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Deutsche Schwimmer : Milderes Klima – schneller im Becken?

  • -Aktualisiert am

Mann mit Flügeln: Philip Heintz darf sich Chancen ausrechnen Bild: dpa

Der Cheftrainer der deutschen Schwimmer, im vergangenen Jahr noch rigoros, ist den Athleten vor der EM entgegengekommen. Ob Ausbeute und Stimmung steigen, wird sich nach wenigen Tagen messen lassen.

          Jubel, Trubel, Heiterkeit und zum Abschluss ein Feuerwerk: Mit einem sechseinhalbstündigen Festival auf dem zentralen George Square von Glasgow sind am Mittwoch die European Championships 2018 eröffnet worden. Sie sei den Machern und Fans gegönnt, diese ausufernde Einstimmung in der Unesco City of Music. Schließlich ist dieses Multisport-Event das erste seiner Art. Wie die Laune nach der Premiere sein wird, das hängt von den kommenden elf Tagen ab. Ganz besonders gilt dies für die deutschen Beckenschwimmer. Ihre Europameisterschaften sind ebenfalls Teil dieser kontinentalen Sport-Zusammenballung. Und auch wenn sich der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) mit offiziellen Medaillenwünschen zurückhält, so sollten die Wettbewerbe im Westen der schottischen Hafenstadt doch für gute Nachrichten über den zuletzt so gebeutelten DSV sorgen.

          Zur Erinnerung: Noch vor einem Jahr war das Klima rauher als in den Highlands im Winter. Der Gegenwind für Chefbundestrainer Henning Lambertz, der seit den medaillenlosen Spielen von London 2012 das Ruder herumreißen sollte, wurde immer stärker. Da waren Trainer, die sich am neuen Kraftkonzept und zunächst kompromisslos vorgetragenen Vorgaben abarbeiteten. Da waren Athleten, die sich durch scharfe Normzeiten um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften gebracht fühlten. Oder, wie Philip Heintz, um einen Erfolg in Budapest. Bei der obligatorischen Auswertetagung einige Monate nach der WM 2017, deren Ausbeute trotz der Silbermedaille von Franziska Hentke so schwach ausfiel wie befürchtet, hatten sich die Gemüter etwas beruhigt. Das Klima sei „angenehmer“ gewesen, sagte Lambertz im Anschluss. Angenehmer jedenfalls als noch ein Jahr zuvor, als es 2016 nach der abermaligen Olympia-Pleite so emotional wie lautstark zugegangen war.

          Das liegt zum einen daran, dass der Bundestrainer seinen Kritikern sehr weit entgegengekommen ist: Ein Zeitraum von drei Monaten ersetzt seither den einen Qualifikationswettkampf, dazu wurden alle Maßnahmen bis zu den Spielen 2020 zeitlich festgezurrt, die gemeinsame Vorbereitung vor dem Saisonhighlight deutlich verkürzt. „Wir wissen für die kommenden Jahre nun ganz genau, wann der Qualifikationszeitraum sein wird, wie lang wir mit wem vor einem Top-Event bereits vor Ort sind, wie wir Höhentrainingslager setzen, wie die Normal-Null-Trainingslager“, sagte Lambertz. Was die Wogen zusätzlich geglättet hat: Dass die zunächst so drastisch formulierte Zwangszentralisierung der Topschwimmer an den Stützpunkten schlussendlich kaum durchgeboxt wurde. Lambertz hat den Athleten-Heimtrainer-Gespannen innerhalb eines Rahmens also die Freiheiten eingeräumt, „die jeder Einzelne einfordert“. Das aber habe auch zur Folge, dass die Verantwortung für das Abschneiden beim Top-Event ebenfalls bei den Heimtrainern liege.

          Mann mit Problemen: Henning Lambertz hat die Anforderungen geändert

          An den vielfach kritisierten harten Normen wurde zwar nicht gerüttelt. Doch während vor einem Jahr der DSV mit nur 14 Beckenschwimmern nach Budapest gefahren war, ist das EM-Team mit 31 Athleten wieder mehr als doppelt so groß. Darunter immerhin fünf ordentlich Qualifizierte – und damit zwei mehr als noch vor einem Jahr. Der Rest ist abermals über abgeschwächte U-23-Normen (6), vor allem aber über zahlreiche Staffelmeldungen ins Team gerutscht. Die Normen hierfür hatte Lambertz nachträglich gesenkt. Ein Umweg, der laut Athletensprecher Jacob Heidtmann nicht nötig wäre, wenn man die Normen im Sinne der Nachwuchsmotivation abschwächen würde.

          Zu guter Letzt sind da noch die Leistungen der vergangenen Monate, die optimistisch stimmen. Und das, obwohl sich Titelverteidiger Marco Koch trotz zusätzlicher Chance nicht qualifizieren konnte und auch Franziska Hentke zuletzt mit einer erstaunlichen Diskrepanz zwischen eigener Wahrnehmung und Realität in ihren Schmetterling-Rennen haderte. Denn: Kurzbahn-Europameister Philip Heintz hat gute Chancen auf sein erstes Gold auf der Langbahn. Darüber hinaus konnten in den vergangenen Monaten auch die Langstreckenexperten Sarah Köhler und Florian Wellbrock durch starke Leistungen und nationale Rekorde überzeugen. Die Heidelbergerin Köhler, 2017 noch ein Opfer der harten Normen und nun wie Hentke und Heintz topgesetzt für die EM, könnte am Samstag über 800 Meter Freistil die erste Einzelmedaille für die deutschen Schwimmer erkämpfen. Das Finale über Wellbrocks 1500 Meter wird am Sonntag aufgerufen. Am Montag sind Hentke und Heintz gefordert.

          Tatsächlich also brauchen die deutschen Schwimmer gar keine elf Tage, um zu wissen, mit welcher Stimmung sie die Heimreise antreten werden. Ihnen reichen schon die ersten vier. Danach wird sich zeigen, aus welcher Richtung der Wind künftig weht.

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