophie Scheder, Leah Grießer und Co. finden bei der WM den Schlüssel: An diesem Dienstag zeigen sich Deutschlands Turnerinnen im Finale der besten acht Teams.

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          Das eine ist es, alles richtig zu machen, alles so umzusetzen, wie es im Vorfeld geplant war. Das war den deutschen Turnerinnen am Samstag bei der Turn-Weltmeisterschaft in Doha gelungen. Das andere ist, ob sich dieses Gelingen auch im Ergebnis ablesen lässt. In dieser Hinsicht haben die deutschen Turnerinnen Glück gehabt: An diesem Dienstag stehen sie mit einer Teamwertung von 161,071 im Finale der besten acht Teams der Welt. Die britischen Konkurrentinnen brachten es auf 160,964 und können nun als Neunte nur zuschauen, wie die Amerikanerinnen, das gilt als sicher, mal wieder Weltmeister werden.

          Cheftrainerin Ulla Koch hatte im Vorfeld etliche Ergebnisse der weltweiten Konkurrenz akribisch berechnet. Nach dem deutschen Durchgang war sie sichtlich zufrieden, aber vorsichtig, was das angepeilte Erreichen des Teamfinals betraf: „Ich meine, man braucht 162 Punkte, von daher bin ich jetzt gut gelaunt, aber wir müssen warten.“ Ihre Turnerinnen rund um die wieder genesene Elisabeth Seitz, die sich auch für das Mehrkampf- und das Barrenfinale qualifizierte, waren derweil in Hochstimmung, und jede einzelne der fünf jungen Frauen beschwor die positive Stimmung in der Gruppe.

          Das kam offenbar nicht von allein. Vor der WM hatte es eine Menge Maßnahmen jenseits der Trainingseinheiten gegeben, die man, genau betrachtet, als Teambuilding bezeichnen könnte: Man saß abends zusammen, man ging gemeinsam ins Kino, und man suchte bei einem Escape-Room-Event den Schlüssel, um wieder aus dem Raum zu kommen. Wohlgemerkt alles ohne den Trainerstab.

          Und auch nicht ohne Grund: Bei den Europameisterschaften im August hatte man das Teamfinale noch verpasst, die Balkenleistung damals war miserabel, die Stimmung alles andere als gut. In Doha gab es vor leeren Rängen – die qatarische Bevölkerung hat das Turnen offenbar noch nicht für sich entdeckt – lediglich zwei Stürze, die allerdings mit einer Streichwertung nicht in die Gesamtwertung eingingen.

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          Gute Stimmung allein macht keinen achten Platz im internationalen Frauenturnen, das ist auch klar. Die Strategie, die für den Moment aufgegangen ist, lautet folgendermaßen: die Schwierigkeiten reduzieren und damit ermöglichen, dass saubere Übungen präsentiert werden, oder anders formuliert, dass die Abzüge für die Ausführung möglichst gering bleiben. Ein Sturz kostet im Turnen einen ganzen Punkt, eine zusätzliche Drehung oder Schraube bringt hingegen meist nur ein oder zwei Zehntel mehr in der Schwierigkeit.

          Leah Grießer, die ihre Schwierigkeit am Balken stark reduzieren musste, fand das am Anfang gar nicht toll, sagte aber nach dem Wettkampf: „Komplett richtige Entscheidung – alles für’s Team“. Sara Voss, bei der EM noch Sprungfinalistin, verzichtete dafür gleich ganz auf ihren zweiten Sprung, der Voraussetzung ist, um sich überhaupt um einen Finalplatz zu bewerben. Es galt, sich ganz auf den ersten Sprung, der für die Teamwertung zählt, zu konzentrieren. Auch die Olympia-Dritte am Barren von Rio, Sophie Scheder, die nach langer Verletzungspause zum ersten Mal wieder international am Start war, verzichtete auf ihre schwierigste Barrenübung, „um dem Team eine stabile Übung anzubieten“, wie sie sagte.

          Wie schon in den vergangenen Jahren punkteten die deutschen Frauen mit hohen Noten für die Ausführung. Doch die Endnote für jede einzelne Übung ergibt sich eben aus der Addition der Ausführungsnote und dem Schwierigkeitsgrad. Das bedeutet auch, dass mit dem Verzicht auf Schwierigkeiten die maximal erreichbare Höchstnote geringer wird. Ein Blick auf die Konkurrenz zeigt den Unterschied: Brasilien und Kanada zum Beispiel, die sich ebenfalls für das Teamfinale qualifiziert haben, können in der Addition ihrer Schwierigkeiten rund vier ganze Punkte mehr aufzuweisen.

          Mit Blick auf die Olympischen Spiele in Tokio werden alle Länder bemüht sein, ihre Schwierigkeiten weiter zu steigern. Ulla Koch sagte denn auch schon in Doha, dass sie wisse, woran für die entscheidende Olympiaqualifikation in Stuttgart 2019 noch zu arbeiten sein wird: „Nichts ist ein Selbstläufer, wir haben sehr starke Konkurrenz.“ Aber erst mal wollen sie das Finale, das erste bei einer Weltmeisterschaft seit 2011, genießen – als Team.

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