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Zum Tod von Rudi Altig : Abschied von „sacre Ruedi“

Rudi Altig (1937-2016) Bild: dpa

Die deutsche Radsport-Legende Rudi Altig stirbt im Alter von 79 Jahren. Er war ein Rennfahrer von großem Format, aber auch eine Reizfigur.

          Er ist einzigartig, seit 50 Jahren. Unerreicht, obwohl es dem deutschen Radsport keineswegs an erstklassigen Rennfahrern mangelt. Aber an Rudi Altig kam niemand heran. Jeder Versuch, es ihm nachzumachen, scheiterte, auch in jüngerer Vergangenheit, in der die aufstrebende Garde um John Degenkolb Jagd auf das Regenbogentrikot machte, auf das Kleid des Straßen-Weltmeisters. Das hatte Altig 1966 gewonnen, als letzter Deutscher. Ein Coup auf dem Nürburgring in einem Jahrzehnt, in dem Altig zu den dominierenden Figuren seiner Branche zählte. Er siegte nicht nur bei der WM, er entschied auch Klassiker wie die Flandern-Rundfahrt (1964) oder Mailand-San Remo (1968) für sich.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Ein knorriger, manchmal polternder Mann, jemand, der sich nicht vor deutlichen Worten scheute – und eine glänzende Karriere, gespickt von Erfolgen. Altig, einer der besten und populärsten deutschen Radrennfahrer überhaupt, errang insgesamt 18 Etappensiege bei den drei großen Rundfahrten Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta. Der gebürtige Mannheimer trug dazu bei der Tour 18 Tage lang das Gelbe Trikot. Ein unerbittlicher Kämpfer auf dem Rad, von den Franzosen als „sacre Ruedi“ verehrt. Altig war zuvor bereits auf der Bahn einer der Besten gewesen, in der Einerverfolgung holte er sich sogar drei WM-Titel.

          Eine besondere Laufbahn – in einer Zeit, in der kaum jemand etwas von Doping wissen wollte. Obwohl auch damals der Betrug weit verbreitet war im Peloton. Dies gehört ebenfalls zur Vita des Sport-Heroen Altig: Auch er war positiv getestet worden, bei der Tour 1969 wurde ihm die Einnahme von Amphetaminen nachgewiesen. 1966 hatte er sich beim belgischen Rennen Flèche Wallonne einer Kontrolle entzogen.

          Für Altig, der den Beinamen „radelnde Apotheke“ erhielt, war dies jedoch „Kleinkram“, kein Vergleich zu heutigen Zeiten. Er hatte eine sehr eigenwillige Meinung zum Thema Missbrauch. „Ich weiß, was ich gemacht habe. Mit Doping hatte das nichts zu tun“, behauptete er. „Wir haben gut trainiert, viel geschlafen und gut gegessen, und wenn wir Kopfweh hatten, gab’s vom Arzt eine Tablette. Das haben doch alle so gemacht. Doping ist, wenn man Blut panscht.“ Altig, ein Rennfahrer von großem Format, aber auch eine Reizfigur.

          Der gelernte KFZ-Mechaniker konnte, nachdem er vom Rad gestiegen war, nicht von „seinem“ Sport lassen. Altig arbeitete als Bundestrainer der Straßenamateure, war Sportlicher Leiter bei traditionsreichen deutschen Rennen wie „Rund um Köln“ oder „Rund um den Henninger Turm“ in Frankfurt, wo er 1970 Sieger geworden war. Und forsch eine Extraprämie ausgehandelt hatte.

          Altig im Jahr 1966 bei der Tour de France

          Altig war damals unumstrittener Publikumsliebling, er zog die Massen an. „Das wusste ich“, erzählte er einst, „und wollte einen Tausender extra.“ Veranstalter Hermann Moos konterte zunächst: „Auf gar keinen Fall.“ Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Sollte Altig gewinnen, würde er das Geld erhalten – was dann auch geschah, obwohl Altig dies enorme Anstrengungen gekostet hatte.

          Noch vor einigen Jahren legte er, mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, einige tausend Kilometer pro Jahr auf dem Rad zurück, er entdeckte aber auch den Golfsport für sich. Er sammelte bei Turnieren Geld für wohltätige Zwecke. Rudi Altig ist am Samstag in einem Hospiz in Remagen einem Krebsleiden erlegen. Er wurde 79 Jahre alt.

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