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Deutsche Säbelfechter : Piraten der Sporthalle

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Sie sind lässiger als Zorro und gehören zur Weltklasse, doch in der öffentlichen Wahrnehmung nur selten präsent. Das wollen die deutschen Säbelfechter um Europameister Max Hartung ändern.

          4 Min.

          „Viel zu wenig Leute haben mal einen Säbel in der Hand gehabt“, meint Max Hartung. Und das gilt es seiner Meinung nach zu ändern. Deshalb bietet der Europameister im Säbelfechten gemeinsam mit seinen Teamkollegen Benedikt Wagner, Richard Hübers und Matyas Szabo, alle mit internationalen Medaillen dekoriert, einen Workshop für Sportberichterstatter im Säbelfechten an: Damit die Leute endlich mal verstehen, „was wir machen.“

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Die Vorbilder sind schillernd: allen voran Johnny Depp als Captain Jack Sparrow und Kira Kneightly als Elizabeth Swann in der „Fluch der Karibik“-Filmreihe gelten als Role-Models für alle Möchtegernsäbelfechter. Lässige Typen mit schnellen Reaktionen, attraktiv und ein bisschen exzentrisch. Nach Auffassung von Hartung haben Säbelkämpfer zumindest in der Kinokultur die Mantel- und-Degen-Filme seiner Kindheit an Popularität übertroffen. Zorro kämpfte in einer anderen Waffengattung. Und so sehen sich auch die besten deutschen Säbelfechter in der Tradition der Freibeuter. „Säbelfechter sind meistens etwas extrovertierter“ meint Hartung, wenn er sich und seine Mitstreiter mit den Kollegen vergleicht, die Degen oder Florett bevorzugen.

          Hartung ist der „Captain“ der Piraten. Viermal Europameister, Weltmeister mit dem Team, zudem Athletensprecher und Gründungspräsident von Athleten Deutschland e.V., der Interessensvertretung aller olympischer Sportler quer durch die Sportarten. Doch an diesem Tag tritt der 30-Jährige als Lobbyist seiner eigenen Disziplin auf, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung in eine Randlage gedrängt sieht: „Säbelfechten“.

          Schillernde Vorbilder mit Säbel: Captain Jack Sparrow, dargestellt von Johnny Depp (r.), und andere Abenteurer.
          Schillernde Vorbilder mit Säbel: Captain Jack Sparrow, dargestellt von Johnny Depp (r.), und andere Abenteurer. : Bild: AP

          Dreiviertel seines Lebens hat der großgewachsene Mann in der Sporthalle des TSV Bayer Dormagen am Höhenberg 40 in der rheinischen Chemiestadt verbracht. Bei einem Schnupperkurs in der Regenbogenschule war er mit acht aufs Säbelfechten aufmerksam gemacht worden – und ist bis heute davon begeistert. Dormagen kann nicht gerade als Perle am Rhein bezeichnet werden; das 60.000-Einwohner-Städtchen fristet zwischen den Metropolen Köln und Düsseldorf eine etwas unbeachtete Randlage. Wer nicht gerade Chemiewerker gelernt hat, macht eher einen Bogen um den Industrie-Standort – es sei denn er versteht sich aufs Säbelfechten.

          Denn hier in Dormagen hat sich eine Art Piratennest ausgebildet, seit gut einem Jahrzehnt kommen die besten Säbelfechter Deutschlands aus dieser Kleinstadt, angeführt zunächst von Nico Limbach, der 2009 Einzel-Weltmeister war. In dessen Fußstapfen trat Hartung, nachdem beide 2014 gemeinsam Team-Weltmeister wurden. Als Vater der „Freibeuter“-Kompanie gilt seit Jahren Vilmos Szabo, von seinen Schülern „Willi“ genannt. Er war selbst Olympiafechter für sein Heimatland Rumänien. In seiner Wahlheimat Dormagen lehrt er von 1993 an die Feinheiten des Säbel-Gefechts, seit 2008 im Rang eines deutschen Bundestrainers.

          Viele unterschiedliche Typen sind durch seine Hände gegangen. Einer davon ist Richard Hübers, derzeit der vierte Kämpfer im Dormagener Team. Hübers ist ein eher wuchtiger Mann im Gegensatz zu dem schmalen Benedikt Wagner, dem etwas kleineren Matyas Szabo und dem athletischen Hartung. Er sieht die Faszination des Säbelfechtens auch in der Vielfältigkeit der einzelnen Sportler, die es ausüben. Und erkannte auch: „Die ersten Fortschritte sind schnell getan – aber um in der Weltspitze anzukommen, ist mit super viel Aufwand verbunden.“

          Zu schnell für das menschliche Auge: Säbelfechten ist eine außerordentlich dynamische Sportart und deshalb von außen nur schwer nachvollziehbar.
          Zu schnell für das menschliche Auge: Säbelfechten ist eine außerordentlich dynamische Sportart und deshalb von außen nur schwer nachvollziehbar. : Bild: EPA

          Säbelfechten ist schnell, spannend, dynamisch – und mit dem bloßen Auge kaum nachvollziehbar. Das genau ist das Problem. In der Grundidee ist es wie alle Fecht-Disziplinen erst mal keine komplizierte Sportart: zwei Kämpfer, zwei Waffen, eine Bahn. „En Garde“. Wer häufiger trifft, gewinnt. „Touché“. Und weil der Säbel nicht nur eine Stich-, sondern auch eine Hiebwaffe ist, geht es ziemlich turbulent zur Sache. Angriff, so scheint es, ist die beste Verteidigung. Und Angriffsrecht muss auch haben, wer gültige Treffer setzen möchte. Einfach mitstechen ist nicht nur verpönt, sondern lohnt nicht, denn die Treffer sind ungültig.

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