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Tour-Ausschluss von Astana : Der Radsport auf dem Weg zum finalen Showdown?

Das Peloton: Wohin führt der Weg? Bild: AP

Nicht nur die Dopingproblematik belastet den Radsport. In der Branche herrscht zudem ein erbittertes Ringen um Einfluss und Macht. Astana-Leiter Bruyneel sieht sein Team als Opfer des Streits zwischen Radsportverband und Tour-Veranstalter.

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          Der Anruf kam aus Frankreich, es war ein sehr erfreuliches Gespräch für Hans-Michael Holczer. Der Direktor der Tour de France, Christian Prudhomme, versicherte dem Schwaben, dass er sich um die Zulassung zur Tour 2008 keine Sorgen machen müsse. „Er hat sehr klar gesagt, dass wir dabei sind“, sagte der Chef des Teams Gerolsteiner.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Natürlich informierte Prudhomme ihn auch über den Ausschluss des Teams Astana. Zu Prudhomme hat Holczer offensichtlich einen guten Draht, wohl auch deshalb, weil der Deutsche als Wortführer im Kampf gegen Doping im Radsport gilt. Da scheinen Prudhomme und Holczer Seite an Seite zu stehen. Ein öffentliches Urteil über das französische Stoppsignal für Astana verkniff Holczer sich jedoch. Prudhomme wurde in dieser Angelegenheit dafür um so deutlicher. Er nahm den Dopingskandal um Alexander Winokurow, der Astana 2007 als Kapitän zur Tour geführt hatte, offenbar persönlich. Es sei ein Irrtum gewesen, sagte der Franzose jetzt, die Mannschaft damals einzuladen. Ein zweites Mal, betonte Prudhomme, wolle man einen solchen Fehler nicht machen.

          Klöden: „Ich verstehe die Welt nicht mehr“

          Die von kasachischen Sponsoren unterstützte Equipe reagierte mit Wut und Unverständnis auf die Entscheidung der Amaury Sport Organisation (Aso), von der die Tour veranstaltet wird. Alberto Contador, Sieger der Tour 2007, sprach von einem traurigen Tag für den Radsport. Der Amerikaner Levi Leipheimer behauptete, unter Schock zu stehen. Auch der deutsche Profi Andreas Klöden war in Rage. „Ich verstehe die Welt nicht mehr“, lamentierte Klöden. „Im Team ist keiner mehr, der gedopt hat, trotzdem bekommen wir nur Nackenschläge.“

          Johan Bruyneel (l.) und Alberto Contador (Astana): Zwischen die Fronten geraten?
          Johan Bruyneel (l.) und Alberto Contador (Astana): Zwischen die Fronten geraten? : Bild: AP

          Auch der Belgier Johan Bruyneel, einst Mentor von Lance Armstrong und seit dieser Saison für die sportlichen Geschicke des Teams Astana verantwortlich, attackierte die Aso heftig. Die Tour, klagte er, verliere selbst viel von ihrer Glaubwürdigkeit. Schließlich, sagte Bruyneel, habe Astana 2008 nichts zu tun mit Astana 2007 – nur der Name sei geblieben.

          Erbittertes Ringen um Einfluss und Macht

          Bruyneel wies auf das neue Personal hin und auch einen vermeintlich rigiden Anti-Doping-Kurs, den das Team Astana sich in diesem Jahr angeblich 460.000 Euro kosten lässt. Er ließ auch nicht unerwähnt, dass der Internationale Radsportverband (UCI) die Anstrengungen von Astana honoriert habe, indem er dem Rennstall, der 2007 durch mehrere Dopingaffären in arge Schieflage geraten war, wieder eine ProTour-Lizenz erteilte. Just dies aber, vermutet Bruyneel, könnte nun maßgeblich zu den Problemen seines Teams beigetragen haben: „Ist Astana in diesem Jahr ein Opfer des Krieges zwischen UCI und Aso?“

          Tatsächlich belastet den Profiradsport nicht nur die Dopingproblematik, in der Branche herrscht zudem ein erbittertes Ringen um Einfluss, um Macht – und mancher glaubt, dass das Thema Doping dabei instrumentalisiert werde. Die Konfrontation verschärfte sich mit dem Ausstieg von Tour, Giro d’Italia und der Spanien-Rundfahrt aus der umstrittenen ProTour der UCI; auch mehrere andere Radsport-Monumente wie Paris-Roubaix, für das die Aso zuständig ist, gehören nicht mehr der ProTour an.

          „Es gibt einen Showdown“

          UCI-Präsident Pat McQuaid soll wegen des andauernden Streits inzwischen sogar überlegen, die Tour in den nationalen Radsportkalender zurückzustufen – damit wären theoretisch nur französische Teams beim großen Sommerspektakel des Radsports startberechtigt. „Es sieht momentan nicht nach einer Einigung aus“, sagt Holczer. Er prophezeit eine finale Auseinandersetzung wie in einem Italo-Western: „Es gibt einen Showdown.“ Und damit auch einen weiteren großen Knall im Radsport?

          Die UCI nahm zumindest bis Donnerstagnachmittag nicht Stellung zu dem Entschluss der Tour, Astana nicht einzuladen. Das verbannte Team ist derweil damit beschäftigt, sein Rennprogramm zu modifizieren. Contador wolle sich, hieß es, nun auf Olympia und auf die Vuelta konzentrieren. Vermutlich wird auch Klöden so verfahren. Beide befassen sich derzeit angeblich nicht mit einem Arbeitsplatzwechsel, der ihnen doch noch die Tour-Teilnahme ermöglichen könnte. Ob das Team Astana beispielsweise bei der Deutschland-Tour wird antreten können, ist noch offen. Die in Hamburg ansässige Upsolut Sports AG, die hinter dieser Rundfahrt steht, ließ am Donnerstag jedoch wissen, dass man der Diktion der UCI unterliege. Die Deutschland-Tour und die Cyclassics in Hamburg sind 2008 noch Bestandteil der ProTour.

          Die Tour werde „chancengleicher“ sein

          Pikant: Zu Jahresbeginn wurde Upsolut von dem französischen Mischkonzern Lagardère übernommen, der sich unter anderem in der Raumfahrt und im Verlagswesen engagiert – und zu 25 Prozent an der Aso beteiligt ist. Die Lagardère-Gruppe, die sich auch die Vermarktungsagentur Sportfive einverleibte, wolle sich, wird kolportiert, künftig stark im Sport aufstellen. Mit einer neuen Rennserie im Radsport womöglich auch?

          Die Welt des Radsports scheint sich so oder so erheblich zu wandeln. Ein Mann wie Holczer, dem Sportfive bei der Suche nach einem neuen Sponsor hilft, zählt dazu auch die verschärften Dopingkontrollen. Er ist davon überzeugt, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Die Tour etwa, so Holczer, werde „chancengleicher“ sein als zuletzt. Natürlich meinte er das ganz allgemein – ohne Bezug auf die Profis, die jetzt schon auf der Strecke geblieben sind.

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