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Der Ethos des Sports : Der Keim der Sumpfblüten

„Bruder der Arbeit“ nannte José Ortega y Gasset den Sport vor 54 Jahren in einer Rede in Düsseldorf. Er sei kein Spaß, denn er verlange dem Menschen Anstrengungen ab, führte der spanische Philosoph aus; Sport sei aber auch nicht Arbeit, denn der Mensch leiste diese Anstrengung freiwillig. Was würde er wohl dazu sagen, dass heute der Bildungskanon um Bodybuilding ergänzt ist – und diejenigen, die in chromblitzenden Maschinenparks schuften, bezahlen?

Auch die Kluft zwischen Bewegung als zweckfreiem Tun und fremdbestimmtem Berufssportlertum, die Ortega zu interpolieren suchte, ist dank der integrierenden Tätigkeit des Internationalen Olympischen Komitees längst überbrückt. In schöner Regelmäßigkeit fremdeln die stärksten Profis aller Sportarten in Nationaltrikots bei der Jugend der Welt.

Die Radrennfahrer sind die Avantgarde

Die Radrennfahrer sind die Avantgarde der Arbeiterklasse des Sports, gestählt in Arbeitskämpfen mit Veranstaltern, Verbänden und Vermarktern. Mit schriftlichen Verträgen und stillschweigenden Verabredungen haben sie vorweggenommen, was andere Sportarten mühsam nachholen. Wie in diesem Herbst die Schwimmer Helge Meeuw und Paul Biedermann den Millionenvertrag ihres Verbandes mit Adidas torpedierten, indem sie in Badehose statt Schwimmanzug starteten, haben sie sich freigestrampelt wie echte Profis. Sie haben in einen Bereich eingegriffen, der sonst Marketing- und Rechtsexperten vorbehalten ist, sie haben sich vom Objekt zum Subjekt aufgeschwungen. (siehe: Kurzbahn-EM: Meeuw und Rupprath protestieren in Badehosen“)

Wer je Sitz- und Bummelstreiks im Radsport erlebte – ob gegen zu schwere Rennen oder gegen Doping-Einsätze der Polizei –, wird bei jeder Auseinandersetzung zwischen Verbänden, die als Veranstalter und Vermarkter auftreten, und Athleten mit professionellen Ansprüchen an das Wettrennen zwischen Hase und Igel erinnert. Wenn er ruft: „Ick bün all hier!“, sitzt der Swinegel allerdings auf dem Fahrrad. Es dürfte kein Zufall sein, dass die beiden positiv getesteten Mitglieder der deutschen Olympiamannschaft das Pferd Cöster und der Radprofi Stefan Schumacher waren: dem einen hatte sein Reiter Christian Ahlmann versucht, Beine zu machen, der andere machte sie sich selbst.

Schummeln wird staatlich toleriert

Fast alles, was in einer Sportart mit so vielen Wettbewerben und so vielen unterschiedlichen Interessen wie dem Radsport geschieht, hat eine zweite Ebene. Allianzen werden geschlossen und gebrochen, es wird gelogen und betrogen, man betreibt Wiedergutmachung, und das Publikum kommt trotzdem auf seine Kosten. Woran sollte es auch erkennen, dass Rennfahrer, die bis zum letzten Millimeter um den Etappensieg zu kämpfen scheinen, sich längst darauf geeinigt haben, wer siegt und wer kassiert?

Veranstalter und Verbände, die ebenfalls an Rennen verdienen, haben nicht grundlos einen ebenso schlechten Ruf wie ihre Athleten. Wie das Internationale Olympische Komitee, das der Hälfte der Nationalmannschaften vor Peking die Einhaltung der Anti-Doping-Regeln erließ, müssen sich nun sogar Parlament und Regierung verdächtigen lassen, in Doping-Fragen ein Auge zuzudrücken. Der Bund Deutscher Radfahrer verzichtete bei einer deutschen Meisterschaft auf Doping-Kontrollen – und wird weiter gefördert. Der ebenfalls staatlich geförderte Deutsche Eishockey-Bund ließ gar eine Regelungslücke so groß wie ein Scheunentor, durch die sein Nationalspieler Florian Busch in die Nationalmannschaft und die Bundesliga schlüpfen konnte, obwohl er einen Doping-Kontrolleur davonjagte. (siehe: Eishockey-WM: Weltverband entscheidet vor dem nächsten Spiel über Busch)

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