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Der Herr der Ringe hört auf : Bittere Liebeserklärung an die Knochenmühle

Seine Welt war eine Scheibe: Lars Riedel bei seinem größten Erfolg, dem Olympiasieg in Atlanta Bild: dpa

Mit seiner Biographie, in der er Sportverbände und Doping-Kontrollen hart kritisiert, nimmt Diskus-Olympiasieger und -Weltmeister Lars Riedel Abschied vom Leistungssport.

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          „Der Körper hat schon seit vielen Jahren gesagt, dass er nicht mehr mitgehen will mit diesem Kopf da.“ Wer so seinen Kampf zwischen Wollen und Können beschreiben kann und seine chronischen Rückenschmerzen, wer so Abschied nimmt von der Knochenmühle Leistungssport, der sollte das vielleicht mit einem Buch tun. Am Mittwoch hat Lars Riedel, Diskus-Olympiasieger und fünfmal Weltmeister, das Werk im Berliner Tempodrom vorgestellt. Bei den deutschen Meisterschaften der Leichtathleten an diesem Wochenende in Nürnberg wird der Olympiasieger von Atlanta 1996 und fünfmalige Weltmeister nicht mehr antreten.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Seine Erfahrungen wolle er nun in Konzepte packen und an Manager weitergeben, sagte der seit wenigen Tagen 41 Jahre alte Riese von 1,99 Meter Größe und vermutlich immer noch 110 Kilogramm Gewicht. Gemeinsam mit seinem Bruder habe er Verfahren zum Gehirntraining entwickelt, das ganz erstaunliche Leistungsreserven erschließe.

          Nichts leichter, als einen Athleten „positiv“ zu machen

          Nur für ihn ist das halt nicht mehr ausreichend. Von Oktober bis Dezember habe er in der Rehabilitation geschuftet, erzählt er, im Januar sei er zum ersten Saisontraining nach Florida gereist. Doch dann habe sich gezeigt, dass er den extremen Belastungen nicht mehr gewachsen sei - eigentlich schon seit Jahren. Deshalb werde er wohl auch in Zukunft, so beschreibt Riedel die Begleit- und die Verschleißerscheinungen seiner mehr als zwanzig Jahre währenden Leistungssportkarriere, nicht schmerzfrei durchs Leben gehen.

          Athlet Riedel: hauchdünne Schicht Goldfarbe

          Auch im Rückblick geht Riedel dorthin, wo's weh tut. Gemeinsam mit dem erfahrenen Autor und ehemaligen Hammerwerfer Edwin Klein hat Riedel eine Biographie verfasst, die auf dem Schutzumschlag das berühmte Foto des Athleten mit nichts als dem Diskus und einer hauchdünnen Schicht Goldfarbe zeigt und den Titel trägt: „Meine Welt ist eine Scheibe“. Darin kritisiert Riedel Sportverbände und -funktionäre, Medien und Sportjournalisten sowie mit besonderer Verve das Doping-Kontrollsystem. Bis zu 200 Mal sei er in seinem Sportlerleben kontrolliert worden. „Zu keiner Zeit habe ich verbotene Substanzen genommen, aber ich hätte auch nie zu hundert Prozent sagen können, dass meine Probe negativ ausfallen würde“, schreibt Riedel.

          Dankbarkeit für all seine früheren Erfolge

          Er erklärt das mit verunreinigten Mineral- oder Vitaminpräparaten, mit den Inhaltsstoffen von Medikamenten und Mohnbrötchen. Insbesondere aber das Prozedere der Kontrollen, in denen er Verstöße gegen die Menschenwürde, den Datenschutz und die Freizügigkeit sieht, beklagt Riedel. Außerdem sei ein solches System anfällig für Sabotage: Nichts sei einfacher, als gezielt einen Athleten „positiv“ zu machen.

          Zusätzlich zum System sei auch das Verhalten einzelner Kontrolleure entwürdigend. Riedel erzählte am Mittwoch von einem, der im Sommer vor zwei Jahren Riedels Wohnung betrat und diesem eröffnete: „Lange machen Sie es sowieso nicht mehr!“ Wenn man das Thema nicht diskutiere, werde sich nichts ändern, findet Riedel.

          „Ich hätte gern in Peking Abschied genommen“

          In einer solchen Diskussion müsste er auf den Beitrag gefasst sein, dass sein Trainer Karlheinz Steinmetz und sein Arzt Armin Klümper von dem Polizisten und ehemaligen Diskuswerfer Alwin Wagner als Förderer und Vertuscher von Doping beschrieben werden. Steinmetz soll anstelle von Wagner eine Urinprobe gegeben haben; ein Bauerntrick, den das heutige Kontrollverfahren durch erhöhte Aufmerksamkeit unmöglich zu machen versucht.

          „Ich hätte gern die Olympischen Spiele in Peking als Abschied genommen“, gestand Riedel in Berlin. „Aber ich bin zufrieden. Ich bin so richtig angekommen.“ Seinen Frieden, so erinnerte er sich, habe er schon früher mit seinem Ehrgeiz gemacht. Als er bei den Spielen von Athen 2004 verletzt ausschied und sein Trainer die vergebene Medaillenchance beklagte, war es der Diskuswerfer, der sich nicht mit ärgerte, sondern geradezu weise Dankbarkeit verspürte für all seine früheren Erfolge.

          „Das ist garantiert keine Abrechnung“

          Riedel fordert eine soziale Absicherung nicht nur von Nachwuchssportlern, sondern auch von ehemaligen. Diese zu schaffen, hätten Verbände und Funktionäre versäumt. Dem Verdacht, er rede pro domo, widerspricht er. Ob seine finanzielle Situation zufriedenstellend sei, wird er gefragt. Antwort: „Wenn sie nur zufriedenstellend wäre, das wäre schlimm.“ Soll wohl heißen, dass die finanzielle Situation des Mannes, der zeitweise als bestverdienender Leichtathlet Deutschlands galt, gut ist.

          Nicht wenige Passagen des Buches klingen bitter. „Das ist von Lars sicher nicht so gemeint“, erklärt Autor Klein. „Das ist garantiert keine Abrechnung. Das ist eher eine verdeckte Liebeserklärung.“

          Seine größten Erfolge

          Olympische Spiele
          Gold in Atlanta 1996
          Silber in Sydney 2000

          Weltmeisterschaften
          Gold in Tokio 1991
          Gold in Stuttgart 1993
          Gold in Göteborg 1995
          Gold in Athen 1997
          Gold in Edmonton 2001
          Bronze in Sevilla 1999

          Europameisterschaften
          Gold in Budapest 1998

          Europacup
          Sieger 1993, 1995, 1997, 2000, 2001

          Grand Prix
          Sieger 1993, 1995, 1997, 1999

          Deutsche Meisterschaften
          Sieger 1992 bis 1998, 2000, 2001, 2003 und 2006

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