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Deutsche in der NHL : Aufsteiger mit Ambitionen

  • -Aktualisiert am

Vergeben: Tom Kühnhackl Bild: USA Today Sports

Fünf deutsche Eishockeyprofis rechnen sich Chancen auf den Stanley Cup aus. Neben einem Torwart ist auch einer mit prominentem Namen unter den Titelanwärtern.

          3 Min.

          Dennis Seidenberg verbringt gegenwärtig viel Zeit vor dem Fernseher. Viel mehr, als ihm lieb ist. Jeden Abend schaut der Verteidiger der Boston Bruins die Play-off-Spiele der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL. Dabei stünde er viel lieber selbst auf dem Eis. Doch sein Klub hat die K.-o.-Runde denkbar knapp verpasst. Nach 82 Partien fehlte Boston ein Punkt. Wieder nur ein Punkt. Wie schon im Vorjahr. „Ich ärgere mich schon sehr und denke, dass wir da jetzt eigentlich hätten spielen sollen“, sagte der 34-Jährige.

          Aber auch ohne den robusten Abwehrmann aus dem Schwarzwald stehen in diesem Jahr fünf Deutsche in den NHL-Play-offs – so viele wie nie zuvor. Sie heißen Thomas Greiss, Tom Kühnhackl, Philipp Grubauer, Korbinian Holzer und Christian Ehrhoff. Ihre Rollen reichen vom unverzichtbaren Stammtorhüter über den wichtigen Unterzahlspieler bis hin zum Ersatzmann. Und es bestehen durchaus Chancen, dass einer von ihnen nach Uwe Krupp 1996 und Seidenberg 2011 als dritter Deutscher den Stanley Cup gewinnt.

          Die größte Überraschung ist Kühnhackl. Der Sohn von Deutschlands Eishockey-Denkmal Erich Kühnhackl wurde erst am 7. Januar aus dem Farmteam der Pittsburgh Penguins in den NHL-Kader berufen, hat seitdem kein Spiel verpasst und seinen Platz in der dritten Sturmreihe gefunden. Kühnhackl hat sich vor allem als Spezialist für das Unterzahlspiel etabliert. Sich beim sogenannten Penalty Killing mitunter in die Schussbahn des Gegners zu werfen ist eine durchaus undankbare Aufgabe. Doch ihm mache es nichts aus, diesen Job zu erledigen, betont der 24-Jährige. „Irgendjemand hat ja mal gesagt: ,Solch ein Puck ist letztlich nur Gummi.‘“ Kühnhackl hat nicht nur Humor, sondern auch bewiesen, dass er bei numerischer Unterlegenheit mehr kann, als Schüsse zu blocken. Sein erstes NHL-Tor gelang ihm am 20. Februar gegen Tampa Bay in Unterzahl, sein Premierentreffer in den Play-offs beim 5:2-Sieg in Spiel eins gegen die New York Rangers ebenso. Unter allen aktuellen NHL-Profis kann dies nur noch Fjodor Tjutin von den Columbus Blue Jackets vorweisen.

          Sicherer Rückhalt: Thomas Greiss

          Nicht weniger überraschend als Kühnhackls Karrieresprung ist der von Torhüter Thomas Greiss. Der Füssener gab am 13. Januar 2008 sein NHL-Debüt bei den San Jose Sharks. Es folgten 99 weitere Einsätze und mit den Arizona Coyotes sowie Pittsburgh zwei neue Klubs. Doch nie kam Greiss über den Posten des Ersatzmanns hinaus. Als er im Sommer für zwei Jahre bei den New York Islanders unterschrieb, habe er „keine großen Erwartungen gehabt“, betonte Greiss. Jaroslav Halak war als Nummer eins gesetzt, Greiss blieb wieder nur die Rolle des Stellvertreters. Vorerst.

          Als sich Halak jedoch verletzte, war der Bayer bereit. Endlich konnte Greiss über einen längeren Zeitraum zeigen, dass er mehr als nur Ersatz ist. „Er arbeitet extrem hart, will gewinnen. Und wenn du so hart auf dem Eis und außerhalb arbeitest, solltest du belohnt werden“, sagte Trainer Jack Capuano. Die Frage nach seiner Nummer eins stellt sich für ihn nicht mehr. Halak fällt seit Anfang März abermals verletzt aus, Greiss hält überragend. Im ersten Play-off-Spiel seiner Karriere von Beginn an rettete er 30 Sekunden vor Schluss nach einem Schuss von Jaromir Jagr mit seinem rechten Schoner den 5:4-Sieg gegen die Florida Panthers. Fans und Fachpresse sind sich einig: dass es in der Serie 2:2 steht, haben die Islanders vor allem ihrem deutschen Torwart zu verdanken.

          Hoffnungsträger: Tom Kühnhackl

          Noch keinerlei Einfluss hatten Ehrhoff, Holzer und Grubauer. Sie alle schauten bislang zu. Bei Grubauer kommt das nicht überraschend. Der 24 Jahre alte Torhüter spielt bei den Washington Capitals seine erste komplette NHL-Saison und hat in Braden Holtby den besten Schlussmann der Liga vor sich. Washington ist das Top-Team der Vorrunde. Das große Ziel sei der Gewinn des Stanley Cups, sagte Grubauer. Meisterschafts-Ambitionen hatte auch Ehrhoff. Er steht bei Meister Chicago Blackhawks unter Vertrag, kommt derzeit jedoch nur im Training zum Einsatz. Der Verteidiger ist mit 73 Spielen nach Krupp der Deutsche mit der größten Play-off-Erfahrung. Die Blackhawks liegen vor Spiel fünf der Serie in der Nacht zum Freitag bei den St. Louis Blues 1:3 hinten und wären bei einer weiteren Niederlage ausgeschieden. Und Ehrhoff ist unter den Verteidigern nach eigener Einschätzung „die Nummer acht oder neun“ – nur sechs können spielen.

          Ähnlich ist die Situation bei Holzer. Die Anaheim Ducks werden zwar zu den Mitfavoriten gezählt. Doch der Münchner Verteidiger, der bei elf der vergangenen 16 Partien der Hauptrunde auf dem Eis stand, sitzt nur auf der Tribüne. Holzer gilt als Nummer sieben unter den Defensivleuten, ist somit erster Ersatzmann. Allerdings ist es bis zum Stanley-Cup-Finale Anfang Juni ein beschwerlicher Weg. Oft werden Meisterschaften vor allem durch die Tiefe eines Kaders entschieden.

          Er freue sich für jeden Deutschen, der in den Play-offs spiele oder gar eine Gelegenheit auf den Gewinn des Stanley Cups habe, sagte Ehrhoff. Die Chancen sind in diesem Jahr bei fünf Deutschen in den 16 Play-off-Teams so groß wie nie.

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