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Deutsche Reiterliche Vereinigung : Radikaler Sprung

Vorerst nicht mehr in der deutschen Mannschaft: Ludger Beerbaum Bild: ddp

Umdenken für bessere Zeiten? Die Auflösung der Kader und die Überprüfung von Reitern und Funktionären beschwichtigen zunächst einmal die Fernsehanstalten. Auf internationaler Ebene stoßen die deutschen Reiter dagegen auf wenig Gegenliebe.

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          Die erste Kuh haben die Pferdeleute vom Eis: Mit ihrem Radikal-Sprung in Richtung Selbstfindung haben sie es geschafft, ARD und ZDF an den Verhandlungstisch zurückzuholen. Dort geht es um die Erneuerung des Fernsehvertrags zwischen den Anstalten und der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, der Ende 2009 ausläuft und bisher jährlich eine Million Euro brachte.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          „Mutig“ und „bemerkenswert“ findet ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky die Entscheidung des Verbandes, seine Nationalmannschaften aufzulösen und Reiter und Funktionäre vor eine unabhängige Kommission zu bitten – zwecks Vergangenheitsbewältigung und Verhaltensüberprüfung. Schließlich sind die Fernsehleute leidgeprüft im Umgang mit den von Doping und anderen Manipulationen gebeutelten Disziplinen wie Radsport und Berufsboxen. „In solcher Konsequenz habe ich das noch von keinem Sport erlebt“, sagte Balkausky. „Wir haben jetzt eine große Bereitschaft, die Verhandlungen fortzuführen.“

          Beerbaum nicht in St.Gallen

          Geschafft, doch nun muss Ernst gemacht werden mit den Ankündigungen. Anfang Juni wird die dreiköpfige, vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingesetzte Kommission ihre Arbeit aufnehmen, die Reiter und Funktionäre überprüfen soll. Neben dem ehemaligen Verfassungsrichter Udo Steiner werden der Bonner Jurist Heinz Faßbender, ein Mann mit langer Erfahrung im Galopprennsport, und der Tierarzt Erich Klug der Kommission angehören. Klug wurde erst vor kurzem als Professor an der Tierärztlichen Klinik in Hannover emeritiert. Bevor ein Reiter in den Nationalkader zurückkehren kann, muss er sich Fragen zum Thema Doping und Manipulation stellen. Auch mögliche Sanktionen für Reiter und Funktionäre kann die Kommission empfehlen.

          Begrüßt den Kurs des Verbandes: Olympiasieger Hinrich Romeike

          Trotz der Auflösung der Kader wird allerdings am Wochenende nach Pfingsten in St. Gallen eine deutsche Nationenpreis-Mannschaft am Start sein, allerdings ohne Ludger Beerbaum, den erfahrenen Reiter aus Riesenbeck, der aussetzen muss, bis die Kommission über seine Person entschieden hat. Grund dafür sind seine Bekenntnisse zu seinem persönlichen Umgang mit dem Medikationsverbot bei Turnieren. Er hatte eingeräumt, dass er lange der Haltung gefolgt sei: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.

          Romeike begrüßt die Entschlossenheit

          Der viermalige Olympiasieger wird von Franke Sloothaak ersetzt. Philipp Weishaupt wird für den an der Schulter verletzten Marco Kutscher reiten – diese beiden sind Angestellte im Stall Beerbaum. Neben Verletzungen und Sperren – Dopingsünder Christian Ahlmann wurde bereits für zwei Jahre von der Nationalmannschaft ausgeschlossen – könnten nun auch noch negative Ergebnisse vor der DOSB-Kommission Bundestrainer Otto Becker das Leben schwer machen. Seine Aufgabe ist es, für die Europameisterschaften Ende August ein schlagkräftiges Quartett aufzubieten.

          Unterschiedlich reagierten die Reiter der beiden anderen olympischen Disziplinen darauf, dass auch sie vor der Kommission erscheinen müssen. Während die Dresssurreiterinnen Heike Kemmer und Nadine Capellman sich nur ungern der Aktion beugen, begrüßt Hinrich Romeike, Doppel-Olympiasieger in der Vielseitigkeit, die Entschlossenheit des Verbandes. „Es wäre falsch, wenn die anderen Disziplinen auf die Springreiter zeigen würden“, sagte er. „Wir müssen da gemeinsam rauskommen, so konnte es nicht weitergehen.“

          Wenig Gegenliebe auf internationaler Ebene

          Die Hoffnung der Aktiven richtet sich auf eine Überarbeitung des Reglements. Während die ganze Branche harte Strafen für Doping- und Manipulationsfälle fordert, steht die „Null-Lösung“ in Bezug auf therapeutische Behandlung schon lange in der Kritik der Reiter. Ludger Beerbaum nennt diese Schieflage als den eigentlichen Grund, warum er sein Schweigen gebrochen und zugegeben hat, die Regeln bis an den Rand des Erträglichen ausgeschöpft zu haben. „Wenn wir einen Weg finden könnten, zu dem wir alle sagen können, so machen wir weiter, dann hätte sich das alles gelohnt.“ Eine Mitteilung der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) dürfte ihm Auftrieb geben. Die „FEI Clean Sport Commission“ unter Leitung von Arne Ljungqvist, des Vizepräsidenten der Welt-Anti-Doping-Agentur, schlägt Regeländerungen vor, die auf eine striktere Trennung zwischen Doping und verbotener Medikation hinauslaufen.

          Allerdings zeigt sich, dass die Deutsche Reiterliche Vereinigung mit ihrem Hang zum Umdenken auf internationaler Ebene wenig Gegenliebe findet. Dies musste Hanfried Haring schmerzlich erfahren, bis vor kurzem der Generalsekretär des deutschen Verbandes. Der erweiterte FEI-Vorstand beantragte beim Sportgericht die Suspendierung Harings als sein Mitglied, zusammen mit dem Springreiter Marco Kutscher und dem ehemaligen deutschen Mannschaftstierarzt Björn Nolting. Hintergrund sind die Berichte über eine verbotene Medikation bei Kutschers Pferd Cornet Obolensky während des olympischen Turniers in Hongkong. Haring habe von der Medikation gewusst und dieses Wissen nicht an die FEI weitergegeben. „Ich bin völlig überrascht“, sagte Haring, der nun keinen Zweifel mehr hat, auf welchem Platz der FEI-Beliebtheitsskala die deutschen Reiter liegen.

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