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„Der Verlierer“ : Die weiche Welle des Knockout

K.o. in der ersten Runde: Floyd Patterson wird von Sonny Liston in Las Vages auf die Bretter geschickt. Bild: Imago

Das Porträt des amerikanischen Boxers Floyd Patterson ist eine der berühmtesten Sportreportagen der Gegenwart – weil sie vom Scheitern handelt. Erzählt wird sie vom Journalisten Gay Talese, der dafür Gesprächsfetzen zusammenpuzzelte und ins Literarische wechselte.

          4 Min.

          Obwohl er in den Jahren 1962 und 1963 zweimal nacheinander von Sonny Liston in der ersten Runde k. o. geschlagen worden war, hörte Floyd Patterson nicht auf zu kämpfen. Wahrscheinlich, weil er nicht fassen konnte, dass er ein Verlierer war. Dass er aber genau das war, beschreibt die New Yorker Reporterlegende Gay Talese in aller Deutlichkeit den Lesern der Zeitschrift „Esquire“, in der 1964 seine Geschichte über Patterson erschien.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Vier Tage lang hatte Talese den Boxer, über den er vorher schon 30 Artikel verfasst hatte, in seinem Trainingsquartier „Upstate New York“ an einem Kaffeetisch ausgequetscht. Danach schrieb er die Geschichte „Der Verlierer“, eine der berühmtesten amerikanischen Sportreportagen. Talese soll der Titel, den die Redakteure für seinen Text gewählt hatten, peinlich gewesen sein. Aber so geht es sensiblen Reportern manchmal: Konfrontiert mit der Wahrheit, die aus ihren eigenen Texten spricht, fühlen sie fast so etwas wie Schuld. Weil sie Dinge ans Licht gezerrt haben, die ihre Gesprächspartner beim Blick in den Spiegel selbst noch nicht so klar gesehen haben. Oder niemals sehen wollen.

          Dabei handelte es sich um eine geplante Bloßstellung. Talese, im Februar 88 Jahre alt geworden, hatte es sich zum Prinzip gemacht, nicht dem natürlichen Reflex der Sportreporter zu folgen, den Blick auf die Sieger zu konzentrieren. „Man lernt von den Gescheiterten“, sagte er einmal in einem Interview. „Die Glücklichen brauchen sich nicht zu erklären.“

          Noch heute atmet Taleses Text, der in der deutschen Übersetzung nur noch antiquarisch, aber in der Originalsprache im Internet zu finden ist, den Schmerz eines Menschen, der es sich nicht erlauben kann, zu verlieren. Und der trotzdem verliert. Nach den Niederlagen gegen Liston war in Patterson, Olympiasieger 1952 in Helsinki und 1956 mit 21 Jahren jüngster Schwergewichts-Weltmeister der Geschichte, etwas zerbrochen. Er verlor danach bis auf einen Punktsieg alle wichtigen Kämpfe. Nach seiner Niederlage 1972 in New York gegen Muhammad Ali durch technischen K. o. in der siebten Runde beendete er seine Laufbahn. Im Alter litt er an Alzheimer und Prostatakrebs. Er starb mit 71 Jahren.

          Floyd Patterson (r.) gegen Muhammad Ali 1965 in Las Vegas. Nach seiner Niederlage 1972 in New York gegen Ali beendet er seine Karriere.

          Das alles konnten die beiden Männer noch nicht wissen, als sie 1963 zusammen am Kaffeetisch saßen und der Reporter versuchte, das Herz des Boxers nach allen Regeln der Kunst freizulegen. Er fragte: Wie ist es, wenn man k. o. geht? Patterson antwortete, so gut er konnte. Talese, der nie einen Recorder benutzte, sagte: Warte, das kannst du besser. So jedenfalls schilderte er selbst das Gespräch später. Patterson versuchte es noch einmal. Und noch einmal. Aus der Sammlung seiner Aussagen baute Talese einen Monolog, der mehr ist als der Originalton, den ein klassischer Reporter üblicherweise so präzise wie möglich wiedergibt. „Er hat das nicht alles zur gleichen Zeit gesagt“, erklärte Talese. „Aber er hat es gesagt.“

          Das Ergebnis ist faszinierend. „Man fühlt sich nicht schlecht, wenn man ausgeknockt ist“, heißt es da. „Eigentlich fühlt man sich sogar gut. Man hat keine Schmerzen, ist bloß total benommen. Man sieht weder Engel noch Sterne; man schwebt eher auf einer weichen Welle. Als Liston mich in Nevada niedergeschlagen hatte, kam es mir vier oder fünf Sekunden lang so vor, als wären alle Zuschauer plötzlich bei mir im Ring, wie eine große Familie. Nach dem Knockout möchte man sie am liebsten umarmen und küssen.“ Aber das sei nur am Anfang so. Kurz darauf fühle man Schmerz und Scham. „Man wünscht sich bloß noch eine Falltür, durch die man in der Kabine landet, statt den Ring verlassen und den Leuten ins Gesicht sehen zu müssen. Das ist das Schlimmste am Verlieren.“

          Seit seiner Niederlage im Jahr 1959 gegen den Schweden Johansson – er musste sieben Niederschläge einstecken – nahm Patterson laut Talese zu jedem Kampf ein Attachéköfferchen mit. Darin befanden sich falsche Koteletten und ein falscher Bart, mit denen er im Falle einer Schlappe unerkannt aus der Halle verschwinden wollte. 1960 holte er sich den WM-Titel von Johansson zwar sensationell zurück, womit er ein Boxer-Gesetz widerlegte: They never come back.

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