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Deutsche Boxerin träumt : Die mutige Vision der Christina Hammer

  • -Aktualisiert am

Mit klarem Ziel vor Augen: Christina Hammer Bild: Picture-Alliance

Eine Niederlage als Teil der Lernkurve für „La Hammer“: Die Mittelgewichtlerin mit dem gewissen Punch ist dabei, sich ins olympische Boxen einzuarbeiten. Kann das gelingen?

          3 Min.

          Manchmal ist eine Niederlage bloß ein nützlicher Hinweis. Christina Hammer war weder am Boden zerstört, noch mochte sie protestieren, als sie am Freitagabend den Ring in der Eventhalle der Kölner Motor World ohne den gewünschten Erfolg verließ. Dass nicht sie, sondern ihre niederländische Gegnerin Nouchka Fontijn den Punktsieg im Halbfinale des hochkarätig besetzten Cologne Cups zugesprochen bekam, war am Ende nachvollziehbar – auch wenn die 30 Jahre alte Mittelgewichtlerin im Trikot des Deutschen Boxsport-Verbands (DBV) der Olympiazweiten von 2016 einen Kampf auf Augenhöhe geliefert hatte. Sie kletterte eher mit der Miene einer Athletin durch die Ringseile, die gerade an ein paar Kleinigkeiten erinnert wurde.

          Die besseren, vergleichsweise härteren „langen“ Hände zu bringen hat der Nordhessin mit kasachischen Wurzeln elf Jahre lang gereicht. In der Zeitspanne konnte sie im Profilager die WM-Titel dreier Weltverbände erobern und zur profiliertesten Championesse in der überschaubaren deutschen Szene avancieren. Beim olympischen Boxen hingegen kommt es ebenso auf den Gesamteindruck sowie viele technische Details an. Außerdem gilt es, Energie und Aktionen in gerade mal drei Runden zu komprimieren. Das alles verlangt Rückkehrern aus dem Berufsboxen in der Summe eine komplette Metamorphose ab: Sie müssen sich bei aller Erfahrung im Ring noch einmal neu erfinden.

          Eine kostbare Erfahrung

          In dem Sinne war der Ernstfall unter strengen Corona-Auflagen im olympischen Jahr eine kostbare Erfahrung. Christina Hammer weiß nun, „dass ich noch ein paar Sachen lernen“ muss, was etwa ihr Timing und das Verhalten im Infight betrifft. „Bei den Profis kann ich einfach im Clinch bleiben“, vergleicht sie, „aber hier muss man dann weiterarbeiten, um nicht ermahnt zu werden.“ Sie weiß aber auch, dass diese routinierte Gegnerin, die sie unter Umständen bei der Qualifikation zum Turnier in Tokio wiedersieht, keine unlösbare Aufgabe darstellt. „Sie ist auf jeden Fall schlagbar“, findet sie und: „Es ist noch immer derselbe Sport. Boxen ist Boxen.“

          Trägt mittlerweile das Trikot mit dem Bundesadler: Christina Hammer (links) mit ihrer Trainerin Tabea Frank beim Cologne Boxing World Cup in Köln
          Trägt mittlerweile das Trikot mit dem Bundesadler: Christina Hammer (links) mit ihrer Trainerin Tabea Frank beim Cologne Boxing World Cup in Köln : Bild: Picture-Alliance

          Der Selbsttest von „La Hammer“, wie die schlagstarke Kämpferin hier und da genannt wird, gehörte zu den besonderen Momenten bei dem Turnier für 99 Aktive aus 14 Nationen. Die Geschichte dahinter erzählte auch etwas über die aktuelle Situation im Profiboxen. Die mehrmalige Weltmeisterin war nach der einzigen Niederlage in 27 Kämpfen (April 2019 gegen Claressa Shields) seit geraumer Zeit schon nicht mehr mit den Verhältnissen zufrieden: An größere Börsen ist unter deutschen Dächern inzwischen kaum noch zu denken, außerdem sind in der Szene „nicht immer die seriösesten Partner“ unterwegs. Das machte sie zugänglich, als ihr der DBV letztes Jahr einen Platz in seinem Perspektivkader anbot – inklusive sozialer Absicherung über seine diversen Partner.

          „Olympia ist einfach mega“, sagt Christina Hammer. „Wer da etwas erreicht, geht in die Geschichte ein.“ Die neue Vision ist also, die erste deutsche Boxerin zu werden, die bei den Spielen eine Medaille gewinnt. Den gewissen Punch, die Ring-Intelligenz und den Drive dazu bringt sie mit, davon ist sie überzeugt: „Ich habe mir immer hohe Ziele gesetzt.“ Und der deutsche Verband halte sie auf ihrem Weg nicht zurück. Er steht fortlaufend unter dem Druck, seine Fördermittel aus öffentlicher Hand mit Erfolgen zu legitimieren. Zumal seine Staffelauswahlen in diesem Jahrtausend gerade einmal vier Bronzemedaillen im Zeichen der Ringe erobern konnten.

          Lukas Wilaschek, Hammers Trainer am Kölner Leistungszentrum, sieht seine Athletin jedenfalls voll im Soll. Das Duell mit der späteren Turniersiegerin war für ihn „eine gute Standortbestimmung“. Es hat ihm gezeigt, „dass da noch vieles drin ist, wenn sie einige Sachen ändert“. Auch DBV-Sportdirektor Michael Müller fand, dass die mutige Quereinsteigerin „in Relation zu ihrer geringen Erfahrung hervorragend agiert“ und im dritten Kampf mit Kopfschutz „einen weiteren großen Schritt nach vorn gemacht“ habe. Die Lernkurve darf noch bis Juni anhalten. Dann muss der Verband entscheiden, ob er tatsächlich Hammer oder ihre Schweriner Mitbewerberin Sarah Scheurich, die im Halbfinale scheiterte, zur Olympia-Qualifikation in Paris delegiert.

          Im Mittelgewicht der Herren dürfte es dagegen keine offenen Personalien mehr geben. Dort hat sich Kevin Boakye-Schumann mit seinem zweiten Sieg beim Cologne Cup in Folge nachdrücklich positioniert. Der 22-jährige Hamburger wäre im Finale gegen den Niederländer Gradus Krauss fast noch für seinen druckvollen, riskanten Stil bestraft worden, als er wenige Sekunden vor Schluss kurzfristig zu Boden ging. Er kam gerade rechtzeitig hoch, um den knappen Punktsieg nach Hause zu bringen. Es gibt eben immer etwas zu verbessern, das zeigt den Boxerinnen und Boxern jeder Wettbewerb.

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