https://www.faz.net/-gtl-7q7mk

Fecht-EM : Wütend und blind

  • -Aktualisiert am

„Passt doch alles“: Imke Duplitzer Bild: picture alliance / dpa

Die einst gefürchteten deutschen Degenfechterinnen sind bei der EM außer Form – oder schon im Streit abgereist. Pfingsten als Fest der Verständigung funktioniert nicht. Nun beginnt der „Kampf ums Überleben“.

          Hätte Imke Duplitzer auf der Planche eine ähnliche Dynamik entwickelt wie beim Abreisen, hätte sie es noch einmal allen zeigen können bei diesen Fecht-Europameisterschaften: dem Bundestrainer Piotr Sozanski vor allem, der die erfahrene Kämpferin aus dem Kader für die Teamentscheidung am Donnerstag genommen hatte. Aber auch den anderen deutschen Degenfechterinnen, denen sie in kaum verhohlener Antipathie verbunden zu sein scheint.

          Kaum fünf Minuten, nachdem Duplitzer in der ersten Hauptrunde mit 6:15 gegen die Italienerin Rossella Fiamingo verloren hatte, knallte sie mit hochrotem Kopf ihre Fechttasche auf den Heckgepäckträger des blauen Mazda MX 5, zurrte an den Gurten, als wolle sie die Degenhülle stellvertretend für wen auch immer erwürgen, und rauschte davon. Mit offenem Dach, was bei gut 30 Grad Außentemperatur sicher nicht zum Abkühlen geeignet war. Gut, dass sie wenigstens auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte.

          „Der Countdown läuft“

          „Passt doch alles!“, hatte die fast 40-Jährige zuvor im Stil eines Teenagers noch Trainern und Funktionären entgegengeblafft. Die blieben schweigend zurück, dem Motto „Bitte nicht ansprechen“ folgend und dachten sich ihren Teil. Pfingsten als Fest der Verständigung hatte in Straßburg nicht funktioniert.

          Dabei ist die Aufgabe auch so schwer genug. Die erfolgverwöhnten deutschen Degendamen, die auch dank Duplitzers Können in den vergangenen zehn Jahren zehn Teammedaillen bei WM, EM oder Olympia gewannen, sind in der Weltrangliste auf Rang 13 abgerutscht. Nur acht Teams dürfen aber bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio starten. „Der Countdown läuft“, sagt Sozanski, der nicht zu Pathos neigt, aber weiß, dass es langsam eng wird für seine in die Defensive geratenen Degendamen. „Die Mannschaft war zu lange zu gut, wir haben es versäumt, junge Kräfte aufzubauen“, sagt er selbstkritisch.

          „Alle müssen gut sein“: Monika Sozanska

          Zwar beginnt die Punktwertung für den Olympiazyklus erst im April kommenden Jahres, aber schon bei der EM und der anschließendem WM im Juli im russischen Kasan müssen die Deutschen punkten, wollen sie eine halbwegs erfolgversprechende Ausgangslage erreichen. Deshalb soll das Team für Rio nun endlich zusammenwachsen. Olympiasiegerin Britta Heidemann (31) ist für den Bundestrainer „mit ihrer Erfahrung“ eine sichere Bank, „wenn sie richtig fit ist“.

          Auch seine Tochter Monika Sozanska, 31, die er seit 17 Jahren trainiert – aber weder liebevoll bevorzugt noch überstreng benachteiligt – gilt als gesetzt. Dritte Kraft wird nun die junge Ricarda Multerer (24) und als Ergänzung soll die aufstrebende Alexandra Ndolo (27) jederzeit einspringen können.

          „Es ist ja nichts Neues“

          „Es war eine rein sportliche Entscheidung“, sagt der Bundestrainer über seine Gründe, Imke Duplitzer (38) vorerst nicht mehr zu nominieren. Vorangeschrittenes Alter und rüder Umgangston der früheren Europameisterin hätten keine Rolle gespielt. Sportdirektor Sven Ressel ließ aber durchblicken, dass es „nicht einfach war, ihr das zu vermitteln“. Dass sie nun abrauschte, während die anderen zum Teil noch nicht mal mit ihren K.-o.-Duellen begonnen hatten, nahm Britta Heidemann lapidar zur Kenntnis: „Es ist ja nichts Neues, dass sie so reagiert.“

          Heidemann selbst plagte sich in Straßburg mit einer Achillessehnenentzündung herum, weshalb sie nicht richtig trainieren konnte, was ihrem athletischen Stil nicht gut bekam. Zudem kämpfte sie mit Jetlag. Die Vielbeschäftigte war nach dem Weltcup in Havanna nach China weitergereist, wo sie eine deutsche Reisegruppe als Expertin anführte und erst kurz vor der EM wieder in Europa gelandet. In welcher Zeitzone sie sich gerade befand, als sie in der zweiten Hauptrunde gegen die Französin Jacques Coquin 1:7 ins Hintertreffen geriet, war nicht auszumachen. Sie sei blind in den Degen gerannt, erkannte die frühere Welt- und Europameisterin nach dem mit 11:15 verlorenen Gefecht selbstkritisch.

          Monika Sozanska hatte insgeheim gehofft, in Medaillennähe vorstoßen zu können, der leichtgewichtige Tänzertyp gewann am Morgen in der Poolrunde alle sechs Gefechte. Doch im Achtelfinale verschleppte die Rumänin Simona Gherman erfolgreich das Tempo und brachte Sozanska aus dem Takt. Mit 6:10 endete die letzte deutsche Hoffnung frühzeitig, sie belegte am Ende Platz zehn, Heidemann nur Rang 32, noch hinter Multerer (29.).

          Keine gute Ausgangslage für die Teamentscheidung, bei der jeweils neun Gefechte aufeinander aufbauend bis 45 Punkte durchgefochten werden müssen. „Alle müssen gut sein“, sagt Monika Sozanska, „jede muss ihre Aufgabe erfüllen“, sonst reiche es nicht mal für das Überstehen der ersten Runde: „Es beginnt der Kampf ums Überleben.“

          Weitere Themen

          Der HSV marschiert weiter

          Zweite Liga : Der HSV marschiert weiter

          Auch im Karlsruher Wildpark wird der Tabellenführer nicht erlegt: Der HSV festigt mit dem Sieg beim KSC seine gute Position im Kampf um den Aufstieg in die Bundesliga. Der „Club“ schafft einen Arbeitssieg.

          Topmeldungen

          Am Rande des G-7-Gipfels : Wie es Macron gelang, Trump gnädig zu stimmen

          Der französische Präsident präsentiert sich in Biarritz als Überraschungskünstler: Er hat den erwartet sperrigsten Gipfelteilnehmer vorläufig gezähmt – und scheut dabei nicht vor einem Trick zurück.

          Amazonas-Brände : Warum sind wir so passiv?

          Der Regenwald brennt. Das Foto des erblindeten Ameisenbären in Abwehrstellung ging um die Welt und ist zum Sinnbild geworden. Ein verzweifelter Aufruf von Brasiliens bekanntestem Naturfotografen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.