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Der Ethos des Sports : Der Keim der Sumpfblüten

Die Schattenseiten des Sports Bild: AFP

Radsport ist überall: Der Sport kämpft nicht nur auf zwei Rädern mit den Problemen der Kommerzialisierung. Doping ist dabei nur das prominenteste Politikum. Michael Reinsch hat über die Auswüchse des Leistungssports nachgedacht.

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          Für den Hochspringer Raul Spank waren die Olympischen Spiele ernüchternd. Zwar sprang er so hoch wie noch nie und wurde Fünfter. Doch der fehlende Ehrgeiz seiner Mannschaftskameraden habe ihn enttäuscht und aufgebracht, klagte der Zwanzigjährige. Zwei Drittel der deutschen Leichtathleten wollten beim Saisonhöhepunkt nur dabei sein und die Förderung bekommen, vermutete Spank. Ihnen gehe es zu gut.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der zornige junge Mann hat in Peking einen Mentalitätswandel beobachtet. Rund achtzig Jahre nachdem Siegfried Kracauer im Berlin der Weimarer Republik das Phänomen der Angestellten beschrieben hat, sind diese mitten im Sport angekommen: illusionslose Realisten, die ihre sportliche Laufbahn zu einem möglichst langen, einträglichen Berufsleben umzumünzen versuchen. Risiko und Anstrengung gilt es dabei, wie im Büro, zu minimieren.

          Ein gutes Ergebnis bei den Spielen war nur ein Bonus

          Die meisten der knapp 440 Mitglieder der deutschen Olympiamannschaft hatten bei der Anreise nach Peking ihr Ziel bereits erreicht, nämlich nachgewiesen, dass sie national zu den Besten gehören. Sie dürften deshalb auch in der kommenden Saison in die Förderkader berufen werden. Ein gutes Ergebnis bei den Spielen war ein Bonus. Sechzehn Goldmedaillen holte das deutsche Team. Spanks Mannschaftskameraden, die Leichtathleten, beschieden sich mit der Bronzemedaille der Speerwerferin Christina Obergföll.

          Hochspringer Raul Spank glaubt, dass es deutschen Sportlern zu gut geht

          Wer vor einem Jahrhundert sprang – und damals kam keiner auf 2,32 Meter wie Raul Spank in diesem Sommer – tat das in der sozialen Sicherheit der höheren Stände. Er bereicherte mit dem Sport sein Leben, er baute nicht seine Existenz darauf. Die Arbeiterklasse des Sports tummelte sich in der Subkultur: Sie entkam Kohlegruben und Steinbrüchen, bäuerlicher Knechtschaft oder einer kriminellen Karriere ins Berufsboxen oder in den Radsport.

          Diese Profis beklagten nicht Leid und Ungerechtigkeit, sondern kämpften um die Prämie, die sie befreien sollte von ihrem Joch. Wie sie unmenschliche Schmerzen aushielten, wie sie sich bis jenseits der körperlichen Leistungsfähigkeit und der menschlichen Würde quälten und wie sie gelegentlich mit einer leidenschaftlichen Eruption – einem Schlag, einem Spurt – ihre Meisterschaft bewiesen, das unterhielt das Publikum, füllte Zeitungen und ließ Intellektuelle die Metapher vom Kampf ums Überleben besingen.

          Das Prekariat des Sports entwickelte eine krude Solidarität

          Dabei täuschten die Runden der Boxer im Scheinwerferlicht und der Endspurt der Radrennfahrer: Die Arbeit wurde lange vorher getan, im Training und in den ersten Stunden der Rennen. Nicht selten waren die Ergebnisse abgesprochen. Die Kämpfer, ob sie nun mit nacktem Oberkörper in den Ring stiegen oder in den bunten Seidentrikots der Jockeys in den Fahrradsattel, waren Gegenstand von Wetten. Sie spielten das Spiel auf ihre Art mit.

          Gegen den Zynismus, mit dem Manager und Veranstalter ihre Ausbeutung auf die Spitze trieben, verteidigten sie sich mit Doping, Absprachen und Manipulationen. Nicht als Helden der Landstraße, wie die Medien sie verkauften, fühlten sich die Radprofis der frühen Jahre, sondern als Rechtlose und Galeerensklaven. Dieses Prekariat des Sports entwickelte eine eigene, krude Solidarität. Boxer aber sind Einzelkämpfer. Bis heute sind Legionen von ihnen abhängig von unseriösen Promotern, die Kämpfe und Karrieren bestimmen, Prämien aushandeln und großzügig ihre Prozente einbehalten.

          Zweckfreies Tun oder fremdbestimmtes Berufssportlertum?

          „Bruder der Arbeit“ nannte José Ortega y Gasset den Sport vor 54 Jahren in einer Rede in Düsseldorf. Er sei kein Spaß, denn er verlange dem Menschen Anstrengungen ab, führte der spanische Philosoph aus; Sport sei aber auch nicht Arbeit, denn der Mensch leiste diese Anstrengung freiwillig. Was würde er wohl dazu sagen, dass heute der Bildungskanon um Bodybuilding ergänzt ist – und diejenigen, die in chromblitzenden Maschinenparks schuften, bezahlen?

          Auch die Kluft zwischen Bewegung als zweckfreiem Tun und fremdbestimmtem Berufssportlertum, die Ortega zu interpolieren suchte, ist dank der integrierenden Tätigkeit des Internationalen Olympischen Komitees längst überbrückt. In schöner Regelmäßigkeit fremdeln die stärksten Profis aller Sportarten in Nationaltrikots bei der Jugend der Welt.

          Die Radrennfahrer sind die Avantgarde

          Die Radrennfahrer sind die Avantgarde der Arbeiterklasse des Sports, gestählt in Arbeitskämpfen mit Veranstaltern, Verbänden und Vermarktern. Mit schriftlichen Verträgen und stillschweigenden Verabredungen haben sie vorweggenommen, was andere Sportarten mühsam nachholen. Wie in diesem Herbst die Schwimmer Helge Meeuw und Paul Biedermann den Millionenvertrag ihres Verbandes mit Adidas torpedierten, indem sie in Badehose statt Schwimmanzug starteten, haben sie sich freigestrampelt wie echte Profis. Sie haben in einen Bereich eingegriffen, der sonst Marketing- und Rechtsexperten vorbehalten ist, sie haben sich vom Objekt zum Subjekt aufgeschwungen. (siehe: Kurzbahn-EM: Meeuw und Rupprath protestieren in Badehosen“)

          Wer je Sitz- und Bummelstreiks im Radsport erlebte – ob gegen zu schwere Rennen oder gegen Doping-Einsätze der Polizei –, wird bei jeder Auseinandersetzung zwischen Verbänden, die als Veranstalter und Vermarkter auftreten, und Athleten mit professionellen Ansprüchen an das Wettrennen zwischen Hase und Igel erinnert. Wenn er ruft: „Ick bün all hier!“, sitzt der Swinegel allerdings auf dem Fahrrad. Es dürfte kein Zufall sein, dass die beiden positiv getesteten Mitglieder der deutschen Olympiamannschaft das Pferd Cöster und der Radprofi Stefan Schumacher waren: dem einen hatte sein Reiter Christian Ahlmann versucht, Beine zu machen, der andere machte sie sich selbst.

          Schummeln wird staatlich toleriert

          Fast alles, was in einer Sportart mit so vielen Wettbewerben und so vielen unterschiedlichen Interessen wie dem Radsport geschieht, hat eine zweite Ebene. Allianzen werden geschlossen und gebrochen, es wird gelogen und betrogen, man betreibt Wiedergutmachung, und das Publikum kommt trotzdem auf seine Kosten. Woran sollte es auch erkennen, dass Rennfahrer, die bis zum letzten Millimeter um den Etappensieg zu kämpfen scheinen, sich längst darauf geeinigt haben, wer siegt und wer kassiert?

          Veranstalter und Verbände, die ebenfalls an Rennen verdienen, haben nicht grundlos einen ebenso schlechten Ruf wie ihre Athleten. Wie das Internationale Olympische Komitee, das der Hälfte der Nationalmannschaften vor Peking die Einhaltung der Anti-Doping-Regeln erließ, müssen sich nun sogar Parlament und Regierung verdächtigen lassen, in Doping-Fragen ein Auge zuzudrücken. Der Bund Deutscher Radfahrer verzichtete bei einer deutschen Meisterschaft auf Doping-Kontrollen – und wird weiter gefördert. Der ebenfalls staatlich geförderte Deutsche Eishockey-Bund ließ gar eine Regelungslücke so groß wie ein Scheunentor, durch die sein Nationalspieler Florian Busch in die Nationalmannschaft und die Bundesliga schlüpfen konnte, obwohl er einen Doping-Kontrolleur davonjagte. (siehe: Eishockey-WM: Weltverband entscheidet vor dem nächsten Spiel über Busch)

          Wer keine Perspektive hat, riskiert Ruf und Gesundheit

          Im Radsport bestimmt immer auch die Risikobereitschaft das Maß des Erfolges. Bei den rasenden Abfahrten aus Alpen und Pyrenäen wird das sichtbar, wenn die Profis kalkulieren, wie schnell sie auf ihren schmalen, profillosen Reifen die kilometerlangen Schotterstraßen hinab schießen wollen, wie dicht sie sich buchstäblich an den Abgrund trauen. Genauso wägen sie traditionell ab, mit welchen Mitteln sie – im Kopf Jockeys, vom Körper her Rennpferde – sich auf Touren bringen.

          Mehr als die Sorge vor Neben- und Nachwirkung bestimmt das Risiko, bei einem Test aufzufliegen, die Haltung zum Doping. Vielleicht bestimmte auch eine neue Nachdenklichkeit, eine ungewohnte Risikoscheu den Ausgang mancher olympischer Wettbewerbe: eine unerwartete Niederlage hier, ein frühes Ausscheiden dort. Wer eine Perspektive hat – im Sport oder außerhalb – riskiert weniger. Wer keine Perspektive hat, setzt Ruf und Gesundheit bedenkenlos aufs Spiel.

          Die Moralapostel vom Fernsehen und ihr Boxsport

          Radsport wird wie Boxen als mafioses System beschrieben. Es ist abgeschottet und rekrutiert seine Führung aus den eigenen Reihen. Wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit ihnen umgeht, demonstriert seine lächerliche Doppelmoral. Das erste Programm schmeißt nach dem Doping-Fall Schumacher mit Aplomb die Direktübertragungen von der Tour de France hin – und wird sich voraussichtlich belehren lassen müssen, dass es aus den Verträgen nur für einige Millionen Euro aus der Gebührenkasse herauskommt.

          Auf der anderen Seite veranstalten und übertragen die in Fragen sportlicher Moral so sensiblen ersten beiden Programme so viele Berufsboxkämpfe wie noch nie. „Arbeit im Gewande jugendlicher Freude“, wie ihn Turnbruder Guts Muths beschrieb, ist dieser Sport ganz und gar nicht, wenn Aufsteiger aus dem Ostblock und Senioren aus den Vereinigten Staaten zu niveaulosen Prügeleien in den Boxring gelockt werden. Und wer fragt nach Trainingskontrollen der Haudraufs?

          „Traut Euren Augen nicht!“

          Überhaupt, das Fernsehen. Sein Verständnis vom schönen Schein demonstrierten die Bilder von den Olympischen Spielen, mit denen China um jeden Preis seine Position in der Welt neu zu bestimmen suchte. Das Playback mit der falschen kleinen Sängerin, die Einblendung des Feuerwerks vom Band setzten schon bei der Eröffnungsfeier den Ton. Dann gewann der amerikanische Schwimmer Michael Phelps acht Goldmedaillen. „Dieses Leitmotiv zeigt: Traut euren Augen nicht“, resümierte der Berliner Philosoph Gunter Gebauer während der Spiele im Gespräch mit FAZ.NET. „Da kann man sich auch fragen, ob der 100-Meter-Lauf Realität war oder ob er von der chinesischen Regie aus einem Videospiel eingespielt wurde. Wenn man den Boden der Wirklichkeit verlässt, wie es in der Eröffnung demonstriert wurde, dann kann auch der 100-Meter-Lauf digitales Getrickse sein.“ (siehe: Gunter Gebauer im Gespräch: „Peking zeigt: Traut Euren Augen nicht“)

          Tatsächlich schleppte sich Liu Xiang, der Hürdensprinter, der die 52. Goldmedaille für China und die erste seines Landes im Vogelnest, dem Leichtathletik-Stadion mit 90.000 Plätzen, gewinnen sollte, unter Schmerzen zum Startblock. Er habe gewusst, verriet sein Trainer Sun Haipeng ein Vierteljahr später, dass Liu nicht würde laufen können. Aber er habe sich dem Publikum zeigen müssen. )siehe: Liu Xiang: Gekämpft, gelitten, geschwiegen ) Fast war es erleichternd, zu sehen, wie der Fußballstar David Beckham bei der Schlussfeier vor lauter Angst, vom Dach eines Londoner Doppeldeckerbusses zu stürzen, an der Aufgabe scheiterte, einen Fußball auf die Tribüne zu schießen.

          4,7 Milliarden Fernsehzuschauer sollen bei Olympia dabei gewesen sein – Rekord. Der amerikanische Sender NBC übertraf mit 211 Millionen Zuschauern das Ergebnis der Spiele von Atlanta 1996. Das gelang ihm, indem er die Zeitverschiebung ignorierte: Basketball, Beach- und Volleyball, Turnen und Schwimmen strahlte NBC manchmal Stunden später aus. Seine Moderatoren taten, wenn sich die amerikanischen Familien abends vor den Fernsehgeräten versammelten, als übertrügen sie live. Der Großteil des Publikums war’s zufrieden. Es verdarb sich die Freude nicht dadurch, dass es die Ergebnisse im Internet nachschaute. Der Sportfreund will sich nicht dadurch belasten, dass er zu viel weiß.

          Talente werden ausgebeutet für das Unterhaltungsbedürfnis

          Was das alles mit den Angestellten in den Nationalmannschaften zu tun hat? Wer professionell Sport treibt, stellt sich in die Tradition eines Berufssports, der Teil des Unterhaltungsgewerbes ist. Niemand wird der Fechterin Imke Duplitzer Manipulation oder Doping unterstellen. Aber sie machte, als auch in Deutschland kurz ein Boykott der Spiele von Peking diskutiert wurde, deutlich, dass ihre Abhängigkeit vom Sport solche Überlegungen nicht zulässt. „Ernährt mich Moral?“, fragte sie provokant. „Wenn ich deshalb nicht zu den Olympischen Spielen reisen dürfte, wäre ich beruflich erledigt.“ (siehe: China-Kritikerin Imke Duplitzer: „Da kommt das IOC nicht ohne Gesichtsverlust raus“)

          Sie ist bei der Bundeswehr angestellt wie mehr als achthundert Spitzensportler. Das ändert nichts an der grundsätzlich prekären Situation: „Ich bin von den Spielen existentiell abhängig.“ Jeder kommerzialisierte Sport trägt den Keim der Sumpfblüten in sich, die im Profiradsport längst aufgegangen sind. Olympia unterscheidet sich von anderen Veranstaltungen dadurch, dass die Staaten der Welt es als Bühne nationaler Repräsentation gebrauchen. Was die Spiele nicht unterscheidet, ist die Ausbeutung von Talent für das Unterhaltungsbedürfnis des Fernsehpublikums. Die Tagelöhner des Sports kommen heute aus Afrika und Osteuropa. Sie sind Prügelknaben für die Quote, Hasen, denen in jedem Rennen ein Igel voraus ist.

          Unsere Athleten treibt nicht Hunger und Verzweiflung

          „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, heißt es im Alten Testament. Nicht einmal im Sport kann davon noch generell die Rede sein. Wer in unserer Gesellschaft beackert, bitte schön – anders als in den Hallen des chinesischen Sportapparats, in den Laufgruppen Afrikas und den Krafträumen osteuropäischer Olympiakader –, noch den sprichwörtlichen Ackerboden, auf dem Dornen und Disteln wachsen? Unsere Athleten haben, wie es sich gehört, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, verbunden mit Studium, Berufsausbildung und Zahlung in die Rentenkasse. Sie treiben nicht Hunger und Verzweiflung. Sie lockt die Aussicht auf bescheidenen Ruhm und einen Lebensstil, der sie ihre Arbeit in Trainingslagern am Mittelmeer und in den Rocky Mountains tun lässt.

          In der ausdifferenzierten Hierarchie des Hochleistungssports trägt diese Stufe der Gesellschaft ihre Vorsilben wie eine hoffnungslose Prognose: Mittelschicht, Mittelmaß. Vielleicht ist Ernüchterung am Platze. Doch das Fehlen von Extremen, der Umstand, dass in einer freien Gesellschaft Athleten weder metaphorisch noch existentiell um ihr Leben kämpfen, ist gewiss auch ein Grund zur Erleichterung.

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