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Curling-WM und Corona : Liebesgrüße für Calgary

Angetreten in Notversion: Daniela (l.) und Analena Jentsch Bild: AP

Zwei deutsche Spielerinnen erleben die Curling-WM wegen Corona nur vom Hotelzimmer aus. Das Not-Team macht seine Sache überraschend gut. Unterstützung kommt aus der Curling-Community.

          2 Min.

          Der Aufruf kam von Herzen und sorgte für Freude in schwierigen Tagen: „Let’s send Love to the Germans“, überschrieb George Karrys seinen Artikel in „The Curling News“, in dem der Chefredakteur des Fachmagazins auf die missliche Lage des deutschen Frauen-Nationalteams bei der Curling-Weltmeisterschaft in Kanada aufmerksam machte. Zwei der Spielerinnen des CC Füssen, die dort für Deutschland um WM-Ehren und Olympia-Qualifikation kämpfen, dürfen nämlich nicht aufs Eis. Sie fristen stattdessen seit ihrer Ankunft am 23. April in Calgary ein einsames Leben in Quarantäne. 7846 Kilometer Luftlinie von zu Hause müssen Klara-Hermine Fomm und Emira Abbes in ihren Hotelzimmern ausharren und ihre Corona-Infektionen aussitzen.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten sich die beiden beim Transferflug von Montreal in den WM-Ort angesteckt, vermutet Bundestrainer Uli Kapp. Sie wurden deshalb nach einem positiven Test umgehend aus dem Sportbetrieb genommen. Auch ihre Teamkolleginnen sowie Spielerinnen von sieben weiteren europäischen Teams, die denselben Flug gebucht hatten, mussten zunächst in Quarantäne, bekamen von „Alberta Health“, der zuständigen Gesundheitsbehörde in der kanadischen Provinz, dann aber rechtzeitig zum WM-Beginn die Spielberechtigung.

          Das reduzierte deutsche Team durfte ebenfalls antreten, allerdings nur in einer Notaufstellung. Skip Daniela Jentsch und ihre Schwester Analena sowie Mia Höhne spielen dank einer Sondererlaubnis des Curling-Weltverbands wegen „besonderer Umstände“ zu dritt gegen die Viererteams aus dem Rest der Curling-Welt. „Dafür machen wir es eigentlich ganz gut“, lobt Coach Kapp seine Spielerinnen, die sich mit der misslichen Lage arrangiert haben. Analena Jentsch und Mia Höhne bringen jeweils drei Steine statt der üblichen zwei aufs Eis. Das kann unter spielerischen Gesichtspunkten manchmal sogar ein Vorteil sein. Doch die kraftraubende Aufgaben des Wischens, für den gewünschten Lauf und das Tempo der Steine von eminent wichtiger Bedeutung, obliegt dann jeweils nur einer Akteurin. „Und das ist hart“, weiß der 50-Jährige Kapp, der früher selbst ein Weltklasse-Curler war.

          Überraschungssiege im Dreierteam: Daniela und Analena Jentsch gewinnen gemeinsam mit Mia Höhne (l.) gegen Gastgeber Kanada
          Überraschungssiege im Dreierteam: Daniela und Analena Jentsch gewinnen gemeinsam mit Mia Höhne (l.) gegen Gastgeber Kanada : Bild: AP

          Der Not folgend, spielt sein Team vornehmlich schnelle Steine, versucht mit Take-Outs das House möglichst frei zu halten, und hofft, dass die Kraft reicht. Bis jetzt geht die Taktik ganz gut auf: Nach zehn der 13 Partien der Vorrunde, die im Format „Jeder gegen jeden“ ausgetragen wird, liegen die Deutschen mit fünf Siegen überraschend gut im Wettbewerb. Eine noch bessere Ausgangslage vergaben sie nach Siegen unter anderem gegen die USA und Gastgeber Kanada ausgerechnet mit Niederlagen gegen Italien und Estland, die am unteren Ende der Tabelle rangieren.

          Doch Trainer Kapp hadert nicht, sondern änderte schon vorab die Sichtweise, warum diese WM als Erfolg zu werten ist: „Für uns ist jedes Spiel ein Bonus.“ Denn im schlimmsten Fall hätten seine Frauen gar nicht mitspielen dürfen – und das nach einjähriger Vorbereitung. So können sie sich bis zum letzten Match an diesem Freitag um 14 Uhr Ortszeit (22 Uhr MESZ) gegen die Schweiz sogar noch Hoffnungen machen, die Playoffs der besten sechs Teams zu erreichen, womit auch die Qualifikation für Olympia in Peking 2022 geschafft wäre.

          Doch während die Meisterschaft schon für alle Aktiven ein Nervenspiel darstellt, da sie in der WM-Blase nur zwischen Hotel und Eishalle pendeln dürfen und ansonsten im Innenhof der Hotelanlage eine Stunde „Freigang“ genießen, wie es Kapp ausdrückt, gestaltet sich der Kanada-Trip für die 21-Jährige Klara-Hermine Fomm und die drei Jahre ältere Emira Abbes als echte Herausforderung. Ihre Erkrankungen sind zum Glück mit nur leichten Symptomen weitgehend abgeklungen, am Gefühl des Eingesperrtseins fern der Heimat ändert dies aber nichts. Wenigstens haben die beiden verhinderten WM-Spielerinnen viele aufmunternde Briefe und Geschenke, Blumen und Pralinen erhalten. Denn Kollege Karrys hatte in seinem Aufruf nicht versäumt, die Adresse des Best Western Hotels anzugeben.

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