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Der Wandertipp für Rhein-Main : Als läge überall Schnee

  • -Aktualisiert am

Schneeweiße Pracht im Frühling: Kirschbäume wohin das Auge sieht, verteilt auf rund 100 Hektar. Bild: Thomas Klein

Blütenrausch zwischen Taunus und Wetterau: 42.000 Kirschbäume entfalten gleichzeitig ihre Knospen und verwandeln die Hänge in ein weißes Meer. Der Wandertipp führt nach Friedberg-Ockstadt.

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          Selten dürfte die Obstblüte so schön und üppig ausfallen wie in diesem Jahr. Nach dem feuchtmilden Winter kam das vorösterliche Hoch gerade recht, um die Knospen gleichsam über Nacht zu entfalten. Gut eine Woche früher als üblich steht auch eines der größten Kirschengebiete Hessens in herrlicher Pracht: Als läge Schnee über dem 100 Hektar großen Areal bei Friedberg-Ockstadt, derart geschlossen wirkt das Blütenmeer am sonnigen Südwestrand des Taunus.

          Das dürfte selbst für Kenner ein seltener Anblick sein, da bei den hier angebauten 40 Sorten sonst zeitlich unterschiedliche Blütenstände vorherrschen, wie auch der Reifegrad zwischen Juni und Anfang August differiert. Entsprechend abwechslungsreich sind die Gewächse. Neben plantagenartigen Pflanzungen, bei denen die Stämme für eine einfache vereinfachter Ernte niedrig gehalten werden, stehen knorrige, jahrzehntealte Patriarchen lokaler Arten. Teilweise sind sie Überbleibsel der Realteilung, die ein Bewirtschaften der immer kleiner werdenden Grundstücke und damit die Baumpflege nicht mehr lohnte.

          Die Anfänge der Ockstädter Kirschenkultur reichen bis ins späte 18. Jahrhundert zurück, als der damalige Ortsherr Gottfried von und zu Franckenstein in einer Art früher Strukturmaßnahme erst Kartoffeln und dann die wohlschmeckende Frucht einführte, nachdem mit der amerikanischen Unabhängigkeit die Verarbeitung von Baumwolle in der Wetterau weggefallen war. Heute besitzt fast jeder Ockstädter eine Obstbaumparzelle, wenn auch nur wenige den Anbau hauptberuflich betreiben. Vorwiegend beliefern sie Supermärkte und Verkaufsstände zur Saison. Die Ernte von rund 42.000 Bäumen will abgesetzt sein.

          Nicht nur dank der vorausschauenden Strukturpolitik wird Ockstadt bis heute vom Wirken der Franckensteiner geprägt. Ihre ins 15. Jahrhundert zurückreichende, zum Barock stark veränderte Wasserburg bildet den Ortsmittelpunkt und ist seit dem Rückkauf eines Nachfahren 1998 wieder zu einem Schmuckstück geworden. Gebäude, parkartiger Innenhof und die markant zur Straße vorspringenden Rundbastionen sind ansehnlicher denn je.

          Das reichsunmittelbare Geschlecht hat sich übrigens der Reformation verweigert. Ockstadt blieb als einzige Gemeinde der Wetterau stets katholisch. Was noch im frühen 20. Jahrhundert demonstrativ mit dem Bau der doppeltürmigen, weithin sichtbaren St.-Jakobus-Kirche im Neobarock mit Jugendstilelementen bezeugt wurde.

          Wegbeschreibung:

          Wandern ist in Hessen erlaubt, solange die Corona-Verordnungen des Landes eingehalten werden. Der Rundgang durchs Ockstädter Kirschenparadies beginnt im historischen Kern an der Bushaltestelle Schloss. (Parken kann man am besten an der Borngasse kurz nach der Ortseinfahrt. Die rondellartigen Türme der hohen Schlossmauer passierend, gelangt man mit Bach- und Borngasse zur monumentalen Jakobus-Kirche.

          An der Westfront vorbei führt die Kapellenstraße hinaus in die Felder, die mit jedem Schritt stärker von Kirschbäumen gesäumt sind. Fast übersieht man hinter dem Blütenvorhang die weiß gehaltene Hollerkapelle, die nach 500 Metern mit kurzem Abstecher von der Wegekreuzung aus zu erreichen ist. Das 1726 aus Trümmern eines im Dreißigjährigen Krieg untergegangenen Dorfes errichtete Kirchlein wird nur zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten oder Feiertagsprozessionen geöffnet.

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