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Deutsche Lehren aus Schwimm-WM : Von England schwimmen lernen

  • -Aktualisiert am

Phänomen Peaty: Ein Stil, den die Welt noch nicht gesehen hat. Bild: AP

Der britische Brustschwimmer Adam Peaty hat einen Stil kreiert, den man vorher so nicht sah. Insgesamt war der Weg des Teams an die Weltspitze lang und beispielhaft.

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          Es braucht „nur einen Klick“ im Kopf, einen Anstoß, dann stimmt die Anspannung, dann ist Adam Peaty bereit für die Jagd. Die Jagd, bei der er der Gejagte ist, seit der Junge mit den muskelbepackten Oberarmen 2014 auftauchte. Peaty selbst jagt seither einzig persönliche Schallmauern. Bei den an diesem Sonntag in Budapest endenden Schwimm-Weltmeisterschaften verbesserte er in Vor- und Endlauf seinen Weltrekord über 50 Meter Brust um eine halbe Sekunde, verteidigte zudem den Titel über die doppelte Distanz.

          Adam Peaty ist eines dieser Sportler-Phänomene, die so vorher noch nicht gesehen worden waren. Ein Schwimmer, der vieles anders zu machen scheint, der, wie London-Olympiasieger Cameron van der Burgh sagt, einen komplett neuen Stil kreiert habe. Der Brite ist vermutlich stärker als jeder seiner Konkurrenten, liegt dadurch so hoch auf dem Wasser, als würde er einen der verbotenen Hightech-Anzüge tragen. Darüber hinaus holt er sich seinen Vortrieb fast ausschließlich aus seinen beeindruckenden Armen.

          Den Anstoß, den wiederum das britische Schwimmen brauchte, um sich bei dieser WM auf Platz zwei hinter den Vereinigten Staaten zu schwingen, lieferte indes nicht Peaty. Der war nicht mal zwei Jahre alt, als Paul Palmer, Silbermedaillengewinner von 1996, aus Atlanta heimkehrte und sinngemäß sagte: Diese Medaille schreibt sich Großbritannien zwar auf die Fahne, aber die haben mein Coach und ich geholt, die Regierung hat mir dabei kein bisschen geholfen. Palmer trainierte in Lincoln in einem 25-Meter-Pool. Förderung? Fehlanzeige. Also forderte er, damals erst 21 Jahre alt: „Wir brauchen mehr Unterstützung.“ Auch wegen der Wellen, die Palmers Aussagen damals schlugen, gibt es in Großbritannien seither die National Lottery, einzig zur Sportförderung ins Leben gerufen.

          Die Erfolge 2016/17 gründen aus Ideen nach den Spielen von 2000

          Nachdem die britischen Schwimmer 2000 dann mit leeren Händen aus Sydney zurückgekehrt waren, wurde der australische Erfolgscoach Bill Sweetenham geholt, um den Schwimmsport professioneller aufzustellen. Er gründete nationale Trainingszentren, benannte einen über 100 Talente starken Nachwuchs-Kader, dem mit Blick auf die Heimspiele 2012 spezielle Betreuung zuteilwurde. Darunter: Fran Halsall, zehnmalige Europameisterin seit 2006, sowie die zweifache Rio-Silbermedaillengewinnerin Jazz Carlin. Sweetenham sagte zudem Allüren und Grabenkämpfen den Kampf an.

          „Jeden Tag ein bisschen verbessert“

          Das Schwimm-England von damals scheint viele Parallelen zu haben zum Schwimm-Deutschland der vergangenen Jahre. Bundestrainer Henning Lambertz verweist ebenfalls immer wieder auf die Schwimmer von der Insel und deren Strukturreform, um seine langfristigen Pläne sowie seine jüngsten Reformpunkte zu untermauern. In Sachen Maximalkrafttraining, das Lambertz seit der Nullnummer von Rio vorschreibt, sind Adam Peaty und dessen augenscheinliche Kraftvorteile ein Lieblingsbeispiel. Tatsächlich hat Peaty, der mit seinem Durchbruch noch für Insel-Lösungen abseits der nationalen Trainingszentren stand, sich nach Rio zudem selbst zentralisiert. Mit Erfolg. „Seit ich gewechselt bin, ist es einfach unglaublich. Jeden Tag habe ich mich ein bisschen verbessert“, schwärmt Peaty – und spricht damit auch Lambertz aus der Reformer-Seele.

          Doch für die erhofften glänzenden Früchte der Reform mussten die Verantwortlichen im Britischen Schwimm-Verband mehr Geduld aufbringen, als ihnen lieb war, sorgten die mitunter zähen Strukturveränderungen doch erst nach den nur mäßig erfolgreichen Heimspielen für die gewünschten Erfolge. Seither können die Briten auf eine ganze Generation starker Schwimmer blicken. Vier Jahre nach London erschwamm das britische Team mit einer Goldmedaille von Peaty und fünfmal Silber das bisher beste Olympia-Ergebnis. Zwölf Monate später spiegelt sich diese Breite vor allem in den Staffeln wider. So konnte das Team etwa nach einem historischen Gold-Gewinn 2015 den Titel mit der langen Kraulstaffel verteidigen.

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          Die jüngsten Erfolge der Lagenstaffel zeigen zudem die Qualitäten des Kaders über alle Lagen hinweg: Das Quartett – mit Peaty – schwamm bei den Spielen zu Silber hinter den ewigen Gewinnern aus den Vereinigten Staaten. 2000 bis 2016 – 16 Jahre und somit vier Olympiaden hat es also gedauert, um die Briten, die sich 2014 bei der EM in Berlin bereits zu Europas Top-Nation kürten, an die Weltspitze zu führen. Auch Lambertz räumte bereits vor Rio ein, dass es damit bei der ehemaligen Schwimmnation Deutschland ebenfalls länger dauern könnte als die erhofften zwei Olympia-Zyklen. „Aber hätte ich damals gesagt: Ich werde Cheftrainer, aber Erfolge sieht man erst 2024 – das kann man in Deutschland doch niemandem verkaufen.“

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