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Der Ethos des Sports : Der Keim der Sumpfblüten

Wer keine Perspektive hat, riskiert Ruf und Gesundheit

Im Radsport bestimmt immer auch die Risikobereitschaft das Maß des Erfolges. Bei den rasenden Abfahrten aus Alpen und Pyrenäen wird das sichtbar, wenn die Profis kalkulieren, wie schnell sie auf ihren schmalen, profillosen Reifen die kilometerlangen Schotterstraßen hinab schießen wollen, wie dicht sie sich buchstäblich an den Abgrund trauen. Genauso wägen sie traditionell ab, mit welchen Mitteln sie – im Kopf Jockeys, vom Körper her Rennpferde – sich auf Touren bringen.

Mehr als die Sorge vor Neben- und Nachwirkung bestimmt das Risiko, bei einem Test aufzufliegen, die Haltung zum Doping. Vielleicht bestimmte auch eine neue Nachdenklichkeit, eine ungewohnte Risikoscheu den Ausgang mancher olympischer Wettbewerbe: eine unerwartete Niederlage hier, ein frühes Ausscheiden dort. Wer eine Perspektive hat – im Sport oder außerhalb – riskiert weniger. Wer keine Perspektive hat, setzt Ruf und Gesundheit bedenkenlos aufs Spiel.

Die Moralapostel vom Fernsehen und ihr Boxsport

Radsport wird wie Boxen als mafioses System beschrieben. Es ist abgeschottet und rekrutiert seine Führung aus den eigenen Reihen. Wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit ihnen umgeht, demonstriert seine lächerliche Doppelmoral. Das erste Programm schmeißt nach dem Doping-Fall Schumacher mit Aplomb die Direktübertragungen von der Tour de France hin – und wird sich voraussichtlich belehren lassen müssen, dass es aus den Verträgen nur für einige Millionen Euro aus der Gebührenkasse herauskommt.

Auf der anderen Seite veranstalten und übertragen die in Fragen sportlicher Moral so sensiblen ersten beiden Programme so viele Berufsboxkämpfe wie noch nie. „Arbeit im Gewande jugendlicher Freude“, wie ihn Turnbruder Guts Muths beschrieb, ist dieser Sport ganz und gar nicht, wenn Aufsteiger aus dem Ostblock und Senioren aus den Vereinigten Staaten zu niveaulosen Prügeleien in den Boxring gelockt werden. Und wer fragt nach Trainingskontrollen der Haudraufs?

„Traut Euren Augen nicht!“

Überhaupt, das Fernsehen. Sein Verständnis vom schönen Schein demonstrierten die Bilder von den Olympischen Spielen, mit denen China um jeden Preis seine Position in der Welt neu zu bestimmen suchte. Das Playback mit der falschen kleinen Sängerin, die Einblendung des Feuerwerks vom Band setzten schon bei der Eröffnungsfeier den Ton. Dann gewann der amerikanische Schwimmer Michael Phelps acht Goldmedaillen. „Dieses Leitmotiv zeigt: Traut euren Augen nicht“, resümierte der Berliner Philosoph Gunter Gebauer während der Spiele im Gespräch mit FAZ.NET. „Da kann man sich auch fragen, ob der 100-Meter-Lauf Realität war oder ob er von der chinesischen Regie aus einem Videospiel eingespielt wurde. Wenn man den Boden der Wirklichkeit verlässt, wie es in der Eröffnung demonstriert wurde, dann kann auch der 100-Meter-Lauf digitales Getrickse sein.“ (siehe: Gunter Gebauer im Gespräch: „Peking zeigt: Traut Euren Augen nicht“)

Tatsächlich schleppte sich Liu Xiang, der Hürdensprinter, der die 52. Goldmedaille für China und die erste seines Landes im Vogelnest, dem Leichtathletik-Stadion mit 90.000 Plätzen, gewinnen sollte, unter Schmerzen zum Startblock. Er habe gewusst, verriet sein Trainer Sun Haipeng ein Vierteljahr später, dass Liu nicht würde laufen können. Aber er habe sich dem Publikum zeigen müssen. )siehe: Liu Xiang: Gekämpft, gelitten, geschwiegen ) Fast war es erleichternd, zu sehen, wie der Fußballstar David Beckham bei der Schlussfeier vor lauter Angst, vom Dach eines Londoner Doppeldeckerbusses zu stürzen, an der Aufgabe scheiterte, einen Fußball auf die Tribüne zu schießen.

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