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Schwimm-EM in London : Neidisch auf die Nachbarn

  • -Aktualisiert am

Titelverteidigung verpasst: Marco Koch wird über 200 Meter Brust Zweiter – und zieht seine Lehren daraus. Bild: AFP

Die deutschen Schwimmer erleben in London eine ernüchternde EM – nur ein Titel durch Franziska Hentke. Der Bundestrainer fordert Veränderungen, die andere Nationen schon umgesetzt haben.

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          Kurz und bündig fiel am Sonntagvormittag die Bilanz von Henning Lambertz für den vorangegangenen Abend aus. „Richtig gut“, fand der Schwimm-Bundestrainer das DFB-Pokalfinale von Berlin, das er zusammen mit seinen Trainerkollegen in London verfolgt hatte. Seine Erkenntnisse über die Europameisterschaften in seinem Fachgebiet waren allerdings sehr viel umfangreicher. Auf dem Papier waren es nämliche ernüchternde kontinentale Titelkämpfe für den Deutschen Schwimmverband (DSV) – auch wenn Franziska Hentke am Sonntag mit ihrem Erfolg über 200 Meter Schmetterling die erste EM seit 1958 ohne einen Sieg für deutsche Schwimmer verhinderte. Die Kurzbahn-Europameisterin lag bei ihrer ersten Medaille auf der Langbahn in 2:07,23 Minuten nur eine Hundertstelsekunde vor der Ungarin Liliána Szilágyi.

          Olympiahoffnung Franziska Hentke und Vorzeigeschwimmer Marco Koch waren nicht nur die einzigen Arrivierten in einem EM-Team, das hauptsächlich mit Nachwuchskräften bestückt war - sie erreichten auch als einzige DSV-Schwimmer einen Endlauf. „Ein Invest in die Zukunft“ sei diese EM gewesen, sagt Lambertz, der seinen für Rio de Janeiro vorqualifizierten Schwimmern Training für die zweite Qualifikationshürde verordnete.

          Verhinderte die erste EM seit 1958 ohne deutschen Sieg: Franziska Hentke (Bildmitte).
          Verhinderte die erste EM seit 1958 ohne deutschen Sieg: Franziska Hentke (Bildmitte). : Bild: dpa

          Am Ort der deutschen Olympia-Blamage von 2012 sollten jene, „die uns dann in drei, vier Jahren hoffentlich die Freude wieder ins Haus holen“, internationale Erfahrungen sammeln, die Abläufe mit Vorstartträumen – was nehme ich mit, wann gehe ich los, was ziehe ich an – kennenlernen. Viele Frischlinge wirkten von diesen Titelkämpfen äußerst beeindruckt. Nervosität, Hektik und Unsicherheit schienen Bestzeiten und damit eingeplanten Halbfinaleinzügen häufig im Weg zu stehen.

          „Sie haben das eigentlich schon ganz gut gemacht, wurden mit der Zeit immer sicherer, haben schön gekämpft, sind nahe rangekommen an ihre Bestzeiten“, sagt Lambertz. „Aber nahe ran reicht eben bei einer EM nicht aus.“ Auch das ist eine Erkenntnis, die er den deutschen Schwimmern seit seinem Amtsantritt nach den medaillenlosen Spielen von London vermitteln will: „Wir müssen schon in den Vorläufen 100 Prozent abliefern, weil wir sonst nicht weiterkommen.“

          Der neidische Blick ins Ausland

          Die vorolympischen Europameisterschaften, die vielen als Zwischenstation dienten und die auch an der britischen Hauptstadt relativ unbeachtet vorbeizogen, boten Lambertz ohnehin die Möglichkeit, seinen Forderungen für den Wandel mit positiven Beispielen Nachdruck zu verleihen. Lambertz bringt in Gesprächen immer wieder europäische Nachbarn ins Spiel, die jene Veränderungen, die er in Deutschland durchzusetzen versucht, bereits gewinnbringend umgesetzt haben. Etwas neidisch schaut er dabei auf die Briten, die mit Blick auf ihre dritten Heimspiele sehr viel Geld für die Rückkehr in die sportliche Weltspitze in die Hand genommen haben und nun von ebenfalls zähen Strukturreformen profitieren.

          Oder er verweist auf die Niederländer, denen es mit nationalen Trainingszentren vorbildlich gelinge, den Nachwuchs anzubinden, ohne jahrelange Durststrecken durchleben zu müssen. Am Rande der EM lobte Lambertz nun die Ungarn, die in London zwar auch deshalb so aufgetrumpft haben, weil sich ihre Schwimmer dort ihre Olympia-Teilnahmen aus dem Becken fischen konnten, die aber auch „auf einem sehr hohen Grundniveau trainieren, so dass sie eben nur 80 oder 90 Prozent abrufen müssen, um ins Finale zu kommen. Da wollen wir auch hin, aber da sind wir noch nicht. Dafür muss das Grundniveau in unserem Training noch höher werden.“

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          Einer, der den Idealvorstellungen des immer zu Höchstleistungen bereiten Schwimmers hierzulande am nächsten kommt, ist Koch. Der Weltmeister nahm die Titelkämpfe in London als einen wichtigen Testwettkampf auf dem Weg nach Rio de Janeiro, wo er sich zum ersten Olympiasieger seit Michael Groß 1988 küren könnte. Koch weiß bereits, wie internationale Titelkämpfe funktionieren. Auch Hektik und Nervosität hat der Vollprofi längst abgeschüttelt. Bei ihm wie auch bei Franziska Hentke ging es in London um die Feinjustierung des olympischen Modus mit Vorlauf, Halbfinale und Finale. Und um die Frage nach zusätzlichen Massagen oder Zwischenbelastungen.

          Dass den Weltmeister nach einer Schulterblessur während der deutschen Meisterschaften nun auch noch eine Erkältung schwächte, kam zwar den eingeplanten Zielen in die Quere, führte aber ein weiteres Mal zu der beruhigenden Erkenntnis, „dass er selbst mit Problemen die Stärke besitzt, sich über drei Stationen zu steigern und dann noch das Maximale herauszuholen“, sagt Lambertz. In Kochs Fall hieß das diesmal: viertbeste Zeit des Jahres über 200 Meter Brust. Die Bestmarke hält der Darmstädter selbst. Wie hilfreich all diese Erkenntnisse nun tatsächlich waren, das wird sich jedoch erst noch zeigen.

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