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Der Kommentar zur Schach-WM : Die Fans wollen Kampfschach sehen

  • -Aktualisiert am

In Bonn kämpfen Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik um den Weltmeistertitel im Schach. Der Zweikampf ist ein verbandspolitisches Zugeständnis an den Russen. Er muss mit dem Inder beweisen, dass zweikämpfe tatsächlich noch attraktiv sind.

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          Die Schachspitze ist heute so ausgeglichen wie noch nie. Mindestens unter den ersten Acht der Welt kann derzeit jeder jeden schlagen. Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik, die seit Dienstag in Bonn den Weltmeister ausspielen, stecken derzeit als Nummer fünf und sechs der Weltrangliste mitten in diesem Pulk.

          Zwar sind der Inder und der Russe zusammen mit dem Bulgaren Wesselin Topalow die erfolgreichsten Spieler seit der über zwanzig Jahre dominierende Garri Kasparow abgetreten ist. Der sportlichen Situation würde dennoch gerechter, den König des königlichen Spiels wie schon 2005 und 2007 zu ermitteln, nämlich in einem Turnier der acht führenden Großmeister, in dem jeder gegen jeden spielt. Sein Comeback verdankt der Zweikampf dem - höflich ausgedrückt - Pragmatismus des Weltschachbundes Fide.

          Kramnik fehlte als Einziger beim Turnier der Besten

          Nachdem Kasparow 1993 mit ihm gebrochen hatte, um seine Titelkämpfe selbst zu vermarkten, krönte die Fide zwar weiterhin offizielle Weltmeister. Sie verabschiedete sich aber von langen Duellen zugunsten kurzer K.-o.-Runden wie bei einem Tennisturnier. Damit sollte auch der Einfluss des jeweiligen Titelhalters gebrochen werden. Nach Kasparows Abschied wurde dieser umstrittene Modus aufgegeben und rasch ein Turnier der Besten arrangiert.

          Kramnik, der Kasparow entthront hatte, fehlte als Einziger. Der stellvertretende Ministerpräsident Russlands forderte einen Titelkampf für ihn ein, der Präsident des Weltverbandes, selbst russischer Provinzpolitiker, musste sich fügen. So kam es, dass die Fide zwar wieder exklusiv den Weltmeister kürt, aber die Reform des Modus in den Wind geschlagen hat. Kramnik setzte sein bevorzugtes Format durch. Obendrein bekam er von den Funktionären einen Zweikampf gegen den Sieger der damals bereits angekündigten WM 2007, der Anand heißen sollte, garantiert.

          Anand und Kramnik müssen beweisen, dass Zweikämpfe noch attraktiv sind

          Damit nicht genug, hat die Fide auch noch Topalow bedacht. Der Bulgare wurde in ein Match gegen Weltcup-Sieger Gata Kamsky plaziert, aus dem der nächste Herausforderer des in Bonn ermittelten Weltmeisters hervorgehen wird. Die Zeche für die Privilegierung Kramniks und Topalows bezahlt der Rest der Weltelite. Statt 2009 kriegen Magnus Carlsen oder Lewon Aronjan frühestens 2011 eine Chance, um den höchsten Titel zu spielen.

          Auch die Fans stehen heute schlechter da. Bei der vorigen WM 2007 konnten sie immerhin 56 Partien auf höchstem Niveau erleben, nun sind es zwölf. Anand und vor allem Kramnik müssen beweisen, dass Zweikämpfe wirklich noch attraktiv sind. Kramniks vorletzter Titelkampf gegen den Ungarn Peter Leko sprach jedenfalls nicht für diesen Modus.

          Beide Spieler einigten sich in fast der Hälfte der Partien auf Remis, obwohl die Lage auf dem Brett ungeklärt war. Ein Beispiel nehmen können sich die Bonner Duellanten an dem WM-Zweikampf von 2006. Dieses Match wird heute zu Unrecht vor allem mit dem Streit um die Benutzung einer privaten Toilette und unbelegten Betrugsvorwürfen verbunden. Was Topalow und Kramnik auf dem Brett produzierten, war hochklassiges Kampfschach. Die Partien wurden ausgespielt bis zum Schluss. Das will die Schachwelt auch in Bonn sehen.

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