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Deutsche Dressurreiter : Ein bombastisches Trio

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Isabell Werth (Mitte) feiert mit Dorothee Schneider (links) und Jessica von Bredow-Werndel. Bild: dpa

Die deutschen Dressurreiter sind in Höchstform: Platz eins bis drei in der EM-Kür. Werden sie ihre Form bis zu den Olympischen Spielen in Tokio halten können?

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          Es gibt Bilder, die sind so schön, dass man den Lebensfilm am liebsten für eine Weile zum Stehen bringen würde. Für Isabell Werth trat so ein Moment ein, als sie Samstag zum 20. Mal Europameisterin im Dressurreiten geworden war. Für Dorothee Schneider auch, als sie innerhalb von drei Tagen ihre zweite internationale Einzelmedaille und dann gleich zweimal Silber gewonnen hatte – nach Mannschafts-Gold zu Beginn des Turniers. Und auch für Jessica von Bredow-Werndl, die sich in der Kür von der Last der vergangenen Tage befreit hatte: Zu Beginn schenkte ihre Stute Dalera ihr während der Prüfung ein Häuflein Mist, und alles war verdorben. Zum Schluss gab es eine Bronzemedaille.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Als die drei Reiterinnen also zusammen auf dem Podest standen, galt es, den Moment zu genießen – und den Champagner, den die Siegerin aus einer Magnum-Flasche sprudeln ließ. Auch die deutschen Funktionäre, die nichts vom Schaumwein abkriegten, konnten sich am Standbild von Rotterdam kaum sattsehen. Die Anzeigetafel war der Traum eines jeden Leistungsplaners. Hinter Platz eins bis drei prangte eine kleine schwarz-rot-goldene Flagge. Das gab es bei Europameisterschaften noch nie. Und so etwas im Jahr vor den Olympischen Spielen in Tokio. So könnte es weitergehen für sie. Aber wird es so weitergehen?

          Die erste von zwei spannenden Fragen lautet nun: Wie lange wird es noch dauern, bis Dorothee Schneider mit Showtime Seriensiegerin Isabell Werth mit Bella Rose überholt? „Vielleicht schon beim nächsten Turnier“, sagt Bundestrainerin Monica Theodorescu, wobei es lange dauern kann, bis die beiden wieder aufeinandertreffen. Viele erwarteten das spektakuläre Manöver schon in Rotterdam, denn bereits in der ersten Einzel-Entscheidung, dem Grand Prix Special am Donnerstag, hatte Schneider der Chefin mit einer exzellenten Vorgabe alles abgefordert. Und am Samstag in der Kür hätte es dann fast gereicht. Mit ihren 90,561 Prozentpunkten lag sie nur um einen Hauch hinter der Werth-Note 90,875. In welcher Preisklasse sich die beiden bewegen, illustriert die Tatsache, dass es nur sechs Reiter gibt, die jemals die 90-Prozent-Marke überschreiten konnten.

          Bella Rose schien das Pulver auszugehen

          Dass Isabell Werth den Angriff wieder abschmettern konnte, lag am Energielevel ihrer Schlusslinie. Die Piaffe-Pirouette, die sie mit Bella Rose dort zelebrierte, wurde durchgängig mit der Höchstnote 10 bewertet. Dorothee Schneider, deren Pferd Showtime in wesentlichen Elementen wie dem starken Trab und dem Schritt höher punkten kann als Bella Rose, schien dagegen in der Schlussphase ein wenig das Pulver auszugehen. In der Piaffe, von ihr als Fächer präsentiert, gab es sogar eine Stockung. Das war’s. Aber nur für heute. Hinterher umarmten sich beide herzlich, eine bedankte sich bei der anderen für die Herausforderung, die solch erfahrene Reiterinnen brauchen, um zu ihrer Höchstleitung zu finden. „Wir pushen uns gegenseitig, aber auf sympathische Weise“, sagte Dorothee Schneider, die noch nie eine offene Kampfansage an Isabell Werth gerichtet hat. Sie geht behutsam, aber unbeirrbar voran. Aber angesichts der Ereignisse des Tages ließ sie sich dann doch zu einer Aussage hinreißen. Normalerweise sagt sie immer, Noten seien ihr nicht wichtig, sie genieße im Viereck die Einheit mit ihrem Pferd und denke nicht an Platz eins. Diesmal aber erklärte sie: „Ich arbeite daran.“

          Ein halbes Stündchen später stürmte Isabell Werth in die Pressekonferenz, in der Hand die immer noch halbvolle Champagnerflasche, setzte sich und schenkte sich und Dorothee Schneider ein Gläschen ein. Die Dressur-Ladys, beide dieses Jahr fünfzig geworden, prosteten einander zu: Wir sind besser denn je. Die 33 Jahre alte Jessica von Bredow-Werndl nippte daneben an ihrem stillen Wasser – sie hatte den Champagner abgelehnt. „Das ist der Unterschied“, scherzte Isabell Werth. Was nicht heißt, dass die blonde Bayerin aus Aubenhausen ihr nicht auch noch gefährlich werden könnte. Mit der zwölfjährigen Dalera zeigte sie eine makellose Kür, und 89,107 Prozentpunkte liegen auch nicht weit von der 90-Prozent-Marke entfernt. Aber natürlich will die große Meisterin nicht einfach zusehen, wie die Konkurrenz ihr näher rückt: „Für mich und Bella gab es heute ein paar Dinge, die wir noch verbessern können“, sagte sie. Bereits für Rotterdam hatte sie den Schwierigkeitsgrad ihrer Kür weiter erhöht.

          Zweite spannende Frage: Wird die deutsche Dominanz bis Tokio 2020 zu halten sein? Vorausgesetzt, Showtime und Bella Rose, die beide schwere Verletzungen überwinden mussten, bleiben fit, werden sie schwer zu schlagen sein. Und Dalera könnte sich weiter steigern. Ein bombastisches Trio – und anders als früher bestehen Olympia-Teams 2020 nur aus drei Paaren.

          Ein paar wichtige Informationen lieferte diese EM allerdings nicht. Zum Beispiel, wo die Britin Charlotte Dujardin mit ihrer Stute Freestyle steht. Im vergangenen Jahr bei der WM in Tryon waren diese beiden überraschend Dritte im Grand Prix Special. In Rotterdam eliminierte sie der Weltverband in der ersten Prüfung, weil Blut an der Flanke des Pferdes und an ihrem Sporn gefunden worden war. Es ist zudem zu erwarten, dass die dänischen Reiter in Tokio stärker sein werden als in Rotterdam. Und die Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten, eine traditionell starke Dressur-Nation, darf nicht geringgeschätzt werden.

          Aber auch Deutschland hat noch Verstärkung in petto: Sönke Rothenberger und sein Wallach Cosmo hatten bereits vor zwei Jahren in der Kür der EM von Göteborg die 90-Prozent-Marke übertroffen. Diesmal allerdings qualifizierten sie sich nach einem fehlerhaften Special nicht für die Kür. Hinter Cosmos Gesundheitszustand steht ein Fragezeichen. Einmal im Monat wird Monica Theodorescu künftig den Wallach persönlich inspizieren. „Das hat er unterschrieben“, sagte sie an einem Tag, an dem aber auch gar nichts ihre Laune trüben konnte.

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