https://www.faz.net/-gtl-8exam

Radrennen Mailand–San Remo : Katjuschas neue Hoffnung

Katjuschas Hoffnung: Der Norweger Alexander Kristoff - hier am Strand von Oman - gehört bei Mailand - San Remo zu den großen Favoriten. Bild: AFP

Das russische Rad-Team Katjuscha gerät regelmäßig durch Doping-Auffälligkeiten ins Zwielicht. Sportlich sorgt nun der Norweger Alexander Kristoff für einen gewissen Ruhm.

          3 Min.

          Eine schwierige Frage, offensichtlich. John Degenkolb zögert, ehe er antwortet und seinen Favoriten für das Rennen nennt, das er im vergangenen Jahr gewonnen hatte. Bei Degenkolb, der noch pausiert nach seinem schweren Trainingsunfall, steht Alexander Kristoff am höchsten im Kurs bei Mailand-San Remo, dem ersten großen Frühjahrsklassiker, mit einer Distanz von 291 Kilometern. Das ist allerdings kein gewagter Tipp für die 107. Auflage der „Primavera“ an diesem Samstag.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Kristoff ist ein exzellenter Sprinter, aber auch ein Mann für schwerere Eintagesrennen, er hat das schon häufig bewiesen. Und in San Remo war Kristoff 2015 immerhin als Zweiter angekommen. Das konnte der Norweger verschmerzen. Er entschied später die Flandern-Rundfahrt für sich, er war 2015 ein wahrer Seriensieger, auch 2016 hat sich gut angelassen, mit Erfolgen in Qatar und Oman. Ein bemerkenswerter Radprofi, über den sich im Prinzip nichts Schlechtes sagen lässt - wäre da nicht seine Mannschaft, das Team Katjuscha. Die Equipe, großzügig alimentiert von dem russischen Oligarchen Igor Makarow, genießt nicht den allerbesten Ruf und stand wegen der Doping-Problematik sogar schon mal kurz vor dem Ende - ehe der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof die Lizenz doch noch sicherte.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Ein eigenartiges Gebilde des Radsports, das sportlich - nicht zuletzt dank Kristoff - immer wieder für Aufsehen sorgt, allerdings regelmäßig auch ins Zwielicht gerät durch Doping-Auffälligkeiten. So wurde der Russe Eduard Worganow kürzlich vom Internationalen Radsportverband (UCI) vorläufig gesperrt, nachdem er bei einer Trainingskontrolle positiv auf Meldonium getestet worden war. Im vergangenen Jahr hatten die Doping-Jäger den Italiener Luca Paolini erwischt, der ebenfalls in Diensten der Russen steht; ihm war Kokain-Missbrauch nachgewiesen worden. Das Team Katjuscha hatte Glück, dass die UCI auf Sanktionen gegen den Rennstall verzichtete, trotz zweier Doping-Fälle innerhalb eines Jahres.

          Der Verband behauptete, dass Paolini das Kokain nicht zu Zwecken der Leistungssteigerung konsumiert habe, sondern in der Freizeit. So entgegenkommend wie die UCI wollte die MPCC, die Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport, jedoch nicht sein. Nach ihren Statuten hätte das russische Team suspendiert werden müssen - das verhinderte das Team Katjuscha dann durch den Austritt aus der MPCC. Vor allem mit der Argumentation, das man wiederum eine Bestrafung durch die UCI würde befürchten müssen, würde man wegen einer durch die MPCC bedingten Zwangspause nicht an einem World-Tour-Rennen teilnehmen.

          RusVelo: Ein Projekt, dass sich um die Förderung von Talenten kümmert

          Der Fall verdeutlicht die Zerrissenheit des Radsports. Und letztlich auch die Machtlosigkeit der MPCC. Und er wirft einen neuen Schatten auf das ohnehin schlecht beleumundete Team Katjuscha. Solche Vorkommnisse scheinen Kristoff, der zur Saison 2012 vom Team BMC zu den Russen gewechselt war, aber nicht zu stören. Er findet bei seinem Team allem Anschein nach prächtige Bedingungen vor, die ihn zu einem der weltbesten Radprofis werden ließen. Auch finanziell dürfte der 28 Jahre alte Rennfahrer aus Oslo sehr gut dastehen. Makarow steckt angeblich 20 Millionen Euro in das Team Katjuscha; im Schnitt verfügen Radsport-Gemeinschaften, die zum World-Tour-Kreis zählen, über einen Etat von 13,5 Millionen Euro. Insgesamt investiert Makarow Schätzungen zufolge sogar 50 Millionen in den Radsport.

          Dazu gehört ein Projekt wie das Team RusVelo, das sich um die Förderung von Talenten kümmern soll. Die Nachwuchsschmiede der Russen ist jedoch auch schon in Verruf geraten. Im Jahr 2013 hatte sie, nachdem mehrere Fahrer des Dopings überführt worden waren, eine Weile mit dem Rennbetrieb aussetzen müssen. Lauter Merkwürdigkeiten im russischen Radsport, in dem auf nationaler Ebene inzwischen sogar eine große Leere herrscht: Dieser Tage wurden alle russischen Radrennen mit internationaler Besetzung für das Jahr 2016 abgesagt. Wegen finanzieller Probleme, wie es heißt. Man wolle sich, behauptete der Generaldirektor des russischen Radsportverbandes, ganz auf die Vorbereitung für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro konzentrieren.

          So bleibt vorläufig vor allem die Hoffnung auf den norwegischen Tempomacher Kristoff, der dem Team Katjuscha ein Gesicht gibt. Ein sauberes noch dazu nach dem Stand der Dinge. Kristoff, der sich gerne auch als glücklicher Familienvater zeigt, sorgt bei all dem Rumoren in Russland für einen gewissen Ruhm. Er wird am Samstag, auch wenn Degenkolb fehlt, jedoch nicht mit der Nummer eins starten. Die trägt der slowakische Weltmeister Peter Sagan. Aber auch das wird Kristoff, Galionsfigur eines zweifelhaften Teams, kaum beeinträchtigen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.