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Der Fall Schumacher : Lehners Zauberformel gegen Doping-Sperren

Stefan Schumacher in Peking: extreme Hitze, Motivationsabfall oder schlechte Tagesform? Bild: ddp

Die Aufgabe ist verzwickt: Die positiven Doping-Proben von Stefan Schumacher bei der Tour de France und Olympia 2008 sollen verschwinden. Anwalt Lehner will die ruhmlose Vorgeschichte seines Mandanten zur Vorwärtsverteidigung nutzen.

          Abrakadabra – simsalabim: Die Doping-Vergehen von Stefan Schumacher – sie sollen verschwinden! Wird Michael Lehner dieses Zauberkunststück schaffen? Der Rechtsanwalt aus Heidelberg, geschult in vielen harten Doping-Auseinandersetzungen, hat zumindest eine ausgeklügelte Strategie entwickelt, wie er seinen Mandanten befreien will aus seiner Zwangslage. Die Aufgabe ist verzwickt. Die positiven Doping-Proben bei der Tour de France 2008 und bei Olympia 2008 in Peking sollen verschwinden. Fall zwei wie ein Kaninchen im Zylinder von Fall eins. Und die erste in einem Gewirr von Formfehlern. Hinweg damit! Sofern die Sportgerichte folgen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          „Ich sehe keinen neuen Doping-Fall Olympia“, sagt Lehner zunächst. Und das, obwohl der direkt vor seinen Augen liegt. Nicht einmal der Anwalt bezweifelt es: Die Nachtests des Internationalen Olympischen Komitees haben unter anderem eine positive Probe des Nürtinger Radprofis Schumacher ergeben. In seinem Blut fanden sich Spuren von Cera, einer Weiterentwicklung des Medikaments und Blutdopingmittels Erythropoetin, das mit einer besonderen Langzeitwirkung ausgestattet ist. Bisher wurde nur die A-Probe analysiert. Ob er die Öffnung der B-Probe beantragen will, hat Schumacher noch nicht entschieden.

          „Ich bin Anwalt, kein Moralapostel“

          Doch wenn Lehners Argumentation vor dem Sportgericht des Bundes Deutscher Radfahrer greift, ist das auch nebensächlich. Er will die ruhmlose Vorgeschichte seines Mandanten zur Vorwärtsverteidigung nutzen. Denn auch in zwei nachträglich analysierten Doping-Tests von der Tour de France wurden Schumacher Spuren von Cera nachgewiesen. Allerdings erst nach den Olympischen Spielen, er konnte in Peking noch nichts davon wissen. Lehner behauptet nun: Der positive Doping-Test von Peking war eine Folge der Cera-Einnahme bei der Tour de France. Das Langzeitpräparat habe immer noch gewirkt. Es könne sich also keinesfalls um eine Wiederholungstat handeln. Und das ist ihm höchst wichtig. Eine Wiederholungstat zieht als Maximalstrafe eine lebenslange Sperre nach sich.

          War das Olympia-Cera tatsächlich eine Restmenge des Tour-Cera?

          Die Behauptung, dass der positive Test von Olympia eine Folgeerscheinung der Doping-Einnahme bei der Frankreich-Rundfahrt sei, bedeute allerdings noch lange nicht, betont Lehner, dass sein Mandant nun ein Doping-Vergehen bei der Tour de France zugebe. „Er bestreitet es“, sagt Lehner. „Das ist meine Arbeitsgrundlage.“ Schizophren sei eine solche Haltung nicht. „Ich bin Anwalt, kein Moralapostel.“ Die Berufung gegen die zweijährige Sperre durch den Internationalen Radsportverband vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) hält er also aufrecht. Lehner unterstellt dem Analyselabor in Chtenay-Malabry laxen Umgang mit den Tests (von der Tour) so wie den Unterlagen und sieht sich als Anwalt des Beschuldigten nicht ausreichend informiert.

          Olympia-Cera als Restmenge des Tour-Cera

          Verschwindibus? Zu der Argumentation mit dem nachwirkenden Langzeitpräparat sagt der erfahrene Münchner Cas-Richter Dirk-Reiner Martens mit der Distanz des Juristen: „ein guter Ansatzpunkt“. Allerdings ist selbst Lehner im Moment noch nicht sicher, welche Partei den wissenschaftlichen Beweis dafür bringen müsste, dass es sich bei dem Olympia-Cera tatsächlich um eine Restmenge des Tour-Cera handelt – oder dass es sich, aus umgekehrter Perspektive, nicht darum handelt. „Im Strafrecht wäre das klar“, sagt Lehner.

          Derjenige, der die Beweislast hat, dürfte sich schwertun. Ein wissenschaftlicher Beweis dafür, wie lange die Verabreichung von Cera zurückliegt, ist nach Ansicht des Nürnberger Experten Fritz Sörgel nicht möglich. „Es kann theoretisch sein, dass Cera nach vier Wochen noch zirkuliert und nachweisbar ist“, sagt Mario Thevis vom Kölner Zentrum für Präventive Doping-Forschung.

          Schumacher müsste blöd gewesen sein

          Die Daten gäben es also her: Die Tour de France endete am 27. Juli 2008, das olympische Straßenrennen fand am 9. August statt, das Zeitfahren am 13. August. Stefan Schumacher erlebte in dieser Zeit einen massiven Leistungsabfall. Bei der Tour de France gewann er zwei Zeitfahren. Beim Straßenrennen in Peking stieg er aus, im Zeitfahren belegte er Rang 13. Das allerdings wäre kein Beweis dafür, dass er sich kein „frisches“ Cera für Peking hatte nachspritzen lassen. Die extreme Hitze könnte genauso zu einer Formeinbuße geführt haben wie ein Motivationsabfall oder schlechte Tagesform.

          Schumacher müsste blöd gewesen sein, behaupten viele Beobachter, wenn er sich nach der Tour das Mittel noch einmal hätte verabreichen lassen. Schließlich wurde schon während der Tour, spätestens durch den positiven Test des Italieners Riccardo Ricco, bekannt, dass es einen aussagekräftigen Test auf Cera gibt. Nach dieser Argumentation wären alle sechs bei den Nachtests von Peking Ertappten der Langzeitwirkung von Cera zum Opfer gefallen. Dann wäre also auch dem Italiener Davide Rebellin, Silbermedaillengewinner im Straßenrennen von Peking, seine Doping-Strategie bei der Tour de France zum Verhängnis geworden. Aber das kann nicht sein. Rebellin war bei der Tour 2008 nicht am Start.

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