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Langläufer Wilson Kipsang : Ausgebeutet und verraten

Woher das Geld für neue Schuhe nehmen? Viele Läufer Kenias müssen von der Hoffnung leben. Bild: © Frederic Courbet/Corbis

Kenias Läufer bestimmen die Weltklasse – die korrupten Funktionäre haben den Sport des Landes zertrümmert. Wilson Kipsang hat deshalb eine Gewerkschaft gegründet, die sich davon distanziert. Beim Berlin-Marathon will er Weltrekord laufen.

          Während kenianische Athleten die Laufdisziplinen der Welt dominieren, liegt der Sport Kenias in Trümmern. Beim Berlin-Marathon an diesem Sonntag will Wilson Kipsang den Weltrekord von 2:02:57 Stunden unterbieten; bereits vor drei Jahren machte er sich mit dem Sieg hier (in 2:03:23) zum schnellsten Mann auf der klassischen Distanz, für zwölf Monate. Zugleich ist er dabei, dem notorisch korrupten Sport seines Heimatlandes Transparenz und Erneuerung zu verschaffen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Vor zweieinhalb Jahren hat er dazu die Läufer-Gewerkschaft Professional Athletes Association of Kenya (PAAK) gegründet; sie hat inzwischen fast achthundert Mitglieder und ist – im Gegensatz zum Leichtathletik-Verband (AK) und zum Nationalen Olympischen Komitee des Landes (KOC) – respektierter Gesprächspartner der kenianischen Regierung und des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF). „Die Zukunft liegt in der Hand der Regierung“, sagt Kipsang. „Wenn sie uns als Repräsentanten der Leichtathletik in Kenia akzeptiert, wird die IAAF uns automatisch aufnehmen.“ Der 34 Jahre alte Gründer und Präsident von PAAK wäre dann Vertreter Kenias in der IAAF.

          Diskrepanz zwischen Ansehen der Athleten und Sportfunktionären

          Bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro etablierten sich die Langläufer aus Ostafrika mit sechs Olympiasiegen und 13 Medaillen als Nummer zwei der Welt; vor Jamaika und hinter den Vereinigten Staaten. Schlagzeilen machte die Mannschaft schon vor den Wettkämpfen. Da standen ihre Stars ohne Flugtickets und ohne Trainer am Flughafen von Nairobi, und erst ein Streik des Teams sorgte dafür, dass alle an Bord gehen durften. Der Kontrast zwischen dem Ansehen der kenianischen Athleten auf der einen und der Verkommenheit der Sportorganisationen auf der anderen Seite wurde bei der Heimkehr besonders deutlich. Da erwartete die Polizei mit Haftbefehlen Funktionäre, die in Brasilien mit hohen Bargeldbeträgen aufgefallen waren, und bei der Durchsuchung der Verbandszentrale in Nairobi fand sie kistenweise Ausrüstung, die den Athleten zustand.

          Der Generalsekretär des Verbandes, Michael Rotich, und der Trainer John Anzrah hatten Rio vorzeitig verlassen müssen. Der eine hatte vor versteckter Kamera vermeintlichen Trainern und Managern angeboten, für ein Handgeld Dopingkontrollen zu terminieren, der andere lief im Olympischen Dorf mit der Akkreditierung eines Athleten Doping-Kontrolleuren in die Arme.

          Bei der Eröffnungsfeier von Rio hatte Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Kipchoge Keino mit dem erstmals vergebenen Olympischen Lorbeer ausgezeichnet. Als der einstige Läufer und langjährige KOC-Präsident nach Kenia heimkehrte, löste die Regierung die Führung seiner Organisation wegen Misswirtschaft und Intransparenz auf; Keino wurde stundenlang von der Polizei verhört. IOC und Regierung ordneten Neuwahlen an.

          „Kipchoge war ein großer Athlet und hat lange gedient. Es war richtig, ihn in Rio auszuzeichnen“, sagt Kipsang in Berlin. „Das Problem ist: Wenn man so lange im Amt ist und nichts unternimmt, während die Leute um ihn alles verderben und niemand sie stoppt, kommen die Themen schließlich auf deinen Tisch.“

          Vor knapp einem Jahr besetzten Mitglieder der PAAK die Verbandszentrale. Die Drohung, international gesperrt zu werden, hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Mit den Worten, dass ordentliche Athleten trainierten und keine Zeit für Proteste hätten, versuchte der damalige Verbandspräsident Isaiah Kiplagat die Sportler zu diskreditieren. Gegen ihn liefen Ermittlungen, weil er aus Qatar – Ausrichter der Weltmeisterschaft 2019 – zwei Range Rover erhalten hatte; vom Weltverband war er suspendiert. Sein Tod im August löste im kenianischen Sport Beschwörungen von Einheit und Zusammenhalt aus. In Wirklichkeit könnte er den Neubeginn symbolisieren.

          „Jetzt können wir Athleten unsere Interessen vertreten“, sagt Kipsang. „Wir wollen eine komplette Änderung der Art, wie der Sport geführt wird.“ Dies ist kein marginales Thema. Langlauf ist in Kenia eine der wenigen Quellen von Wohlstand, die allen offen steht, eine der Möglichkeit für Frauen, sich auch wirtschaftlich zu emanzipieren, ein Mittel des gesellschaftlichen Aufstiegs und Wirtschaftsfaktor noch dazu. Hunderte kenianische Langläufer dominieren die Straßenläufe der Welt und bringen Preisgelder heim.

          Die Meisten fristen ihr Dasein in Elend – und Hoffnung

          Rund dreitausend Läuferinnen und Läufer leben in Iten, der Lauf-Hochburg Kenias bei Eldoret in 2400 Meter Höhe. Die Hälfte von ihnen, zugezogen aus der ländlichen Provinz, fristet ihr Dasein in Elend und in der Hoffnung, eines Tages in Europa, Asien oder Nordamerika für Preis- und Sponsorgeld starten zu dürfen. „Sie können sich kein Quartier leisten, keine Schuhe, keine Ausrüstung“, sagt Kipsang, „andere Athleten müssen sie aushalten.“ Vielleicht vierhundert von ihnen, schätzt er, werden es unter den derzeitigen Bedingungen schaffen. „Wir wollen, dass das System sich öffnet und Läufern die Perspektive eröffnet, außerhalb Afrikas zu laufen“, sagt er. In Rio starteten rund zwanzig Athleten aus Kenia für andere Länder.

          Kipsang hat in Iten ein Hotel mit 37 Zimmern gebaut, das seine Frau führt. Gemeinsam unterstützen sie Verwandte und Freunde. „Es ist so schön, wenn man das Leben anderer verbessern kann“, sagt er. „Das ist das Schöne am Siegen und am Geldverdienen.“ Doch er weiß auch: „Die Armen, die Aufstrebenden sind gefährdet. Sie sehen Kipsang laufen, kennen sich nicht aus und werden falsch informiert.“ 35 der vierzig in den vergangenen Jahren als Doper überführte Läufer seien, abgesehen von Superstar Rita Jeptoo, junge Athleten gewesen ohne Erfahrung und ohne Aufklärung. Dummheit war für Kipsang auch der Grund für den Vorfall im Olympischen Dorf. Nach dem, was der inkriminierte Trainer sage, sei es nur darum gegangen, sich im Athleten-Restaurant satt zu essen, sagt Kipsang. „Was anderes weiß ich nicht.“

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