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Deutsche Leichtathletik : Die Jugend rechtfertigt das Vertrauen

  • -Aktualisiert am

1,98 Meter groß, 122 Kilo schwer, Kugelstoßer: David Storl Bild:

Bei der Team-EM in Stockholm überzeugen neben den etablierten Kräften auch junge Athleten wie David Storl, Georg Fleischhauer oder Jana Sussmann. Am Ende belegt Deutschland Platz zwei.

          3 Min.

          Frühmorgens im kleinen Stadtpark Humlegarden in Stockholm liegen einige junge Leute noch auf der Wiese, schlafen offenbar ihren Rausch vom Vorabend aus. Es geht auf Mittsommer zu, die Nächte sind hell und kurz, das Leben in Schweden leicht und beschwingt. Zwischendrin ist ein einsamer Jogger im Park unterwegs, der nicht gerade durch eine Läuferfigur auffällt. Eher wie ein tapsiger Bär wirkt David Storl bei seinen Runden durchs Grüne: 1,98 Meter groß, 122 Kilo schwer, Kugelstoßer.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          „Ich muss mich morgens ein bisschen bewegen“, sagt der 20-jährige Chemnitzer. „Laufen vor dem Wettkampf ist für mich wichtig – genau wie ein gutes Frühstück.“ Bei der Team-Europameisterschaft steht sein erster Einsatz in der deutschen Nationalmannschaft an, und er spricht voller Hochachtung von seinen Mitstreitern. „Es sind gute Leute hier: Betty Heidler, Robert Harting.“ Und mittendrin er, David Storl. Er hat Deutschlands Nummer eins im Kugelstoßen, Ralf Bartels, derzeit von der Spitzenposition verdrängt. Als Kampfansage sieht er das nicht, eher als Momentaufnahme: „Ralf hat im Moment ein paar Probleme. Aber der wird schon wieder kommen.“

          „Ich hab gedacht, ich bin auf einer U-25-Meisterschaft“

          Am Nachmittag sieht es dann so aus, als müsse sich nicht nur Ralf Bartels ganz gehörig anstrengen, um wieder seine angestammte Position zurückzuerobern. Denn Storl, der Newcomer mit dem Bubengesicht, hat mal soeben gewonnen. Mit 20,81 Metern stellt er im dritten Versuch einen neuen Meisterschafts-Rekord auf und holt zwölf Punkte für Deutschland. „Ich war schön locker“, erklärt er seinen Erfolg, „und habe die Nerven behalten.“ Dass er eine etablierte Größe wie Olympiasieger Tomasz Majewski (Polen) im letzten Versuch hinter sich gelassen hatte, nahm der angehende Polizeiobermeister stoisch zur Kenntnis: „Im Wettkampf sind alle gleich. Aber er hatte bestimmt nicht seinen besten Tag.“

          Hauchdünn am Sieg vorbei: Steffen Uliczka wird hinter dem Franzosen Dandrieux (r.) Zweiter im Hindernislauf
          Hauchdünn am Sieg vorbei: Steffen Uliczka wird hinter dem Franzosen Dandrieux (r.) Zweiter im Hindernislauf : Bild: REUTERS

          David Storl war nicht der einzige Athlet, der zwölf Punkte für Deutschland holte, aber der jüngste. Neben ihm gewannen Betty Heidler im Hammerwerfen (73,43 Meter), Christina Obergföll im Speerwerfen (66,22 Meter/Weltjahresbestleistung) und – bei strömendem Regen am Sonntag – Kugelstoßerin Nadine Kleinert (17,81), Robert Harting mit dem Diskus (65,63) sowie überraschend auch Hammerwerfer Markus Esser (79,28).

          Silke Spiegelburg (4,75 Meter) und Malte Mohr (5,72) wurden im Stabhochspringen jeweils Zweite, Raul Spank im Hochsprung Dritter (2,28). Spiegelburg und Spank litten unter der speziellen Vier-Fehlversuch-Regel bei dieser Meisterschaft, die besagt, dass ein Springer nach dem insgesamt vierten Fehlversuch ausscheidet. Auch auf der Laufbahn gab es Erfolge zu verzeichnen: Cathleen Tschirch wurde Dritte über 200 Meter (23,45 Sekunden). Steffen Uliczka über 3000 Meter Hindernis (8:31,01 Minuten) sowie Georg Fleischhauer (400 Meter Hürden in 49,56 Sekunden) und Thomas Schneider (400 Meter in 45,98) gewannen jeweils elf Punkte. Fleischhauer und Schneider eint nicht nur der zweite Platz, sondern auch das Alter: Sie sind erst 22 Jahre alt.

          Der Erfolg der Jugend unterstreicht einen Trend in der deutschen Leichtathletik. „Ich hab gedacht, ich bin auf einer U-25-Meisterschaft“, sagte Raul Spank, selbst auch erst 22, aber immerhin schon seit 2008 dabei. „Als ich zum ersten Mal dazukam, war das noch eine Rentnermannschaft, aber jetzt ist es super mit den jungen Leuten. Wir haben ein richtig motivierendes Miteinander.“

          „Keine Angst, das muss so sein, aber es geht weg“

          Das gegenseitige Vertrauen zahlte sich aus: Insgesamt zeigte die deutsche Mannschaft eine gute Vorstellung und wurde mit 331,5 Punkten Zweiter. Zwar klar hinter Russland (385), aber auch deutlich vor der Ukraine (304) und Großbritannien (289). Bei der Mannschaftsbesprechung wurden die Jungen vorgestellt und begrüßt, es gab Applaus, aber keine Taufe wie zu alten Zeiten. Dafür stellten sich die Älteren als Mentoren zur Verfügung: „Bist du aufgeregt“, fragte die 30 Jahre alte Langstreckenläuferin Sabrina Mockenhaupt die zehn Jahre jüngere Jana Sussmann, die über 3000 Meter Hindernis antreten sollte: „Keine Angst, das muss so sein, aber es geht weg.“

          Und es ging weg, denn Jana Sussmann erwischte einen Glanztag bei ihrem internationalen Debüt. Mit ihrem blonden Pferdeschwanz, ihrem strahlenden Lachen und ihrem offenen Wesen könnte die Hindernisläuferin eine Vorzeigeschwedin abgeben, doch die Zwanzigjährige von der LG Nordheide ist etwas weiter südlich zu Hause, die angehende Bankkauffrau kommt aus Winsen an der Luhe. Mit großen Augen war sie an den Start des 3000-Meter-Hindernis-Rennens gegangen und stellte fest: „Ich kenne niemanden.“ Sogar die Weltrekordhalterin sollte dabei sein, doch sie wusste nicht, wer das ist.

          „Bin ich denn auch im Fernsehen zu sehen gewesen?“

          „Mein Ziel war, mehr als einen Punkt zu holen. Und dann lief es einfach“, sagte sie freudestrahlend nach dem Rennen, bei dem sie in 9:43,28 Minuten persönliche Bestzeit lief und als Dritte zehn Punkte für Deutschland holte. Vorneweg war die russische Olympiasiegerin Gulnara Galkina (die Weltrekordhalterin) ein einsames Rennen (9:31,20) gelaufen, nur die Portugiesin Sara Moreira (9:35,11) konnte halbwegs mithalten. Doch im Pulk dahinter verhielt sich Jana Sussmann geschickt, im Sprint sicherte sie sich Rang drei. Dass sie die WM-Norm nur um 28 Hundertstel Sekunden verpasste, nahm sie nicht so schwer. Es kommen ja noch ein paar Rennen.

          Eine kleine Sorge drückte sie dennoch, schließlich hatte sie allen Freunden und ihrer großen Familie Bescheid gesagt, dass sie für Deutschland laufen werde. Zwillingsschwester, kleine Schwester, Eltern, zehn Cousins und sieben Cousinen wollten das Rennen gucken, deshalb die bange Frage: „Bin ich denn auch im Fernsehen zu sehen gewesen?“

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