https://www.faz.net/-gtl-9pr1l

Deutsche Turner : Zwei Namen als WM-Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Gemeinsame Freude: Marcel Nguyen (rechts) und Andreas Toba bei der Siegerehrung nach dem Reck-Wettbewerb in Berlin Bild: dpa

Andreas Toba und Marcel Nguyen beeindrucken bei den „Finals“ in Berlin und sollen bei der anstehenden WM für Erfolge sorgen. Doch der Bundestrainer sieht sich vor allem bei einem Thema hohem Druck ausgesetzt.

          3 Min.

          Es ist ein bisschen wie ein langes Pokerturnier, dessen Finale für das deutsche Männerturnen in ziemlich genau zwei Monaten stattfinden wird: Dann, im vierten Qualifikationsdurchgang der Weltmeisterschaft in Stuttgart, braucht Cheftrainer Andreas Hirsch die beste Hand, in seinem Fall eben fünf Turner. Deren Auswahl begann am Samstag bei den deutschen Meisterschaften in Berlin, die Andreas Toba vor Marcel Nguyen gewann. Andreas Hirsch hatte die Veranstaltung offiziell zur ersten WM-Qualifikation erklärt. Aber in die Karten seiner Kriterien gewährte der Cheftrainer wie gewohnt keinen konkreten Einblick – im Anschluss an den Wettkampf klang das so: „Am Anfang muss man ja erst mal gucken, wen hat man überhaupt im Boot? Wer kann der Mannschaft helfen, wer unserem Ziel helfen?“

          Andreas Hirsch ist ziemlich erfahren in diesem Spiel: In seiner Laufbahn als Cheftrainer ist es das fünfte Mal, dass er entscheiden muss, mit welchen Athleten er zur Olympiaqualifikation antritt. Viermal hat er gewonnen: Seit 2004, den ersten Olympischen Spielen unter seiner Verantwortung, gehörten die deutschen Turner immer zu den zwölf Nationen, die in Teamstärke antreten durften. Das beste Ergebnis war der vierte Rang im Teamfinale 2008, 2012 und 2016 wurden die Turner jeweils Siebter. Marcel Nguyen war bei all diesen Wettkämpfen dabei und wurde auf dem Höhepunkt seiner Karriere 2012 zweimal Olympiazweiter. „Vermutlich gibt es nicht so viele Turner, die mit über 30 Jahren noch alle Geräte machen“, sagte der knapp 32-Jährige am Samstag. Viele Elemente zeige er nur noch im Wettkampf, da eine lädierte Schulter das Training nicht mehr erlaube.

          Nguyen und Toba sind unverzichtbar

          Andreas Toba, auch schon seit 2012 in London dabei, wurde 2016 in Rio – wegen eines Kreuzbandrisses – berühmt, in Tokio würde er allzu gern noch mal einen kompletten Wettkampf bestreiten. Für den Cheftrainer, so viel Prognose darf man wagen, werden beide, so sie gesund bleiben, Karten sein, auf die er nicht verzichten kann. Das Ziel der Meisterschaft, bei der 35 Turner antraten, sei „erst mal nur, zwölf Leute für die nächste Qualifikation herauszukristallisieren“, sagte Hirsch. Das zweite offizielle Qualifikationsturnier steht bereits in zwei Wochen an. Dass es danach eine definitive Nominierung des WM-Teams gibt, ist nicht anzunehmen, aber „den Kern der Mannschaft“ werde er dann benennen, versprach Hirsch am Wochenende.

          In diesem Olympiazyklus haben sich die Spielregeln etwas verändert. Hirsch beschreibt seine Aufgabe so: „Im Prinzip brauchen wir 18 Übungen – und das müssen die besten sein, jeweils drei am Gerät und dafür haben wir fünf Turner zur Verfügung.“ Die Verringerung der Mannschaftsstärke von sechs auf fünf Aktive verkompliziert die Sache: Auf der einen Seite braucht es vor allem Turner, die an allen Geräten einsetzbar sind, auf der anderen Seite bräuchte es auch einzelne Übungen, die ein Quentchen besser sind als der Schnitt, und die stammen meist von Turnern, die eben nicht an allen Geräten gleich gut sind.

          Hofft auf eine erfolgreiche Zukunft: Bundestrainer Andreas Hirsch (rechts), hier beim Weltcup in Stuttgart im März
          Hofft auf eine erfolgreiche Zukunft: Bundestrainer Andreas Hirsch (rechts), hier beim Weltcup in Stuttgart im März : Bild: Picture-Alliance

          So ist Nick Klessing aus Halle zum Beispiel besonders gut an den Ringen, Nils Dunkel am Pauschenpferd. Beide wurden am Sonntag Meister an ihren Geräten, konnten sich im Mehrkampf aber nicht unter den besten fünf plazieren. Chancenlos sind sie vermutlich deswegen nicht. Blufft Andreas Hirsch, wenn er sagt: „Der Mehrkampf hier ist nicht die Nominierung dort“ oder „zwischen Nominierung und Formierung der Mannschaft“ wolle er unterscheiden?

          Leicht ist seine Aufgabe nie gewesen. Aber in diesem Jahr ist es wohl noch etwas schwieriger: Der Druck, die Qualifikation bei einer WM im eigenen Land zu schaffen, ist hoch. Man stelle sich nur vor, wie diese zehntägige Veranstaltung verläuft, wenn sich die deutschen Athleten in den ersten Tagen nicht qualifizieren. Die Erwartungshaltung der Turnbrüder ist hoch, denn die tollen Erinnerung sind noch wach: Bei der letzten Heim-WM 2007 gab es Bronze für das Team, Silber und Gold für Fabian Hambüchen und weitere Finalplätze. Daran ist nicht zu denken. Aber wer weiß: Vielleicht wird Lukas Dauser, momentan nach Handbruch noch in der Reha, zum Joker am Barren? Oder, das wäre die größte Überraschung, der erst 19-jährige Karim Rida, in Berlin Dritter, schafft es ins Team. Intern hat Andreas Hirsch genau die Situation geschaffen, die er mag: Konkurrenz als Ansporn. So trainieren gleich vier potentielle Starter gemeinsam in Berlin. Philipp Herder, von einer Bandverletzung im Halswirbelbereich genesen und Vierter der Meisterschaft, beschreibt die Stimmung als gut, man verstehe sich als Weggefährten: „Das ist wie eine Kameradschaft, aber letztlich, klar, ist der Konkurrenzdruck da.“

          Weitere Themen

          Die „Lilien“ beginnen ihre Lernphase

          Darmstadt 98 : Die „Lilien“ beginnen ihre Lernphase

          Personell stehen bei Darmstadt 98 vor dem Start in die neue Zweitligasaison noch einige Fragezeichen. Trainer Markus Anfang hält sich mit öffentlichen Aussagen sehr zurück. Doch eine Statistik macht Mut.

          Heimstärke gesucht

          Kickers Offenbach : Heimstärke gesucht

          Gegen den Nachwuchs der TSG Hoffenheim will Offenbach am Bieberer Berg drei Punkte holen. Trainer Angelo Barletta aber warnt.

          Topmeldungen

          Ruth Bader Ginsburgs Tod : Eine Katastrophe für Joe Biden

          Bestätigen die Republikaner noch vor der Wahl einen neuen Richter, verändern sie das Land auf lange Zeit. Warten sie ab, spornen sie konservative Trump-Kritiker zu dessen Wiederwahl an. Und damit enden die Sorgen der Demokraten noch nicht.
          Lieber mit nach Hause nehmen: Auffällig viele Anleger ließen sich im August ihr Gold aus Xetra-Gold-Wertpapieren ausliefern.

          Angst vor Abgeltungsteuer : Flucht aus dem Papiergold

          Während im August in aller Welt viel Geld in Gold-Wertpapiere floss, zogen deutsche Anleger ihr Erspartes ab. Als Grund dürfte die mittlerweile beendete Debatte um eine Goldsteuer eine Rolle gespielt haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.