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Der Ethos des Sports : Der Keim der Sumpfblüten

4,7 Milliarden Fernsehzuschauer sollen bei Olympia dabei gewesen sein – Rekord. Der amerikanische Sender NBC übertraf mit 211 Millionen Zuschauern das Ergebnis der Spiele von Atlanta 1996. Das gelang ihm, indem er die Zeitverschiebung ignorierte: Basketball, Beach- und Volleyball, Turnen und Schwimmen strahlte NBC manchmal Stunden später aus. Seine Moderatoren taten, wenn sich die amerikanischen Familien abends vor den Fernsehgeräten versammelten, als übertrügen sie live. Der Großteil des Publikums war’s zufrieden. Es verdarb sich die Freude nicht dadurch, dass es die Ergebnisse im Internet nachschaute. Der Sportfreund will sich nicht dadurch belasten, dass er zu viel weiß.

Talente werden ausgebeutet für das Unterhaltungsbedürfnis

Was das alles mit den Angestellten in den Nationalmannschaften zu tun hat? Wer professionell Sport treibt, stellt sich in die Tradition eines Berufssports, der Teil des Unterhaltungsgewerbes ist. Niemand wird der Fechterin Imke Duplitzer Manipulation oder Doping unterstellen. Aber sie machte, als auch in Deutschland kurz ein Boykott der Spiele von Peking diskutiert wurde, deutlich, dass ihre Abhängigkeit vom Sport solche Überlegungen nicht zulässt. „Ernährt mich Moral?“, fragte sie provokant. „Wenn ich deshalb nicht zu den Olympischen Spielen reisen dürfte, wäre ich beruflich erledigt.“ (siehe: China-Kritikerin Imke Duplitzer: „Da kommt das IOC nicht ohne Gesichtsverlust raus“)

Sie ist bei der Bundeswehr angestellt wie mehr als achthundert Spitzensportler. Das ändert nichts an der grundsätzlich prekären Situation: „Ich bin von den Spielen existentiell abhängig.“ Jeder kommerzialisierte Sport trägt den Keim der Sumpfblüten in sich, die im Profiradsport längst aufgegangen sind. Olympia unterscheidet sich von anderen Veranstaltungen dadurch, dass die Staaten der Welt es als Bühne nationaler Repräsentation gebrauchen. Was die Spiele nicht unterscheidet, ist die Ausbeutung von Talent für das Unterhaltungsbedürfnis des Fernsehpublikums. Die Tagelöhner des Sports kommen heute aus Afrika und Osteuropa. Sie sind Prügelknaben für die Quote, Hasen, denen in jedem Rennen ein Igel voraus ist.

Unsere Athleten treibt nicht Hunger und Verzweiflung

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, heißt es im Alten Testament. Nicht einmal im Sport kann davon noch generell die Rede sein. Wer in unserer Gesellschaft beackert, bitte schön – anders als in den Hallen des chinesischen Sportapparats, in den Laufgruppen Afrikas und den Krafträumen osteuropäischer Olympiakader –, noch den sprichwörtlichen Ackerboden, auf dem Dornen und Disteln wachsen? Unsere Athleten haben, wie es sich gehört, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, verbunden mit Studium, Berufsausbildung und Zahlung in die Rentenkasse. Sie treiben nicht Hunger und Verzweiflung. Sie lockt die Aussicht auf bescheidenen Ruhm und einen Lebensstil, der sie ihre Arbeit in Trainingslagern am Mittelmeer und in den Rocky Mountains tun lässt.

In der ausdifferenzierten Hierarchie des Hochleistungssports trägt diese Stufe der Gesellschaft ihre Vorsilben wie eine hoffnungslose Prognose: Mittelschicht, Mittelmaß. Vielleicht ist Ernüchterung am Platze. Doch das Fehlen von Extremen, der Umstand, dass in einer freien Gesellschaft Athleten weder metaphorisch noch existentiell um ihr Leben kämpfen, ist gewiss auch ein Grund zur Erleichterung.

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