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Renaissance des Medizinballs : Er ist wieder da

Diese Art der Schleiferei ging vorüber, der Medizinball aber blieb - meistens im Verborgenen: Im Sportunterricht und im Leistungssport gehörte er weiter zum Inventar. „Dass er verpönt ist, heißt ja nicht, dass der Medizinball nicht multifunktional von Bedeutung ist“, sagt Helge Streubel, für Schulsport zuständiger Vizepräsident im Deutschen Sportlehrerverband. Gerade in Zeiten „gesunkener Budgets und schmaler Kassen“, so Streubel, sei der Medizinball ein ebenso günstiges wie geeignetes Gerät für den Schulsport. Öffentliches Aufsehen erregte es nur als vermeintliches Folterwerkzeug des Fußballtrainers Felix Magath, genannt „Quälix“. „Selbst Magath konnte den Ruf des Medizinballes nicht zerstören“, behauptet Sportwissenschaftler Geisler: „Er kann wehtun, aber auch Spaß machen.“ Magaths Mannschaften mögen das anders sehen.

Er eröffnet Freiheiten

Es ist wieder einmal typisch, dass die deutsche Trainingslehre Reck, Ringe, Kasten und eben Medizinball zwar da und dort genutzt hat, aber erst die Amerikaner damit einen Fitnesstrend setzen konnten. Greg Glassman, ein ehemaliger Leistungsturner, bediente sich der Geräte, die er von klein auf kannte, entwickelte ein Konzept, das auf Trainingsmethoden aus verschiedenen Sportarten wie Turnen oder Gewichtheben zurückgreift und eröffnete 1995 seine erste „CrossFit“-Halle. Vom kalifornischen Santa Cruz aus eroberte Glassmans Konzept die Fitnesswelt. Es folgten diverse Abarten unter anderen Namen, denen vor allem eines gemeinsam ist: „Man geht in den Bereich von Turnvater Jahn zurück“, wie Geisler sagt.

Da wächst zusammen, was zusammengehört: Der Medizinball im Fußballtraining
Da wächst zusammen, was zusammengehört: Der Medizinball im Fußballtraining : Bild: Kretzer, Michael

Woran aber liegt es, dass Fitnessfreaks und Gesundheitssportler den früher verhassten Ball beim Functional Training wieder liebgewinnen? Er eröffne Freiheiten, findet Geisler: „Die Leute haben zwanzig Jahre lang an Geräten gedrückt und gezogen, jetzt sind sie gelangweilt und bevorzugen freiere Übungen.“ Das Training erlaube mehr Kommunikation, behauptet Pia Pauly: „Es ist kommunikativer als an den Maschinen, weil die Leute nebenan genauso keuchen, und im Bootcamp werden sie auch angefeuert.“

Bleibt der Medizinball trendy?

Wer zuletzt lacht, sind die Anbieter: Vereine oder Sportstudios reiben sich die Hände, weil der neue Trend den Vorteil hat, mit überschaubarem finanziellen Aufwand viele Leute anzulocken. Medizinbälle und andere Gerätschaften müssen von Turn- oder Sportvereinen nicht angeschafft, sondern nur entstaubt werden. Fitnessketten räumen Maschinen zur Seite und richten CrossFit-Boxen ein. „Dafür bezahlen die Kunden dann richtig Geld“, sagt Geisler. Die Medizinbälle, die in den Studios herumliegen, haben nur noch wenig mit den abgegriffenen, braunen Lederteilen aus der ollen Schulturnhalle gemein. Sie sehen heute eher aus wie Basketbälle und sind in verschiedenen Farben, Größen und Gewichten zu haben: von der roten Zweipfundkugel bis zum zwölf Kilogramm schweren High-End-Produkt, von dem Einsteiger beim Functional Training unbedingt die Finger lassen sollten. „Einem Anfänger kann man nicht in fünf Minuten das olympische Reißen beibringen“, mahnt Sportwissenschaftler Geisler.

Und wie geht’s im Fitnesstraining weiter, wenn der Muskelkater weg ist? Bleibt der Medizinball trendy, oder wird er in zwei, drei Jahren von der nächsten neuen Fitnesswelle hinweggespült und nur von Sportlehrern vor der Versenkung gerettet? „Functional Training ist eine Mode, die eine Überlebenschance hat“, sagt Stephan Geisler. Der Medizinball wird uns also überleben - so wie wir ihn überlebt haben.

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