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Renaissance des Medizinballs : Er ist wieder da

Comeback eines Hassobjekts: Nicht der Medizinball ist böse, sondern die Übung Bild: Rüchel, Dieter

Er war das Hassobjekt unserer Jugend. Generationen von Schülern haben den Medizinball ebenso verflucht wie Fußballprofis unter Felix Magath. Jetzt erlebt das Monstrum ein grandioses Comeback in Fitnessstudios.

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          Die Objekte unserer kindlichen Begierde waren: Bälle. Wann immer beim Sportunterricht ein Ball ins Spiel kam, ging’s rund. Man konnte ihn nach Herzenslust ins Tor schießen, über ein Netz pritschen, in einen Korb werfen oder andere spaßige Sachen mit ihm anstellen. Die Ballverliebtheit in der Schule endete aber schnell, wenn der Lehrer die falsche Tür des Geräteschranks öffnete und schwere, braune Lederkugeln hervorholen ließ. Der Medizinball erschien Schulkindern als Monstrum, nicht geschaffen für ihre zu dünnen oder zu dicken Ärmchen und ihren zu schwachen Körper. Freudlos waren die vom Lehrer geforderten Übungen, geradezu angst und bange wurde vielen Pennälern wegen dieser doofen Jungs, die den Medizinball als Wurfgeschoss nutzten und damit Mitschüler malträtierten. Kurzum: Die meisten waren froh, als sie Schule und Zirkeltraining hinter sich gelassen und mit der Dreikilokugel nichts mehr zu tun hatten.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und jetzt das: Er ist wieder da, der Medizinball. Die Abscheu von einst spielt keine Rolle mehr, wenn es um den Fitnesstrend der Stunde geht. Männer und Frauen, junge und ältere, geübte wie ungeübte, treffen sich heute zum „Functional Training“, „CrossFit“ oder „Bootcamp“ im Studio, in der Box oder auf der grünen Wiese. Sie recken sich an Sprossenwänden, strecken sich an Reckstangen, hüpfen über Sprungseile. Und sie wuchten Medizinbälle - freiwillig! „Das ist eine Retrogeschichte“, sagt Pia Pauly, Abteilungsleiterin Sport beim Deutschen Turner-Bund (DTB): „Es kommt ja vieles in Wellen - ob beim Musikgeschmack, bei der Kleidung oder beim Fitnesstraining. Die letzten Jahre ging der Trend zu Hochglanzchrom, jetzt wollen die Leute was anderes.“ Zum Beispiel mit einem alten Hassobjekt hantieren.

          Der Ball ist weder gut noch böse

          Der Medizinball an sich ist weder gut noch böse. Es sind die Übungen, die besser oder schlechter sind. Die neue Art, die Kugel zur körperlichen Fitness zu nutzen, ist trainingswissenschaftlich eine Wucht. Überkopfwürfe, Druckwürfe, Stützübungen, Medizinballstoßen und -fangen mit Kniebeuge: Alle Übungen, die als Teil des funktionalen Trainings gefordert werden, sind höchst wirkungsvoll. „Wenn man vorher im Fitnessstudio an Kraftmaschinen gearbeitet hat, erlebt man bei Crossfitness sein blaues Wunder“, sagt DTB-Funktionärin Pia Pauly, die für sich selbst die verschiedenen traditionellen Gerätschaften wiederentdeckt hat: „Statt einen Muskel isoliert zu trainieren, müssen ganze Muskelketten zusammenarbeiten.“ Das intensive, schweißtreibende und ein wenig selbstquälerische Training führt dazu, dass es die Muskelketten topfit macht für beschwerliche Alltagsbewegungen. So können Rotationsschwünge mit einem Medizinball darauf vorbereiten, einen Getränkekasten nach dem anderen schier mühelos in den Einkaufswagen zu wuchten. „Wenn man nur eine Hantel nimmt, sieht irgendwann vielleicht der Bizeps gut aus. Aber es bringt mich im Sport und im Alltag nicht weiter“, erklärt Stephan Geisler, Dozent an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

          Ein großer Freund des Medizinballs: Felix Magath blieb ihm immer treu
          Ein großer Freund des Medizinballs: Felix Magath blieb ihm immer treu : Bild: dpa

          Zurückgekehrt ist der Medizinball von dort, wo er seinen Siegeszug um die Sportwelt begonnen hatte: den Vereinigten Staaten. In New York hatte vor 125 Jahren eine Journalistin gestaunt und geschrieben, wie der Boxtrainer William Muldoon seinen Schützlingen unentwegt einen schweren Ball entgegenschleuderte, um Kraft, Beweglichkeit und Reaktionsvermögen zu fördern. Drei Jahrzehnte später wurde der Medizinball hierzulande gebräuchlich. Mit seiner Hilfe sollten Kinder getrimmt, Männerkörper gestählt und Frauen darauf vorbereitet werden, Schwangerschaft und Geburt tüchtig zu überstehen. Zweckorientierte Gymnastik, vaterländischer Drill: An die dunklen Kapitel deutscher Medizinballhistorie erinnerte im vorigen Jahr eine Ausstellung, die den „Vollball“, wie er früher hieß, in Ingolstadt und Halle/Saale als „Grenzgänger zwischen Sport, Medizin und Politik“ präsentierte.

          Diese Art der Schleiferei ging vorüber, der Medizinball aber blieb - meistens im Verborgenen: Im Sportunterricht und im Leistungssport gehörte er weiter zum Inventar. „Dass er verpönt ist, heißt ja nicht, dass der Medizinball nicht multifunktional von Bedeutung ist“, sagt Helge Streubel, für Schulsport zuständiger Vizepräsident im Deutschen Sportlehrerverband. Gerade in Zeiten „gesunkener Budgets und schmaler Kassen“, so Streubel, sei der Medizinball ein ebenso günstiges wie geeignetes Gerät für den Schulsport. Öffentliches Aufsehen erregte es nur als vermeintliches Folterwerkzeug des Fußballtrainers Felix Magath, genannt „Quälix“. „Selbst Magath konnte den Ruf des Medizinballes nicht zerstören“, behauptet Sportwissenschaftler Geisler: „Er kann wehtun, aber auch Spaß machen.“ Magaths Mannschaften mögen das anders sehen.

          Er eröffnet Freiheiten

          Es ist wieder einmal typisch, dass die deutsche Trainingslehre Reck, Ringe, Kasten und eben Medizinball zwar da und dort genutzt hat, aber erst die Amerikaner damit einen Fitnesstrend setzen konnten. Greg Glassman, ein ehemaliger Leistungsturner, bediente sich der Geräte, die er von klein auf kannte, entwickelte ein Konzept, das auf Trainingsmethoden aus verschiedenen Sportarten wie Turnen oder Gewichtheben zurückgreift und eröffnete 1995 seine erste „CrossFit“-Halle. Vom kalifornischen Santa Cruz aus eroberte Glassmans Konzept die Fitnesswelt. Es folgten diverse Abarten unter anderen Namen, denen vor allem eines gemeinsam ist: „Man geht in den Bereich von Turnvater Jahn zurück“, wie Geisler sagt.

          Da wächst zusammen, was zusammengehört: Der Medizinball im Fußballtraining
          Da wächst zusammen, was zusammengehört: Der Medizinball im Fußballtraining : Bild: Kretzer, Michael

          Woran aber liegt es, dass Fitnessfreaks und Gesundheitssportler den früher verhassten Ball beim Functional Training wieder liebgewinnen? Er eröffne Freiheiten, findet Geisler: „Die Leute haben zwanzig Jahre lang an Geräten gedrückt und gezogen, jetzt sind sie gelangweilt und bevorzugen freiere Übungen.“ Das Training erlaube mehr Kommunikation, behauptet Pia Pauly: „Es ist kommunikativer als an den Maschinen, weil die Leute nebenan genauso keuchen, und im Bootcamp werden sie auch angefeuert.“

          Bleibt der Medizinball trendy?

          Wer zuletzt lacht, sind die Anbieter: Vereine oder Sportstudios reiben sich die Hände, weil der neue Trend den Vorteil hat, mit überschaubarem finanziellen Aufwand viele Leute anzulocken. Medizinbälle und andere Gerätschaften müssen von Turn- oder Sportvereinen nicht angeschafft, sondern nur entstaubt werden. Fitnessketten räumen Maschinen zur Seite und richten CrossFit-Boxen ein. „Dafür bezahlen die Kunden dann richtig Geld“, sagt Geisler. Die Medizinbälle, die in den Studios herumliegen, haben nur noch wenig mit den abgegriffenen, braunen Lederteilen aus der ollen Schulturnhalle gemein. Sie sehen heute eher aus wie Basketbälle und sind in verschiedenen Farben, Größen und Gewichten zu haben: von der roten Zweipfundkugel bis zum zwölf Kilogramm schweren High-End-Produkt, von dem Einsteiger beim Functional Training unbedingt die Finger lassen sollten. „Einem Anfänger kann man nicht in fünf Minuten das olympische Reißen beibringen“, mahnt Sportwissenschaftler Geisler.

          Und wie geht’s im Fitnesstraining weiter, wenn der Muskelkater weg ist? Bleibt der Medizinball trendy, oder wird er in zwei, drei Jahren von der nächsten neuen Fitnesswelle hinweggespült und nur von Sportlehrern vor der Versenkung gerettet? „Functional Training ist eine Mode, die eine Überlebenschance hat“, sagt Stephan Geisler. Der Medizinball wird uns also überleben - so wie wir ihn überlebt haben.

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