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Boxen bei Olympia : Ein Horrortrip für Profis

  • -Aktualisiert am

Weltmeister Jürgen Brähmer will nicht riskieren, sich bei Olympia entzaubern zu lassen. Bild: dpa

Die Annäherung zwischen Preisboxern und Amateurkämpfern gestaltet sich schwierig. Ob die Idee, die Profis bei Olympia antreten zu lassen dabei hilft, ist fraglich. Für sie gliche der Start in Rio einem Sprint – und einer Tortur.

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          Ob die Chemie wohl stimmen wird, demnächst zwischen Amateuren und Profis? Das Wortspiel bot sich an beim Chemiepokal vergangene Woche in Halle an der Saale. Seinen Namen hat das Turnier der Weltklasseboxer den Chemie-Kombinaten zu verdanken, die als Geldgeber auftraten, solange es die DDR und den real existierenden Sozialismus noch gab. Damals wurden die Profis verteufelt, ihre Promoter mit Menschenhändlern gleichgesetzt. All das gilt nicht mehr.

          Seit dem Herbst buhlt der olympische Dachverband Aiba um die Gunst der Profiverbände, um schon bei den Olympischen Spielen in Rio auch die Prominenz der Preisboxer im ultimativen Duell mit den eigenen Stars präsentieren zu können. Die Aiba begnügt sich nicht mehr damit, ihre eigene Profiabteilung APB und halbprofessionelle Weltliga WSB etabliert zu haben, weil die Kundschaft kaum Notiz davon nimmt. Jetzt sind die Preisboxer der großen Buchstabenverbände IBF, WBA, WBC und WBO für hilfreich befunden worden, das zu bekommen, wonach man sich verzehrt: mediale Aufmerksamkeit.

          „Ich finde die Idee gut, wegen der Publicity“

          „Ich finde die Idee gut, wegen der Publicity, man spricht drüber“, sagt Erik Pfeifer. Der deutsche Superschwergewichtler hat seinen Startplatz sicher, seit er sich den Gürtel des APB-Weltmeisters holte. Er ist dennoch ein nahezu unbekannter Champion geblieben. Das würde sich schlagartig ändern, wenn er einen wie Wladimir Klitschko vor die Fäuste bekäme. Das wird nach Lage der Dinge nicht passieren. Es ist die Aiba, die den Profis ihre Spielregeln diktieren will. Die in Rio geforderten dreimal drei Minuten gleichen einem Sprint, Profis sind auf die Zwölf-Runden-Distanz gepolt.

          Auf dem Weg nach Rio müssten sich die Profis erst auf nationaler Ebene durchsetzen, ehe sie zum international besetzten kontinentalen Qualifikationsturnier für Rio dürften. Eine Tortur mit drei Kämpfen in vier Tagen. Alltag für Amateure, ein Horrortrip für Profis. Sollen sie nur kommen, so der Tenor der Teilnehmer am Chemiepokal. „Die können nur verlieren“, prophezeit Bundestrainer Michael Timm, der auch schon im Profilager Weltmeister geformt hat. Einen wie Jürgen Brähmer etwa, der am Samstag in Neubrandenburg den WBA-Titel im Halbschwergewicht gegen Eduard Gutknecht verteidigte.

          Im Gespräch mit Brähmer hatte Michael Müller ausgelotet, ob Rio ein Thema sei. Der Sportdirektor des Deutschen Box-Verbandes (DBV) vereinbarte Vertraulichkeit, Brähmer aber ging mit wohlfeilen Argumenten an die Öffentlichkeit: „In Schwerin habe ich, während meiner eigenen Wettkampfvorbereitungen, fast täglich mit Amateuren zu tun. Das sind junge Kerle, für die momentan Olympia das große Ziel ist - darauf bereiten sie sich seit vier Jahren vor. Wieso soll ich diesen Jungs die Chance nehmen, sich ihren Traum zu erfüllen?“ Was er nicht öffentlich sagte: Brähmer wollte kein Risiko eingehen, sich entzaubern zu lassen. „Dann wäre sein WM-Titel nichts mehr wert. Da spielt kein Profiverband mit, Verlierer können die nicht gebrauchen“, behauptet Adolf Angrick. Als Trainer der Österreicher einer, der den Reformeifer der Aiba als Aktionismus bezeichnet.

          Erst auf einem Sonderkongress der Aiba, am 1. Juni in Lausanne, wird die Öffnung des Amateurlagers für Profis beschlossen. Bei der letzten Sitzung der Aiba in Manchester signalisierten gut 80 Prozent der Vertreter von 197 Mitgliedsverbänden ihre Unterstützung für die Vorgabe des Aiba-Präsidenten Wu, die besten Boxer, egal ob Profi oder Amateur, für Olympia zu mobilisieren. Nach dem 1. Juni soll die Satzung des DBV angepasst werden. Noch verbietet Paragraph 15 eine Zusammenarbeit mit dem Profilager. Müller nennt das Gegeneinander einen Anachronismus, beschwört die Kooperation zweier naher Verwandter, die in der Not den Schulterschluss wagen sollten.

          Tatsächlich ist die Profiszene überaltert, aber dank ihrer Selbstinszenierung an Großkampftagen mit illustren Namen immer noch sexy, die olympische Variante schlagstark, aber arm an Wahrnehmung und Rendite. Harry Kappell, Leiter des Lenkungsteams, ein sperriger Titel für den Cheftrainer des DBV, sagt: „Die Aiba ist ein Wirtschaftsunternehmen, das knallhart kalkuliert.“ Mit anderen Worten: Sie will sich die einst konsequente Distanz zu den Profis nicht mehr leisten. Vielleicht kann sie es sich nicht mehr leisten. Als Cassius Clay, Joe Frazier oder Henry Maske Olympiasieger wurden, hieß es noch, dass es bei Olympischen Spielen nicht um Geld ginge, sondern um den Sport.

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