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Der Sportausschuss tagt : Radsport wird nicht abgehängt

Seit Jahren in schwierigem Terrain unterwegs: der Radsport Bild: dpa

Radsport-Präsident Rudolf Scharping behauptet sich im Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Der lehnt den Antrag der Grünen ab, dem Verband wegen mangelhafter Dopingbekämpfung die Mittel zu streichen.

          Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) wird weiterhin mit zweieinhalb Millionen Euro im Jahr vom Bund gefördert. Doch längst läuft nicht alles rund auf zwei Rädern. In der turbulenten Sitzung des Bundestags-Sportausschuss, der am Mittwoch in aller Eile den Antrag der Grünen ablehnte, dem Radsport wegen mangelhafter Dopingbekämpfung Mittel zu streichen, deutete der Geschäftsführer der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada), Göttrik Wewer, an, dass neue Fälle bevorstehen könnten.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In drei Jahren habe der BDR die Zahl seiner Trainingskontrollen auf knapp 800 verdreifacht, sagte er und ergänzte: „Ohne Befund - was nicht heißt, da ist nichts. Es gibt Hinweise, denen wir nachgehen.“ Es handele sich dabei um Auffälligkeiten, bei denen die Werte unterhalb der Nachweisgrenze liegen, sagte er. Die Nada versuche, Kontrollen und Nachweisverfahren zu verbessern. „Die Leute dürfen sich nicht sicher fühlen“, sagte Wewer. „Das ist unsere Aufgabe.“

          Dopingbekämpfung soll nicht Existenzvernichtung sein

          Der nüchterne Hinweis Wewers kontrastierte mit dem aggressiven Auftreten des früheren Verteidigungsministers Rudolf Scharping. In seiner Funktion als Präsident des BDR erwiderte dieser die Frage, ob der langjährige und wegen Dopings suspendierte Bundestrainer Peter Weibel noch aus dem Etat des BDR bezahlt werde, mit dem Bekenntnis: „Ich werde Dopingbekämpfung nicht verwechseln mit Existenzvernichtung.“ Deshalb sei der von drei Herzinfarkten betroffene Schwerbehinderte nicht fristlos entlassen, sondern nur von allen Aufgaben entbunden worden. Sein Vertrag laufe Ende des Jahres aus. Die Streichung der Förderung würde 17 Menschen den Arbeitsplatz kosten, malte Scharping aus, und den Verband womöglich seine Existenz.

          Der fürsorgliche Präsident: „Ich werde Dopingbekämpfung nicht verwechseln mit Existenzvernichtung”

          Scharping hielt sich und der Führung seines Verbandes zugute, nach Bekanntwerden des systematischen Dopings beim Team Telekom und an der Uniklinik Freiburg nicht nur personelle Konsequenzen gezogen zu haben, sondern seitdem in Kontrolle und Prävention alle Register zu ziehen. Doch die Möglichkeiten seien beschränkt. Um das zu demonstrieren, bat Scharping in der Sitzung den Parlamentarischen Staatssekretär im Innenministerium, Christoph Berger, um die Erlaubnis, fünf Prozent der Mittel aus der Sportförderung sowie Leistungssportpersonal zusätzlich für die Dopingbekämpfung einzusetzen.

          Vollständige Streichung oder Halbierung der Fördermittel?

          Knapp 200.000 Euro gebe der Verband in diesem Jahr dafür aus und sei damit finanziell und personell an seine Grenzen gestoßen. Um 2009 250.000 Euro für die Dopingbekämpfung einsetzen zu können, machte Scharping mit dem Vorstoß deutlich, müssten Abstriche beim Sport gemacht werden. Bergner war d'accord. Für den Auftritt Scharpings und das mögliche Donnerwetter vom Sportausschuss waren Dutzende von Journalisten und eine Handvoll Fernsehteams erschienen. Auf der kleinen Galerie des Sitzungssaales saßen betagte Freunde des Radsports. Nach den ersten Ausführungen Scharpings erklang Beifall und der Vorsitzende des Ausschusses, Peter Danckert (SPD), mahnte das Publikum.

          Danckert hatte zu Beginn der auf lediglich eine Stunde veranschlagten Sitzung darauf hingewiesen, dass alle Beiträge aufgezeichnet würden, und gebeten, vollständig und wahrheitsgemäß zu berichten. Unter den Mitgliedern des Ausschusses habe sich der Eindruck verbreitet, jetzt reiche es, erklärte er Scharping. Der Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass der BDR eine deutsche Meisterschaft ohne Dopingkontrollen ausgetragen habe, habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Meisterschaft im Mountainbike-Marathon sei nur eine von 194 gewesen, verteidigte sich Scharping; weder Innenministerium noch Nada hatten ernsthafte Einwände dagegen, ausnahmsweise die Kontrollen ausfallen zu lassen.

          Klaus Riegert von der CDU sprang dem einstigen SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten bei, indem er mahnte, man solle, wenn man Doping bekämpfen wollen, positive Proben nicht negativ sehen. „Wir dürfen nicht auf dem Verband herumprügeln“, rief er. Dagmar Freitag von der SPD sagte: „Die Situation des Radsports ist selbst verschuldet.“ Der Sport werde sich daran gewöhnen müssen, dass die Politik sich intensiver in die Vergabe von Steuergeld einmischt. Der FDP-Abgeordnete Parr kritisierte seine Kollegen; der Sportausschuss solle sich nicht grundsätzlich auf Oppositionsarbeit zu den Sportfachverbänden verstehen.

          Nächstes Thema: Extremismus und Gewalt im Fußball

          Winfried Hermann von den Grünen hatte kurzfristig den Antrag von vollständiger Streichung der Fördermittel auf deren Halbierung verändert. „Wir Politiker können am Beispiel des Radsports zeigen, dass wir es ernst meinen“, sagte er in seiner Begründung. Ein Verband wie der BDR, der in zehn Jahren mit rund 25 Millionen Euro gefördert worden sei, müsse sich fragen lassen, welche Fehler er gemacht habe und wer verantwortlich sei.

          Nach neunzig Minuten drängte Danckert zur Abstimmung und auf das Ende der Sitzung. Da hätte bereits seit einer halben Stunde eine öffentliche Anhörung des Ausschusses zu Extremismus und Gewalt im Fußball laufen sollen.

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