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Deutsche Tennisdamen : Reif für die große Bühne

Eine von den fünf heißesten Siegkandidatinnen: Andrea Petkovic Bild: dpa

Auch Wimbledon hat aufmerksam registriert, dass sich was tut im ehemaligen Steffi-Graf-Land. Der neuen Generation um Andrea Petkovic, Julia Görges und Sabine Lisicki wird einiges zugetraut.

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          Es gibt bei den großen Tennisturnieren einen verlässlichen Indikator, der in aller Deutlichkeit zeigt, welche Bedeutung ein Spieler besitzt: Wo werden seine Pressekonferenzen angesetzt? Wer wichtig ist und mehr als nur nationales Interesse hervorruft, wird in den großen Interviewsälen befragt, dahinter folgt die Abstufung bis in die kleinsten Räume, und am Ende dieses Bewertungssystem ist man angekommen als Spieler, wenn man sich im Gang wiederfindet. Immer öfter aber ist der Hauptpressesaal mittlerweile für deutsche Tennisspielerinnen reserviert, denen offenbar nicht nur in der Heimat viel zugetraut wird. In den verschiedenen Rubriken der englischen Zeitungen mit dem Motto „Spieler, die es in Wimbledon zu beachten gilt“ tauchen deshalb Andrea Petkovic, Julia Görges und Sabine Lisicki auf.

          Peter Penders
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Aufmerksam hat die Szene registriert, dass sich da was tut im ehemaligen Steffi-Graf-Land, auch wenn es realistisch gesehen noch ein weiter Weg ist bis zu einem neuen deutschen Frauen-Wunder. Alle drei aber haben in diesem Jahr schon ein Turnier gewonnen und für Furore gesorgt: Andrea Petkovic hat sowohl bei den Australian Open als auch bei den French Open das Viertelfinale erreicht, stand in Miami nach einem Sieg über die Weltranglistenerste Caroline Wozniacki im Halbfinale, gewann in Straßburg und kletterte von Platz 32 bis auf Rang 11.

          Die neue Damengeneration ist entspannter und erfolgreicher

          Julia Görges hielt in Stuttgart die Trophäe nach einem Finalsieg über die Branchenführerin hoch, besiegte die vermeintliche Beste ihrer Zunft in der Woche darauf gleich ein zweites Mal, als sie in Madrid das Halbfinale erreichte, und verbesserte sich von Platz 40 zu Beginn des Jahres zum bisherigen Karriere-Höhepunkt mit Rang 16. Und Sabine Lisicki, vor ihrer langwierigen Knöchelverletzung schon einmal auf Rang 22 der Weltrangliste notiert, bewies spätestens mit ihrem Sieg beim Rasen-Vorbereitungsturnier in Birmingham, dass sie auf dem Weg zurück ist. Vor zwei Jahren hatte sie in Wimbledon schon einmal das Viertelfinale erreicht, in dem sie der damaligen Weltranglistenersten Dinara Safina in drei Sätzen unterlag.

          Sabine Lisicki: Nach ihrem Sieg in Birmingham auf dem Weg zurück nach oben
          Sabine Lisicki: Nach ihrem Sieg in Birmingham auf dem Weg zurück nach oben : Bild: AFP

          „Andrea Petkovic ist eine von den fünf heißesten Siegkandidatinnen“, behauptet die nun für das amerikanische Fernsehen kommentierende frühere Wimbledonsiegerin Chris Evert, was allerdings entweder sehr viel Optimismus oder wenig Kenntnis voraussetzt. Schließlich gewann die Darmstädterin am Dienstag mit ihrem 6:3 und 6:4 über die Französin Stephanie Foretz Gacon im vierten Anlauf zum ersten Mal überhaupt ein Spiel in Wimbledon.

          Die Zeichen für die Deutschen stehen günstig

          „Ich bin weit davon entfernt, hier als Titelanwärterin zu gelten“, sagt sie selbst. Allerdings stehen im Londoner Südwesten nicht nur für sie die Zeichen günstig, dass es hier in der Karriere erst einmal weiter nach oben geht. Genau wie Julia Görges hat sie wegen ihrer Erstrundenniederlage im vergangenen Jahr keinerlei Punkte für die Weltrangliste zu verteidigen, und auch Sabine Lisicki kann sich wegen ihres verletzungsbedingten Fehlens im Vorjahr nur verbessern.

          Die Ansprüche an dieses deutsche Trio aber sind gestiegen, und auch Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner hat sich entweder davon anstecken lassen oder will die günstigen Zeiten nutzen, weiter auf das deutsche Damentennis aufmerksam zu machen. „Es würde mich nicht wundern, wenn eine das Halbfinale erreicht“, sagt sie - sollte diese Prognose eintreten, hätte das schon sporthistorische Dimensionen. Die Letzte, die das in Wimbledon schaffte, war 1999 niemand Geringeres als Steffi Graf.

          Die nachfolgende Herren-Generation ist in die Jahre gekommen

          Von diesen Zeiten ist das deutsche Damentrio noch Lichtjahre entfernt, trotzdem hat es in den vergangenen Monaten nach Jahren des Schattendaseins wieder für mehr Interesse am Tennis in der Heimat gesorgt. Die Erfolge von Steffi Graf liegen offenbar lange genug zurück, dass dieser noch eher kleine Aufschwung für Aufsehen sorgt - ein Umstand, der vor allem die in die Jahre gekommenen Herren Tommy Haas, Rainer Schüttler und den unlängst zurückgetretenen Nicolas Kiefer überraschen wird.

          Sie waren einst unmittelbar auf Boris Becker und Michael Stich gefolgt, schafften es zwischenzeitlich in der Weltrangliste auf die Platz zwei (Haas), vier (Kiefer) sowie fünf (Schüttler) und konnten dennoch nie einen Boom auslösen. Die Erinnerung an die großen Erfolge der beiden Protagonisten deckte noch alles zu.

          Alle drei nutzen ausgiebig die Netzwerke unserer Zeit

          Die neue Damengeneration betreibt das Spielchen um mehr Popularität allerdings auch viel entspannter und gleichzeitig erfolgreicher als die drei in ihrer besten Zeit mitunter mürrischen Kollegen. Die Tanzeinlagen von Andrea Petkovic nach Siegen muss man zwar nicht zwingend mögen, haben ihr aber ebenso wie ihr Videoblog einen hohen Wiedererkennungswert eingebracht; zudem besticht die eloquente Darmstädterin durch ihre Vielsprachigkeit und einen unverkrampften Umgang mit Medien aller Art.

          Dass Julia Görges nebenbei zu den wenigen Frauen gehört, die die ganz auf Maria Scharapowa zugeschnittene Tennismode ebenfalls tragen können, sagt schon alles über ihre attraktive Erscheinung aus, was immer hilft; und alle drei nutzen ausgiebig die Netzwerke unserer Zeit wie Facebook und „twittern“ quasi um die Wette. Soviel neues Interesse in Deutschland hat dazu geführt, dass in Halle auch ein Rasenturnier für die Damen in Planung ist, in Frankfurt soll es Gespräche über eine Veranstaltung auf die in den goldenen Zeiten eigens für den Fed Cup ausgebauten Anlage an der Fußball-Arena geben. Und selbst Steffi Graf hat gerade bei einem Showturnier in Halle ihren vermeintlichen Nachfolgerinnen ihre Hilfe angeboten. „Wenn ihr Probleme habt, könnt ihr mich jederzeit anrufen.“

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