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Deutschland verpasst Olympia : „Das ist eine sportliche Tragödie“

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Mit Tränen in den Augen: Julia Behnke (links) und Ina Großmann nach dem letzten WM-Spiel Bild: AFP

Der große Einbruch zum Schluss: Die deutschen Handballfrauen bekommen bei der WM eine Abreibung von Schweden – damit platzt auch der Traum von Olympia.

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          Sie hatten gegen die Niederlande gewonnen, gegen Dänemark sowie Brasilien und waren Frankreich sowie Norwegen ebenbürtige Gegnerinnen. Sie hatten zweimal die Möglichkeit, das Halbfinale der Handball-Weltmeisterschaft in Japan zu erreichen – gegen Serbien waren sie nur eine Winzigkeit davon entfernt. Diese Fakten zusammengenommen, klingt es nach einem überzeugenden Turnier der deutschen Frauen-Nationalmannschaft im Handball.

          Aber da war ein Spiel, das alles kaputtmachte. Und das war das letzte – dasjenige, das in Erinnerung bleiben wird. 24:35. Was für eine Abreibung gegen Schweden! Am Freitagmorgen deutscher Zeit ging von der 8:4-Führung an nichts mehr. 13:18 stand es zur Pause, beim 16:26 in der 46. Minute war die Blamage perfekt. Deutschland hatte eben noch die Hand an der Medaille, beendet die WM nach drei Niederlagen am Stück aber nur als Achter und – viel schlimmer – verpasst das Ziel, eines der Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele in Tokio im nächsten Jahr zu erreichen. Das hatte man in jedem Fall bewerkstelligen wollen. Betrübt sagte Axel Kromer, der Sportvorstand des Deutschen Handballbundes (DHB), nach dem Desaster vom Freitag: „Das ist eine sportliche Tragödie für die Mädchen und den ganzen Stab, die wochenlang Tag und Nacht für das große Ziel gearbeitet haben und natürlich auch für den DHB.“

          Ein Grund der jüngsten Zuversicht seitens des Verbandes heißt Henk Groener. Der Bundestrainer soll die deutschen Frauen auf ähnliche Art in die Weltspitze führen, wie er es mit den Niederlanden gemacht hat. Eines seiner Ziele mit den relativ unerfahrenen Deutschen ist, die untere Leistungsgrenze nach oben zu schieben, wie er es formulierte, also: in jeder Begegnung eine Qualität auszuspielen, die internationalen Ansprüchen genügt.

          Ratlosigkeit: Die Spielerinnen Luisa Schulze (links), Alicia Stolle (Mitte) und Trainer Henk Groener können es nicht fassen.

          Das gelingt allerdings nur, wenn das Team den Strapazen von neun Spielen in vierzehn Tagen standhält. Aus Groeners Sicht war es eine Konditionsfrage, dass die Deutschen den Schweden deutlich unterlegen waren: „Wir hatten nur Energie für 15, 20 Minuten, danach war sie weg. Wir haben keine Tore mehr geworfen, wir waren in der Abwehr nicht aggressiv genug.“ Seine bittere Erkenntnis: „Die Luft war raus.“ Für die Grundlagenausdauer sorgen die Vereine und die Spielerinnen selbst. Groener hat mehr als einmal an die Verantwortung seiner Frauen appelliert und mehr Konsequenz, mehr Härte gegen sich selbst gefordert.

          In einem vollprofessionellen Wettbewerb kommen viele seiner Spielerinnen aus halbprofessionellen Strukturen. Allerdings will Groener die Bundesliga nicht kritisieren, sondern die Klubs mitnehmen. Der 59 Jahre alte Niederländer stiehlt sich dabei nicht aus der Verantwortung. Wie bei der Europameisterschaft vor einem Jahr verlor sein Team am Ende den Fokus. Groener ist es nicht gelungen, das offensichtliche Kopf-Problem seiner Handballerinnen zu lösen: Wenn es hart auf hart kommt, halten sie dem Druck des Gewinnen-Müssens nicht stand. Das ist ein Prozess, und deswegen ist es richtig, mit Groener weiterzumachen. Einen ersten Kratzer hat er als Bundestrainer jetzt jedoch abbekommen.

          Da braucht es keine Worte mehr: Die deutschen Handballerinnen verlassen die WM bitter enttäuscht.

          Es mangelte nicht an Selbstkritik. „Das war peinlich. Ich habe selten ein schlechteres Spiel von uns gesehen“, sagte Torhüterin Dinah Eckerle. „Keine Ahnung, was da passiert ist“, sagte Kreisläuferin Julia Behnke. Dass aus der zweiten Reihe nicht viel kommt, hatte man im Turnierverlauf gesehen. Ina Großmann, Maren Weigel, Alina Grijseels, Torhüterin Isabell Roch: Sie konnten die Stammkräfte nicht entlasten. Allerdings erlebten auch die Leistungsträgerinnen einen schwarzen Tag. Emily Bölk wurde von den Schwedinnen hart attackiert und konnte sich nicht mehr wehren. Alicia Stolle war am Fuß verletzt, hatte immerhin eine gute Anfangsphase mit fünf Toren. Julia Behnke war müde nach vielen Spielminuten, genauso Kim Naidzinavicius. Ohne Energie zerbrach die Abwehr, das Prunkstück der ersten Woche.

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          Vor dem Spiel hatte der Handball-Weltverband verkündet, dass das dominante Europa zwei weitere Plätze in den Olympia-Qualifikationsturnieren erhalten würde. Somit konnte Schweden wegen einer guten Plazierung bei der vergangenen EM jubeln, ehe das Spiel begann. Das sorgte für Leichtigkeit. Groeners Mannschaft hingegen war die Last jederzeit anzumerken – sie lähmte die ohnehin müden Beine. Groener wird mit diesem Kader weitermachen. Die verletzte Xenia Smits kommt hinzu. Bei der EM Ende nächsten Jahres ist Deutschland ziemlich sicher dabei. Die Chance, im Sommer 2020 für den deutschen Frauenhandball zu werben, haben Trainer und Team aber verpasst.

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