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Gefährlicher Trend im Herrenhockey : Alles auf den Prüfstand

  • -Aktualisiert am

Ausgespielt: deutsche Hockey-Herren Bild: dpa

Die deutschen Herren haben seit 2016 kein K.-o.-Spiel mehr gewonnen – das hat nicht nur mit Pech zu tun. Es ist die Quittung dafür, dass die Strukturen nicht mehr zeitgemäß sind.

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          Die Bastion wackelt gewaltig. Die deutschen Hockeyherren waren verlässliche Medaillenlieferanten bei Olympischen Spielen – Bronze 2004, Gold 2008, Gold 2012, Bronze 2016. Doch nun, ein Jahr vor dem Beginn der Spiele von Tokio, muss nach dem vierten Platz bei der Europameisterschaft nach Willen von Sportdirektor Heino Knuf alles auf den Prüfstand. Denn der Trend zeigt in eine gefährliche Richtung für eine Sportart, die nahezu vollständig von Fördergeldern abhängt.

          Platz vier bei der Europameisterschaft 2017 nach einer Niederlage im Halbfinale nach Penaltyschießen gegen Belgien, das Aus im WM-Viertelfinale 2018 gegen den späteren Weltmeister Belgien durch eine 1:2-Niederlage und nun wieder Platz vier bei der Europameisterschaft – und aller schlechten Dinge waren drei: Wieder war Weltmeister Belgien im Halbfinale zu stark und setzte sich nach einem 0:2-Pausenrückstand in den letzten sechs Spielminuten noch 4:2 durch.

          Was macht Belgien so viel besser? Innerhalb von knapp zwanzig Jahren ist aus dem einstigen Sparringspartner die Benchmark für alle geworden. Mit viel ausländischem Knowhow haben sich die Belgier erst das Beste aus allen Hockeysystemen zusammengesucht, dann mit sehr professionellen Strukturen unterlegt und alles mit der absoluten Priorität für die Nationalmannschaft versehen – und ernten gerade den Lohn für diese intensiven Veränderungen: Olympia-Silber 2016, Weltmeister 2018, Europameister 2019 – und schon jetzt der Favorit für Tokio.

          Deutschland muss sich – wie alle anderen europäischen Nationen – im November erst noch qualifizieren. Auch wenn der Weg über zwei Entscheidungsspiele gegen einen in der Weltrangliste deutlich schwächer eingestuften Gegner trotz der ungeheuren Nervenbelastung machbar sein sollte, sähe die Geschichte für Tokio dann ungewohnt anders aus. Deutschland würde nicht als Medaillenkandidat nach Japan reisen. Es wäre zwar verlockend zu sagen, die absolute Weltspitze ist nicht weit entfernt, wie die knappen Niederlagen scheinbar zeigen. Aber die deutschen Herren haben seit 2016 kein K.-o.-Spiel mehr gewonnen, und das hat nicht nur mit Pech zu tun.

          Auch Bundestrainer Stefan Kermas, der nach den Olympischen Spielen Interims-Bundestrainer Valentin Altenburg ablöste, steht nun auf dem Prüfstand des Verbandes. Ist die Misere personen- oder systembedingt? Das ist die Frage, die der Verband klären muss. Kermas hat vor drei Jahren die schwere Aufgabe angetreten, den Neuaufbau einer Nationalmannschaft voran zu treiben, deren Spieler teils aufgerieben werden in einem immer dichter gestrickten internationalen und nationalen Spielkalender und die nebenbei ihre Berufsausbildung noch unterbringen müssen. Und er war dabei bislang nicht vom Glück verfolgt.

          Größere Umfänge sollen nun gefahren werden im Olympiajahr, doch was Knuf da ankündigte, ist traditionell schon immer so gewesen, auch bei den anderen Nationen. Die deutschen Probleme sind deshalb so einfach nicht zu beheben: Zu wenig Effizienz im gegnerischen Kreis, zu viele vermeidbare Fehler in der Abwehrarbeit, keinen Strafeckenschützen und keinen Torhüter mit Weltklasseniveau. Es ist die Quittung dafür, dass eine Entwicklung verpasst worden ist und die Strukturen nicht mehr zeitgemäß sind. Und das betrifft den Verband ebenso wie die Bundesliga.

          Peter Penders
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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